Seit der Cannabis-Teillegalisierung gibt es mehr Klinikeinweisungen wegen akuter Vergiftungen und Psychosen – so aktuelle Zahlen. Welche Rolle Online-Apotheken dabei spielen.
Ein junger Patient kommt mit akuter Verwirrtheit, Angst und Wahnvorstellungen in die Notaufnahme – Verdacht auf cannabisinduzierte Psychose. Seit der Teillegalisierung im April 2024 scheint dieses Bild in deutschen Kliniken häufiger geworden zu sein. Eine aktuelle Studie im Fachjournal Deutsches Ärzteblatt International liefert dafür jetzt handfeste Zahlen – und einen Verdacht, der aufhorchen lassen dürfte: hochpotentes Medizinalcannabis.
Für die Studie werteten Forschende um Jakob Manthey vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf im Rahmen des EKOCAN-Projekts Daten von mehr als 70.000 Krankenhausaufnahmen aus den Abrechnungssystemen der gesetzlichen Krankenversicherung aus – ein Datenpool von 70 Millionen Menschen. Verglichen wurden die wöchentlichen cannabisbedingten Einweisungen zwischen Januar 2022 und September 2025. Das Ergebnis: Direkt nach Inkrafttreten des Cannabisgesetzes stiegen die Aufnahmeraten bei Erwachsenen von 1,12 auf 1,27 pro 1.000 Einweisungen (+5,6 Prozent), bei Jugendlichen von 1,07 auf 1,22 pro 1.000 (+14,9 Prozent). Hochgerechnet entspricht das 1.359 zusätzlichen Einweisungen im ersten Jahr nach der Gesetzesänderung, bei Jugendlichen zusätzlichen 91.
Bei Erwachsenen blieb die Rate danach dauerhaft erhöht – kein weiterer Anstieg, aber auch keine Entspannung. Bei Jugendlichen bildete sich der Effekt dagegen nach 35 Wochen wieder zurück. Aufgeschlüsselt nach Diagnosen zeigt sich: Cannabisvergiftungen bei Erwachsenen nahmen um 37,1 Prozent zu (von 0,08 auf 0,11 pro 1.000), cannabisinduzierte Psychosen um 16,7 Prozent (von 0,32 auf 0,40 pro 1.000). Beide Werte pendelten sich danach auf dem neuen Niveau ein.
Prof. Alkomiet Hasan von der Universität Augsburg hält die Methodik der Studie für exzellent, betont aber, dass ein Kausalzusammenhang damit nicht bewiesen ist: „Das Design erlaubt keine kausalen Schlussfolgerungen, aber doch deutliche Hinweise auf einen Zusammenhang zur Legalisierung.“ Auch einen möglichen Verzerrungsfaktor räumt er ein: den Detection Bias, also dass Ärzte aufgrund der öffentlichen Debatte gezielter nach Cannabiskonsum fragen und einen Abusus entsprechend häufiger diagnostizieren. Doch selbst das erkläre nicht den gesamten Anstieg.
Für Hasan überrascht der Trend nicht – ähnliche Entwicklungen seien aus anderen Ländern bekannt. Sein zentraler Punkt für die Praxis: „Wir wissen, dass je höher der THC-Gehalt ist, desto höher ist das Risiko für psychische Folgereaktionen und Erkrankungen, vor allem Intoxikationen, Psychosen, Angstzustände und Suizidalität. Medizinalcannabis enthält oft viel mehr THC als das ‚Straßencannabis‘.“ In Deutschland werde Medizinalcannabis zudem oft schlicht als Freizeitcannabis genutzt – ein Umstand, der die beobachtete Entwicklung nach seiner Einschätzung begünstigt.
Dass die absoluten Fallzahlen zunächst überschaubar wirken, sollte laut Hasan nicht beruhigen: „Auch wenn die absoluten Zahlen gering erscheinen, sind es 25 Fälle in der Woche – umgerechnet über 1.000 Fälle im Jahr. Davon können über die Jahre einige in eine schwere psychische Erkrankung übergehen. Das ist relevant.“ Für belastbare Aussagen zu schweren Langzeitfolgen wie einem Übergang in eine Schizophrenie oder zu Suizidalität sei der bisherige Beobachtungszeitraum von zwei Jahren allerdings noch zu kurz.
Vorsichtiger fällt die Einordnung von Prof. Ursula Havemann-Reinecke von der Universitätsmedizin Göttingen aus. Die Datenbasis aus PEPP- und DRG-Abrechnungsdaten sei grundsätzlich solide, habe aber Lücken: Kinder und Jugendliche mit Cannabisvergiftung könnten auch in Kinderkliniken statt in der Psychiatrie behandelt worden sein, ebenso Erwachsene mit vorrangig somatischen Beschwerden wie starkem Erbrechen in internistischen Abteilungen. Beides könnte die tatsächlichen Zahlen eher unterschätzen. Hinzu kommt: Mehrfachaufnahmen derselben Person ließen sich nicht herausrechnen, ein möglicher Konsum weiterer Substanzen wie Alkohol wurde nicht erfasst – und gerade bei Jugendlichen seien die Fallzahlen für Vergiftungen und Psychosen für eine gesicherte Aussage noch zu niedrig.
Einig sind sich beide Fachleute darin, dass die Daten keine Entwarnung erlauben. Havemann-Reinecke betont, dass die Teillegalisierung jedenfalls nicht zu weniger Cannabisvergiftungen oder -psychosen geführt habe. Hasan zieht daraus eine klare Konsequenz für die Praxis: Vor allem die Verschreibung von Medizinalcannabis für Freizeitzwecke über Online-Rezepte ohne persönlichen Arztkontakt berge eine besondere Gefahr. Cannabis habe als Arzneimittel bei bestimmten Indikationen durchaus seinen Platz – für die meisten psychischen Erkrankungen fehle jedoch die Evidenzgrundlage, weshalb ein kritischer Blick auf die Verschreibungspraxis und ein offenes Gespräch über THC-Gehalt und Konsummuster gerade jetzt an Bedeutung gewinnen.
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