KOMMENTAR | In Deutschland fehlen Ärzte. Doch anstatt Bewerbern Studienplätze zu bieten, schicken wir sie in andere Länder. Warum die Rechnung nicht aufgeht.
Kaum ein gesundheitspolitischer Akteur versäumt es, vor einem Kollaps der ambulanten Versorgung in Deutschland zu warnen. Schon heute sind bundesweit rund 5.000 Hausarztsitze unbesetzt. Gleichzeitig steht ein massiver Generationenwechsel bevor: Jeder vierte Hausarzt plant, die Tätigkeit innerhalb der kommenden 5 Jahre aufzugeben.
Doch der Staat hält den Zugang zum Medizinstudium künstlich knapp: Jährlich stehen gut 10.000 Studienplätze rund 45.000 Bewerbungen gegenüber. Vielerorts setzt die Zulassung Abiturleistungen im Bereich von 1,0 bis 1,2 oder zusätzliche Spitzenleistungen im Auswahlverfahren voraus.
Wer trotz Eignung keinen Studienplatz erhält, sucht sein Glück eben im Ausland. Mindestens 9.100 deutsche Studenten, vermutlich aber deutlich mehr, absolvieren dort ein Medizinstudium – ungefähr jeder zehnte deutsche Medizinstudent. Tausende deutsche Abiturienten weichen nach Österreich, Ungarn, Bulgarien, Polen, Rumänien oder in die Schweiz aus. Sie zahlen dort häufig hohe Studiengebühren von deutlich über 10.000 Euro pro Jahr – besonders in den englischsprachigen Medizinprogrammen in Ungarn und Tschechien. Nach dem Studium kehren sie oft nach Deutschland zurück, um hier den Ärztemangel zu lindern.
Der Zugang zum Arztberuf wird zu einer Frage des Elternhauses statt der Eignung. Wer sich Studiengebühren von mehreren zehntausend Euro leisten kann, findet häufig einen Weg ins Medizinstudium. Wer dieses Geld nicht hat, scheitert oft trotz gleicher Motivation und Qualifikation.
Wie absurd das System inzwischen geworden ist, belegt ausgerechnet eines seiner Vorzeigeprojekte: Seit 2013 finanziert die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen zusammen mit Krankenkassen jedes Jahr insgesamt 40 jungen Menschen ein komplettes Medizinstudium an der Universität Pécs in Ungarn. Im Gegenzug verpflichten sich die Studenten, nach ihrem Abschluss mindestens 5 Jahre als Hausärzte außerhalb der Ballungsräume Dresden und Leipzig zu arbeiten. Das Programm gilt als pragmatisch, weil es erfolgreich auf einen Versorgungsnotstand reagiert. Gleichzeitig ist es ein Offenbarungseid. Denn statt die Ausbildungskapazitäten an eigenen Universitäten auszubauen, finanziert Deutschland mit Steuer- und Beitragsgeldern Studienplätze im Ausland.
Wenn es politisch einfacher ist, Medizinstudienplätze in Ungarn einzukaufen, als sie im eigenen Land zu schaffen, stimmt etwas Grundsätzliches nicht. Inzwischen setzen auch andere Bundesländer auf Förderprogramme für Medizinstudien im europäischen Ausland. Das zeigt, dass aus der Ausnahme längst ein Erfolgsmodell mit schalem Beigeschmack geworden ist.
Besonders deutlich wird das Problem im europäischen Kontext. Österreich bildet seit Jahren mehr Ärzte aus, als das Land selbst benötigt – auch weil deutsche Studenten dort einen erheblichen Teil der Studienplätze belegen. Mit 2.543 Immatrikulationen haben sie 2022 die größte ausländische Studierendengruppe gestellt.
Die Österreichische Ärztekammer kritisiert solche Trends seit Langem. Und das aus gutem Grund: Mehr als 30 Prozent der Absolventen verlassen Österreich nach dem Studium wieder, ohne jemals im heimischen Gesundheitssystem gearbeitet zu haben. Ein Vertreter der Ärztekammer brachte die Schieflage auf den Punkt: Das Ausland dürfe sich freuen, wenn Österreich mit eigenem Steuergeld Ärzte ausbilde, die anschließend kostenlos exportiert würden.
Genau darin liegt das Problem: Deutschland bekämpft seinen Ärztemangel nicht, indem es ausreichend selbst ausbildet. Es greift lediglich auf die Kapazitäten seiner Nachbarländer zurück. Die Kosten tragen Österreich, Ungarn und andere Staaten – den Nutzen haben deutsche Kliniken und Praxen.
Man kann das als europäische Freizügigkeit oder als gelungene Mobilität feiern. Tatsächlich ist es aber vor allem eine Verlagerung der heimischen Misswirtschaft auf die Nachbarländer. Deutschland profitiert seit Jahren von deren Investitionen, ohne die Ursachen des eigenen Ausbildungsdefizits konsequent zu beseitigen. Wer dauerhaft auf Ausbildungskapazitäten anderer Nationen zurückgreift, sollte sich auch angemessen an deren Finanzierung beteiligen. Das heutige System verlagert die Ausbildungskosten stillschweigend ins Ausland – ein transparenter europäischer Lastenausgleich wäre deutlich ehrlicher.
Ebenso dringend brauchen wir belastbare Daten. Bis heute weiß niemand im Detail, wie viele der deutschen Medizinstudenten im Ausland tatsächlich nach Deutschland zurückkehren und hier dauerhaft praktizieren. Selbst Experten des CHE kritisieren diese Datenlücke seit Jahren. Wer Versorgungspolitik ernsthaft steuern will, muss zunächst wissen, wie groß das Problem tatsächlich ist.
Doch auch ohne hochwertige Daten sollte die Politik endlich aufwachen. Landarztquoten oder Sonderprogramme für einige Hundert Bewerber pro Jahr lindern allenfalls Symptome, beheben aber nicht den eigentlichen Engpass. Solange jedes Jahr Zehntausende geeignete Studieninteressierte abgewiesen werden, bleibt der Ärztemangel hausgemacht.
Ebenso überfällig ist eine Reform der Zulassung. Inzwischen fordern selbst konservative Politiker wie Klaus Holetschek (CSU) die Abschaffung des klassischen Numerus clausus zugunsten stärkerer Eignungstests. Das Problem ist damit längst bei Entscheidern angekommen. Auch der Bundesverband der Medizinstudierenden (bvmd) kritisiert seit Jahren zu Recht die übermäßige Bedeutung der Abiturnote: Er fordert, Motivation, Persönlichkeit und soziale Kompetenz stärker zu berücksichtigen. Doch das beste Auswahlverfahren löst den Ärztemangel nicht, wenn es schlicht zu wenige Studienplätze gibt.
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