Drogeriemarkt sagt Ja, Cochrane sagt Nein: Laut Studienlage helfen Nachtkerzenöl-Kapseln nicht gegen Neurodermitis. Dabei könnte der Weg zur Linderung anders aussehen.
Wenn von der Nachtkerze gesprochen wird, ist damit meist die Gemeine Nachtkerze (Oenothera biennis) gemeint. Sie gehört zur Familie der Nachtkerzengewächse und wird etwa 90–150 Zentimeter groß. Ursprünglich stammt sie aus Nordamerika, wurde aber im 17. Jahrhundert nach Europa gebracht. Heute wächst sie auch in Deutschland. Ihren Namen erhielt sie, weil sich ihre auffälligen Blüten erst gegen Abend öffnen und bis in die Nacht hinein blühen.
Während man früher auch ihre Wurzeln als Gemüse aß, ist heute vor allem das Öl aus den Samen relevant. Beim Nachtkerzenöl handelt es sich nicht um ein ätherisches, sondern um ein fettes Öl, das einen hohen Anteil an ungesättigten Fettsäuren aufweist. Wichtig sind vor allem die enthaltenen Fettsäuren Linolsäure und Gamma-Linolensäure. Die Gamma-Linolensäure wird häufig als Grund dafür genannt, Nachtkerzenöl bei Hautproblemen einzusetzen, denn die enthaltenen Fettsäuren könnten bei Entzündungsprozessen und bei der Hautbarriere eine Rolle spielen – zumindest theoretisch.
Nachtkerzenöl wird aber nicht nur äußerlich eingesetzt, wie man daher vermuten könnte, sondern auch innerlich. Für die innerliche Anwendung gibt es Nachtkerzenöl zum Beispiel in Form von Kapseln auf dem Markt. Zur äußerlichen Anwendung findet man es in Cremes, Körperpflegemitteln und in Kosmetika.
Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der Europäischen Arzneimittel-Agentur (HMPC) stuft Nachtkerzenöl-Präparate als traditionelle pflanzliche Arzneimittel ein. Das bedeutet nicht, dass ihre Wirksamkeit durch gute moderne klinische Studien bewiesen ist – es bedeutet vor allem, dass sie aufgrund ihrer langjährigen Anwendung zur Linderung von Juckreiz bei kurzfristigen und länger bestehenden Hauterkrankungen eingesetzt werden kann. Für die innerliche Anwendung gilt diese traditionelle Einordnung allerdings erst ab 12 Jahren.
Besonders häufig wird Nachtkerzenöl bei Neurodermitis beworben oder verwendet. Neurodermitis, auch atopische Dermatitis oder atopisches Ekzem genannt, ist eine chronische, entzündliche, stark juckende und nicht ansteckende Hauterkrankung. Typisch sind trockene, gerötete, schuppige, rissige oder nässende Hautstellen, die oft schubweise auftreten.
Die Studiendaten sprechen allerdings deutlich dagegen, dass Nachtkerzenöl-Kapseln die Beschwerden einer Neurodermitis lindern. Eine Cochrane-Übersichtsarbeit kam zu dem Ergebnis, dass Nachtkerzenöl-Kapseln die Beschwerden von Neurodermitis nicht lindern. Auch eine spätere Studie hat es nicht geschafft, diese Einschätzung zu ändern, weil sie erhebliche methodische Mängel aufwies. Wichtig ist aber, zwischen der Einnahme und topischen Anwendung zu unterscheiden.
Für die äußerliche Anwendung ist in Deutschland eine Creme mit Nachtkerzensamenöl als Arzneimittel zugelassen. Sie enthält 20 Gramm Nachtkerzensamenöl pro 100 Gramm Creme und ist für Säuglinge, Kinder und Erwachsene vorgesehen. Eingesetzt wird sie zur symptomatischen Behandlung trockener Haut im akuten und chronischen Stadium.
Die Haut soll dadurch wieder besser mit Feuchtigkeit versorgt werden, sodass raue Haut glatter wird. Die Creme bildet außerdem eine dünne, abdeckende Ölschicht auf der Hautoberfläche (okklusiver Effekt), die die Haut vor verstärktem Wasserverlust schützen soll.
Die Creme wird 2–3-mal täglich oder nach Bedarf auf die betroffenen Hautstellen aufgetragen. Falls die Beschwerden bestehen bleiben, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Die Creme sollte nicht in Augennähe und auch nicht auf verletzte Haut aufgetragen werden. Während der Anwendung sollten Solariumbesuche vermieden werden, da nicht ausreichend bekannt ist, ob die Haut dadurch lichtempfindlicher reagieren könnte. Außerdem können bestimmte Hilfsstoffe in der Creme die Funktionsfähigkeit von Latexprodukten wie Kondomen oder Diaphragmen beeinträchtigen. Bei Babys unter 4 Wochen mit offenen Wunden oder großflächigen Hautverletzungen ist zudem Vorsicht geboten. Laut Fachinformation sollte die Anwendung der Creme bei Epilepsie, früherer Epilepsie oder bei Behandlung mit Arzneimitteln gegen epileptische Anfälle vorher ärztlich abgeklärt werden.
Bei innerlicher Einnahme von Nachtkerzenöl kann es zu Übelkeit, Verdauungsstörungen, Durchfall, Kopfschmerzen und Überempfindlichkeitsreaktionen der Haut kommen. Bei der äußerlichen Anwendung wurden selten leichte und vorübergehende Hautreizungen berichtet. Sehr selten kann es zu einer Kontaktdermatitis oder einer Nesselsucht (Urtikaria) kommen.
Auch in der Schwangerschaft und Stillzeit ist Vorsicht geboten. Die Sicherheit der innerlichen Einnahme von Nachtkerzenöl ist in dieser Phase nicht ausreichend geklärt. Nachtkerzenöl wird zwar manchmal gegen Ende der Schwangerschaft zur Vorbereitung des Muttermunds oder zur Geburtseinleitung eingenommen. Ob es dabei tatsächlich etwas bringt, ist aber genauso unklar wie die Frage, ob es sicher ist. Schwangere und Stillende sollten die Einnahme deshalb immer ärztlich abklären lassen.
Auch zur äußerlichen Anwendung gibt es Einschränkungen: Die Fachinformation zur Creme sagt, dass die Unbedenklichkeit in Schwangerschaft und Stillzeit nicht untersucht wurde. Deshalb sollte sie dann nur auf ärztliche Anweisung angewendet werden. In der Stillzeit darf sie angewendet werden, wenn sie nicht im Bereich der Brüste aufgetragen wird, damit der Säugling keine Creme mit dem Mund aufnimmt.
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