KOMMENTAR | So genannte Medfluencer klären in den sozialen Medien über Krankheiten auf und geben die passenden Therapieempfehlungen praktischerweise direkt dazu. Schade nur, wenn es sich um erfundene Krankheiten handelt.
Der Halo-Effekt ist real, und auch das Internet bleibt davon nicht verschont. Dass Mediziner Glaubwürdigkeit in Sachen Krankheiten und dem verantwortungsvollen Umgang damit genießen, ist erst einmal gerechtfertigt. Problematisch wird es dann, wenn Personen diese Wirkung gezielt für ihren eigenen Profit nutzen: Denn letztendlich kann sich jeder mit Stethoskop um den Hals vor die Kamera stellen und vermeintliche Fakten erzählen. Und genau das machen einige Influencer aus dem Medizinsektor, auch Medfluencer genannt. Der YouTube-Creator Marvin Wildhage, bekannt für seinen investigativjournalistischen Content mit Fokus auf die (pseudo-)medizinischen Ecken des Internets, hat es sich daher zur Mission gemacht, diesen Internet-Medizinern mal auf den Zahn zu fühlen – und, wie er sagt, „die Pinocchios unter den Halbgöttern zu enttarnen“.
In den sozialen Medien wimmelt es nur so vor Medizinstudenten und Ärzten, die über medizinische Inhalte Reichweite generieren. Doch wo endet eigentlich Aufklärung und ab wann werden Krankheiten oder Diagnosen bewusst thematisiert, weil sich damit Geld verdienen lässt? Grundsätzlich gilt auch für Medfluencer – zumindest jene, die einen entsprechenden Eid geschworen haben – das Heilmittelwerbegesetz. Ein Verstoß gegen dieses kann weitreichende rechtliche Konsequenzen mit sich bringen, schlimmstenfalls sogar den Entzug der Approbation. Doch die Füchse unter den Online-Medizinern wissen jenes Werbeverbot für Behandlungen oder Medikamente geschickt zu umgehen: Unter dem Deckmantel so genannter Disease Awareness-Kampagnen werden Krankheitsbilder vorgestellt. Oft nennen Medfluencer im selben Zuge auch Medikamente oder Therapien, die Linderung verschaffen sollen. Praktisch, könnte man meinen. Tatsächlich stellen diese Gesundheitsversprechen jedoch eine legale Gratwanderung dar. Laut Rechtsanwalt Christian Solmecke, der von Wildhage um eine Einschätzung zum Thema gebeten wurde, befinden sich Medfluencer hier in der Grauzone: Es sei schwierig zu definieren, wo genau Aufklärung endet und ab wann es sich um Werbung handelt – gerade, wenn Behandlungen lediglich empfohlen werden, beispielsweise auf Basis eigener positiver Erfahrungen.
Ein weiteres Problem dieser Art von Awareness-Kampagnen: Sie schüren Ängste, die vorher gar nicht da waren. So werden Patienten regelrecht „herangezüchtet“ – und zu potenziellen Kunden für die angepriesenen Behandlungen. Erst ein Problem schaffen und den damit verbundenen Leidensdruck erlebbar machen, dann als Retter in der Not mit der Lösung um die Ecke kommen – ein Trick so alt wie die Werbebranche selbst.
Um zu prüfen, wie sehr es einigen Medfluencern um Profit geht und welche Rolle Fakten dabei überhaupt noch spielen, hat sich Wildhage prompt eine Erkrankung ausgedacht: die „postvirale nasale Hypersensibilität“. Eine kurze Recherche oder ein Abgleich mit entsprechenden Nachschlagewerken würde den Schwindel schnell auffliegen lassen. Ebenso gibt es eine kurzerhand aus dem Boden gestampfte Website, auf der sich einige Ungereimtheiten finden lassen – sofern man denn danach suchen würde.
Im nächsten Schritt werden verschiedene Medfluencer angefragt, ob sie gegen Entgelt dabei unterstützen würden, mehr Aufmerksamkeit für diese Erkrankung zu schaffen. Und tatsächlich: Jemand beißt an.
Alina Walbrun, auf YouTube bekannt als Doc Alina, ist studierte Medizinerin mit einer Reichweite von über 3.000 Followern. Sie willigt ein, in einem ihrer Videos über die postvirale nasale Hypersensibilität aufzuklären. Dabei prüft sie weder, ob es diese Erkrankung denn überhaupt gibt noch wird sie stutzig über die zum Teil doch sehr dubiosen Angaben auf der zugehörigen Website. Doch es kommt noch besser: Sie erfindet freimütig dazu, dass sie die Krankheit aus ihrem Studium bereits kennt. Ein Eigentor, wie sich schnell herausstellt: Viele andere Influencer reagieren mit Kritik auf den Mangel an Recherche und Seriösität. Kurz darauf werden alle Videos vom YouTube-Account entfernt.
Welche Auswirkungen hat das auf unsere Mediennutzung? Verändert sich jetzt, wie sehr wir Stimmen im Internet vertrauen? Ziemlich sicher nicht. Skandale wie diesen gibt es ständig, und genauso schnell, wie sie aufgebauscht werden, sind sie auch schon wieder vergessen. Was wir jedoch nicht vergessen sollten: Soziale Medien werden zunehmend als Informationsmedien genutzt – und bergen somit ein enormes Potenzial für die Verbreitung von Misinformation. Gerade deshalb ist es so wichtig, kritisch zu bleiben. Das ist weniger bequem als sich einfach berieseln zu lassen, schon klar. Die Versuchung, medizinische Fragen kurz in die Suchleiste einer beliebigen Plattform zu tippen, ist groß. Doch diese Kosten-Nutzen-Rechnung geht nicht auf. Denn der vermeintliche Zeitgewinn für Patienten steht in keinem Verhältnis zu dem möglichen Verlust auf medizinischer Seite: Glaubwürdigkeit.
Bildquelle: Mohamed Nohassi, Unsplash