In den USA längst etablierte Ganzkörper-MRTs breiten sich jetzt auch in Deutschland aus. Doch wer hier schnelles Geld machen will, nimmt Überdiagnostik in Kauf – und gefährdet Leben.
Für Eilige gibt's am Ende eine Zusammenfassung.Was in den USA längst zum Markt geworden ist, fasst nun auch in Deutschland Fuß: Radiologische Praxen und MVZ bieten Ganzkörper-MRT-Check-ups an. Auch US-Anbieter auf Expansionskurs entdecken Europa für sich. Ihr Geschäftsmodell sind Ganzkörper-MRTs für symptomfreie, zahlungskräftige Kunden. „Die ganzheitliche Untersuchung gibt einen allgemeinen Überblick über den Gesundheitszustand und ist besonders hilfreich bei der Früherkennung von Krebs und der Diagnose weiterer Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder chronischen Entzündungen“, schreibt ein Anbieter. Je nach Umfang kosten die Untersuchungen zwischen ca. 1.250 und 2.500 Euro, häufig ergänzt durch Blutanalysen oder Ultraschall.
Jetzt schlagen US-Radiologen Alarm. In einem ungewöhnlich deutlich formulierten Viewpoint in JAMA warnen Matthew Davenport und Scott Reeder davor, Diagnostik mit Prävention zu verwechseln. Ihr Fazit ist ebenso knapp wie unmissverständlich: „Buyer beware“, sprich: „Augen auf beim Kauf“.
Die Autoren richten ihre Kritik ausdrücklich nicht gegen die MRT-Technik. Im Gegenteil: Die Bildqualität steht außer Frage. Doch das Problem beginnt, sobald Ärzte etwas Auffälliges bei der Bildgebung entdecken. Denn die Frage lautet nicht, ob ein Ganzkörper-MRT etwas findet. Sondern: Hilft dieser Fund dem Patienten tatsächlich weiter? Viele Veränderungen sind harmlos – und wären ohne MRT nie in Erscheinung getreten. Wieder andere erinnern im MRT zunächst an aggressive Tumoren. Genau diese Unsicherheit setzt häufig eine Kaskade weiterer Diagnostik in Gang, mit zusätzlichen Untersuchungen, Biopsien oder sogar Operationen.
Dass mehr Diagnosen nicht automatisch bessere Medizin bedeuten, ist bekannt. Beispiele der Vergangenheit zeigen, dass nicht jedes vermeintlich innovative Programm tatsächlich sinnvoll war. Dazu zählt die große PLCO-Screening-Studie zur Früherkennung von Ovarialkarzinomen mit rund 78.000 Frauen. In der Screening-Gruppe wurden tatsächlich mehr Eierstockkarzinome entdeckt – zunächst scheinbar ein Erfolg. Doch als die Studie ausgewertet wurde, blieb davon kaum etwas übrig. Die Sterblichkeit von Teilnehmerinnen der Screening-Gruppen und der Kontrollgruppe unterschied sich nicht signifikant. Dem stand ein großer Schaden gegenüber: Mehr als 1.000 Frauen wurden wegen gutartiger Befunde unnötig operiert; jede fünfte entwickelte schwerwiegende Komplikationen.
Ähnlich desaströs verlief das Schilddrüsen-Screening in Südkorea. Die Zahl der diagnostizierten Schilddrüsenkarzinome stieg sprunghaft auf das 15-Fache. Hunderttausende Menschen wurden operiert, viele verloren ihre Schilddrüse und waren anschließend auf Hormonersatz angewiesen oder entwickelten Komplikationen wie Nervenschäden. Als die Langzeitdaten vorlagen, wurde klar: Die Sterblichkeit hatte sich nicht verändert. Doch wo genau liegt das Problem?
Screenings sind nur sinnvoll, wenn das Risiko der untersuchten Menschen hoch genug ist. In der Medizin heißt dieses Prinzip Vortestwahrscheinlichkeit. Gemeint ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person bereits vor einer Untersuchung tatsächlich erkrankt ist, in Zusammenhang mit dem Alter, mit der genetischen Veranlagung, der Familienanamnese, mit Symptomen oder auffälligen Laborwerten.
Hier setzt die Kritik von Davenport und Reeder an. Nicht die MRT-Technik sei das Problem – sondern ihr Einsatz bei Menschen, deren Erkrankungsrisiko so gering ist, dass ein positives Ergebnis häufiger in die Irre führt als weiterhilft. Deshalb empfiehlt derzeit auch keine große medizinische Fachgesellschaft ein Ganzkörper-MRT-Screening für die symptomfreie Allgemeinbevölkerung.
Bildgebende Verfahren haben eine große Stärke: Sie machen Veränderungen sichtbar. Das ist aber gleichzeitig auch ihre größte Schwäche. Denn das MRT zeigt zwar, dass etwas auffällig ist. Ob dieser Befund jemals Beschwerden verursacht hätte oder lebensbedrohlich geworden wäre, kann das Bild allein nicht beantworten. Gutartige Veränderungen, langsam wachsende Tumoren und aggressive Karzinome lassen sich nicht per se anhand der Bildgebung unterscheiden. Erst weitere Untersuchungen bringen Klarheit – Biopsien, Endoskopien oder Operationen. Damit beginnt eine diagnostische Kaskade, deren Ausgang häufig ungewiss ist, wie Zahlen zeigen.
Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse von zehn Studien mit insgesamt 9.024 beschwerdefreien Erwachsenen hat den Nutzen von Ganzkörper-MRT zur opportunistischen Krebsfrüherkennung untersucht. Bei durchschnittlich 1,57 Prozent aller untersuchten beschwerdefreien Personen wurde tatsächlich eine Krebserkrankung entdeckt. Doch die entscheidende Frage lautet nicht, ob Krebs gefunden wird. Sondern: Hat dieser Fund das Leben der Betroffenen verbessert? Bislang gibt es dafür keine belastbaren Belege. Viele der zufällig entdeckten Tumoren wachsen so langsam, dass sie zu Lebzeiten niemals Beschwerden verursacht hätten. Andere verlaufen so aggressiv, dass selbst eine frühere Diagnose ihren Ausgang kaum verändert hätte. Mehr Diagnosen bedeuten deshalb nicht automatisch ein besseres Outcome.
Dass dieses Dilemma keineswegs nur für MRTs gilt, zeigt eine weitere Arbeit. Forscher haben mit der britischen NHS-Galleri-Studie einen blutbasierten Multikrebs-Test an rund 142.000 Teilnehmer. Die Hoffnung war groß: Krebs möglichst früh erkennen, noch bevor Symptome auftreten. Doch das zentrale Studienziel wurde verfehlt: Der Test konnte die Zahl fortgeschrittener Tumorstadien nicht verringern. Für Davenport und Reeder bestätigt das einen grundlegenden Befund: Selbst moderne Technologien müssen erst zeigen, dass sie tatsächlich Leben retten – nicht nur zusätzliche Diagnosen produzieren.
Gute Prävention bedeutet unabhängig vom Verfahren deshalb nicht, möglichst viele Personen unreflektiert zu untersuchen, sondern die richtigen Menschen mit den richtigen Methoden zum richtigen Zeitpunkt auszuwählen. Wer Vorsorge mit maximaler Diagnostik verwechselt, läuft Gefahr, mehr Schaden als Nutzen zu erzeugen – auch wenn das Versprechen der umfassenden Kontrolle verlockend klingt, so das Fazit der beiden Radiologen.
Ganzkörper-MRT-Check-ups für Gesunde boomen auch in Deutschland – US-Radiologen warnen in JAMA: „Buyer beware“.
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