KOMMENTAR | Frau Maier braucht meine Beratung nicht – sie weiß schon, was sie hat. Nur fürs Rezept kommt sie um mich nicht herum. Dabei könnte ich viel mehr für sie tun als nur ihre Internetdiagnose einzuordnen.
Frau Maier ist 23 Jahre alt und heute das erste Mal bei mir in der Sprechstunde. Schon im Wartezimmer wirkt ihr Blick eher triumphierend sicher als hilfesuchend ängstlich. Vor dem traditionsgemäßen Händeschütteln zur Begrüßung platzt es dann auch direkt aus ihr heraus: „Frau Doktor, ich weiß schon längst, was ich habe, aber ich brauche jetzt einfach ein Rezept von Ihnen. Geht auch ganz schnell, dann nerve ich Sie nicht“. Mit dem Smartphone in der Linken betritt sie schnellen Schrittes den Behandlungsraum und nimmt Platz. Den Kopf gebeugt tippt sie für mich in kaum verfolgbarem Geklacker ein paar Zeilen auf dem Handy, schaut kurz auf und verkündet: „Ich habe ADHS, das ist eindeutig, der Onlinetest gestern war auch positiv. Angefangen hat das alles während der Corona-Pandemie, die Zeiten waren echt schlimm. Aber das erklärt für mich jetzt einfach alles, meine Schwierigkeiten im Studium, dort Freunde zu finden und auch die schlechten Noten. Ich kann mich einfach nie richtig konzentrieren!“
Immer noch verdattert, versuche ich Frau Maier zu erklären, dass ein psychiatrisches Erstgespräch dazu da ist, die verschiedenen Krankheitssymptome gemeinsam zu ergründen und eine Diagnose und anschließende Behandlungsmöglichkeiten zu besprechen. Frau Maier nickt, braucht das aber alles gerade gar nicht. Ihre Selbstdiagnose hat sie ja schon aus dem digitalen Orakel gezogen und sitzt vor mir wie jemand, der nicht um Hilfe bittet, sondern um Bestätigung. Nur, dass sie nicht Bestätigung für eine echte Diagnose will, sondern für ein Wunschrezept: Elvanse oder am liebsten Ritalin, sie wäre ja sogar mit medizinischem Cannabis einverstanden. Irgendetwas, das endlich schnell und eben sofort ihre Probleme löst.
Die Suchmaschine hat ihr Bestätigung geliefert und der Chatbot das, was im echten Leben oft fehlt: Aufmerksamkeit ohne Widerspruch (mehr zur vermeintlich charmanten Bestätigung durch Chatbots lest ihr hier) und Gewissheit ohne Beziehungsaufbau. Und alles, was man in den Chatbot eingibt, ergibt auf einmal Sinn — das eigene Anecken in der Uni, die Enttäuschung nach der nicht bestandenen Prüfung und das komische Gefühl, nie perfekt in soziale Strukturen gepasst zu haben. Aus der eigenen Unsicherheit wird ein fantasievolles Narrativ und aus der medialen Reizüberflutung eine scheinbar perfekt dazu passende Störung. Und genau das ist überaus verführerisch: Eine jede Diagnose kann damit in Sekundenbruchteilen begründet und widerspruchslos benutzt werden, als Aushängeschild dafür, etwas Besonderes zu sein, als Schutzschild gegen die schmerzhafte Gewissheit, gescheitert zu sein, oder auch als Stempel für eine gewünschte Gruppenzugehörigkeit, die man nie erreichen konnte. Blöd nur, dass das Leben komplizierter ist als ein Suchfeld mit Autokorrektur.
Was hier jedoch oft als Erkenntnis verkauft wird, ist am Ende bloß eine verführerische Kurzschlusslogik. Je absurder die Symptomliste, desto überzeugter der Tonfall des Chatbots. Aus Müdigkeit wird sofort ADHS, aus Anspannung eine neurodivergente Fatigue, und aus der durch die sozialen Medien geförderten sozialen Isolation dann ein klarer Beweis für den hochfunktionalen Asperger-Autismus. Und das Large Language Model (LLM) hört verständnisvoll zu, nickt digital einfühlsam und macht aus den eigenen Schwierigkeiten eine scheinbar perfekte Erklärung. Das Verheerende: Die LLM klingt dabei nie ratlos, nie müde und widerspricht vor allem nicht. Die eierlegende Wollmilchsau mit der passenden Lösung für jede Lebenslage.
Frau Maiers Geschichte ist kein Einzelfall. Immer häufiger erlebe ich Patienten, die von ihrer Selbstdiagnose aus dem Internet auch Hilfe auf Knopfdruck erwarten: bitte schnell, bitte wirksam, bitte ohne das Zumuten von Beziehung, Biografie und Ambivalenz. Nur ist das Leben leider kein Wunschkonzert und psychiatrische Symptome sind kein Bestellformular.
Der eigentliche Gewinn ist dabei nämlich oft nicht medizinischer Art, sondern vielmehr ein emotionales Bedürfnis. Die im Chat entstandene Selbstdiagnose gibt unseren Patienten eine neue Identität, Kohärenz und einen scheinbar logischen Grund dafür, warum das eigene Leben immer wieder an denselben Stellen scheitert.
Was auf den ersten Blick vielleicht nach Narzissmus aussehen mag, ist nicht selten ein tiefes Bedürfnis nach dem Gesehenwerden. Und was wie Arroganz wirkt, kann in Wahrheit auch ein Schutzschild sein: Wenn ich schon nicht verstanden werde, dann gibt es wenigstens einen Grund dafür, der unangreifbar ist – schließlich kann niemand etwas für seine Erkrankung. Doch genau hier werden LLMs absolut gefährlich: Sie bieten keinerlei Korrektur, keine Einordnung der Wunschantworten und vor allem keinerlei Zweifel an. Damit wird aus jedem Gesprächsversuch mit dem Chatbot ein geschlossenes Wunschnarrativ: Symptome suchen eine Diagnose, die Diagnose sucht eine Medikation, und die Medikation soll dann bitte endlich das innere Chaos sofort reparieren.
Die neue Generation von Patienten ist digital, immer informiert und gleichzeitig emotional erschreckend unterversorgt. Sie kennt moderne Diagnosebegriffe, aber keinerlei Einordnung. Und bekommt Antworten in Sekunden, aber kein Gegenüber, das auch mal Schweigen, Zweifeln oder die Gegensätze einfach aushält. Der richtige Umgang mit Patienten wie Frau Maier ist aber weder Spott noch reine Konfrontation. Stattdessen nötig ist ein klarer und bestimmter Gegenentwurf zum viel zitierten Internet-Orakel – durch Zuhören, Einordnen und behutsames Begrenzen. Denn nicht alles, was laut vorgetragen wird, ist bereits eine Diagnose. Und nicht jeder Wunsch nach Amphetaminen ist ein Ausdruck von Suchterkrankung. Manchmal ist ein klar forderndes Auftreten auch ein Ausdruck von Überforderung, Hoffnungslosigkeit oder dem verzweifelten Wunsch, dass irgendetwas eben endlich sofort leichter wird.
Und gerade in solchen Gesprächen zeigt sich, wie sehr die ärztliche Arbeit mehr ist als das bloße Verordnen von Wirkstoffen. Sie ist auch das Aushalten von Kränkungen, Missverständnissen und der gemeinsam wertschätzenden therapeutischen Arbeit. Vor allem aber ist sie die Kunst, die falsche Sicherheit von Internetdiagnosen nicht mit Gelächter zu beantworten, sondern mit Struktur, fachlicher Klarheit und einer Haltung, die die persönliche Not unserer Patienten hinter der Fassade erkennt.
Bildquelle: Kaho Lee, Unsplash