Überraschender Beifang: Wer klassische Impfungen erhält, entwickelt auch seltener eine Entzündung der Augenhaut. Korrelation oder Kausalität?
Die Uveitis zählt weltweit zu den häufigsten Ursachen schwerwiegender Sehbeeinträchtigungen. Obwohl die Erkrankung meist immunvermittelt ist, sind ihre genauen Auslöser häufig unklar. Bekannt ist jedoch, dass virale Infektionen das Immunsystem so aktivieren, dass auch das Auge ins Visier gerät.
Wenn Virusinfektionen das Uveitis-Risiko erhöhen, liegt eine Frage auf der Hand: Verringern Impfungen, die genau solche Infektionen verhindern, im Umkehrschluss das Risiko einer Uveitis? Forscher der Cleveland Clinic um Sumit Sharma haben jetzt Antworten geliefert. Ihre Studienergebnisse sind im American Journal of Ophthalmology erschienen.
Für ihre retrospektive Kohortenstudie griffen die Autoren auf das TriNetX US Collaborative Network zurück: eine Datenbank mit anonymisierten elektronischen Patientenakten von mehr als 120 Millionen Menschen aus über 60 US-Gesundheitssystemen, mit Aufzeichnungen von 2006 bis 2025. Verglichen wurden Patienten, die eine von fünf Impfungen erhalten hatten, nämlich COVID-19, HPV, Varizellen, einen attenuierten Lebendimpfstoff gegen Herpes zoster sowie einen rekombinanten Zoster-Totimpfstoff, mit Kontrollpersonen ohne die jeweilige Impfung.
Um einen korrekten Vergleich zu ermöglichen, wendeten die Forschenden ein Propensity-Score-Matching an. Sie haben dabei folgende Faktoren berücksichtigt:
Jeder geimpften Person wurde eine möglichst ähnliche, ungeimpfte Kontrollperson zugeordnet. Patienten mit bekannter infektiöser oder nicht-infektiöser Uveitis vor dem Indexdatum haben die Autoren ausgeschlossen. Um sicherzustellen, dass die Betroffenen überhaupt regelmäßig medizinisch betreut wurden und eine Uveitis nicht einfach unentdeckt geblieben wäre, mussten alle Teilnehmer mindestens zwei augenärztliche Kontakte sowie mindestens drei Monate vorher eine allgemeine Untersuchung vorweisen. Als primären Endpunkt definierten Forscher die Inzidenz einer neu aufgetretenen idiopathischen Uveitis.
Der Effekt konnte jeweils in den ersten drei Monaten nach der Impfung am stärksten beobachtet werden, mit einer relativen Risikoreduktion zwischen 77 und 86 Prozent. Er ließ bis zum 12-Monats-Zeitpunkt messbar nach.
Die Autoren diskutieren mehrere denkbare Erklärungen für das Phänomen. Virusinfektionen können über molekulare Mimikry, also strukturelle Ähnlichkeiten zwischen viralen Antigenen und körpereigenen Netzhaut-Antigenen, Autoimmunreaktionen anstoßen. Tiermodelle haben das etwa für Rotaviren und Hepatitis-B-Viren gezeigt.
Auch der sogenannte Bystander-Effekt, bei dem autoreaktive T-Zellen im Zuge einer generalisierten Immunantwort mit aktiviert werden, sowie eine virusbedingte Störung der Blut-Retina-Schranke gelten als plausible Mechanismen. Da Impfungen Virusinfektionen verhindern, die solche Kaskaden auslösen können, liegt die Hypothese nahe, dass sie auf diesem Umweg auch das Uveitis-Risiko senken.
Bemerkenswert ist die Konsistenz des Effekts über biologisch ganz unterschiedliche Erreger hinweg. SARS-CoV-2, humane Papillomviren und Varizella-Zoster-Virus haben denkbar wenig gemeinsam. Für die Autoren spricht das gegen eine rein erregerspezifische Immunität und für einen breiteren, indirekten immunmodulatorischen Effekt der Impfung.
So klar die Zahlen auch wirken: Die Autoren selbst warnen vor zu schnellen Schlüssen. Das Studiendesign zeigt nur Assoziationen, aber keine Kausalitäten. Hinzu kommt womöglich der „Healthy Vaccinee“-Effekt: Menschen, die sich impfen lassen, nehmen im Schnitt auch sonstige Vorsorgeangebote häufiger wahr, haben tendenziell einen gesünderen Lebensstil und möglicherweise eine geringere systemische Entzündungslast – Faktoren, die durch statistische Korrekturen nur teilweise abgefangen werden können.
Auch methodisch bleiben Lücken: Die TriNetX-Datenbank enthält keine augenärztlichen Spezialdaten wie Visuswerte oder Daten der Bildgebung. Auch könnten unvollständige Diagnosecodierungen die Ergebnisse verzerrt haben, und subklinische Fälle könnten unentdeckt geblieben sein. Zudem haben die Autoren nicht kontrolliert, ob Personen mehrfach geimpft worden sind.
Frühere Arbeiten haben kein klares Bild geliefert. So zeigt eine populationsbasierte Kohortenstudie zwar allenfalls einen moderaten Anstieg des Uveitis-Risikos nach COVID-19-Impfungen, identifizierte jedoch eine vorausgegangene Uveitis als mit Abstand stärksten Risikofaktor. Bei Patienten mit bereits bestehender Uveitis fand eine weitere Untersuchung hingegen nach der ersten COVID-19-Impfung eine um 169 Prozent erhöhte Schubrate. Auch der rekombinante Zoster-Impfstoff wurde in einer Kohortenstudie mit einem erhöhten Risiko für ein Wiederaufflammen eines Herpes zoster ophthalmicus bei Patienten mit entsprechender Vorgeschichte in Verbindung gebracht. Die aktuelle Studie untersuchte dagegen ausschließlich Personen ohne Uveitis-Anamnese – ein entscheidender Unterschied für die Einordnung.
Die neuen Daten entkräften die Sorge mancher Patienten, Impfungen könnten bei bislang Augengesunden Personen eine Uveitis auslösen oder begünstigen. Vielmehr deuten die Ergebnisse sogar auf einen protektiven Effekt hin. Damit liefert die Studie ein wichtiges Argument für die Beratung impfskeptischer Patienten, die solche Befürchtungen äußern. Allerdings sollte niemand geimpft werden, um eine Uveitis zu verhindern – dafür ist die Evidenz zu dünn.
Für die Aufklärung ist ein Detail entscheidend: Die neuen Ergebnisse gelten ausschließlich für Personen ohne Uveitis in der Vorgeschichte. Bei Patienten mit bekannter Uveitis weisen ältere Studien auf ein erhöhtes Risiko nach COVID-19- oder Herpes-Zoster-Impfungen hin.
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