Sie folgen offenbar demselben Kalender: Grippewellen und Herzinfarkte. Eine Studie zeigt, wie eng Atemwegsinfektionen und tödliche Herzerkrankungen zusammenhängen – mit einer klaren Konsequenz fürs Impfgespräch.
Husten, Schnupfen, Fieber – und 3 Wochen später ein Herzinfarkt. Was nach einem kuriosen Zufall klingt, hat einen handfesten epidemiologischen Unterbau. Eine im Fachjournal PLOS Global Public Health veröffentlichte Studie zeigt, dass die saisonalen Muster von Atemwegserkrankungen und die Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Deutschland über die vergangenen 14 Jahre auffällig parallel verlaufen. Besonders sichtbar wurde dieser Zusammenhang durch ein ungewolltes Naturexperiment: die COVID-19-Pandemie.
Vor Corona traten die meisten Atemwegsinfektionen in Deutschland konsistent im Februar und März auf. Durch Kontaktbeschränkungen blieben Grippewellen in der Saison 2020/21 nahezu vollständig aus – mit Folgen für die kommenden Jahre. In den beiden folgenden Saisons verschoben sich die Infektionswellen laut Studie um 8 bis 12 Wochen nach vorn. Ein epidemiologisches Modell, das die Zahl der anfälligen, infizierten und immunisierten Personen berücksichtigt, lieferte dafür eine plausible Erklärung: Weil die Übertragung von Grippeviren während der Pandemie stark zurückging, wuchs die Gruppe der Anfälligen an – ein Nährboden für frühere Wellen. Aktuell nähern sich die Muster den Vorpandemiejahren wieder an.
Parallel dazu folgten die Zahlen der Gesamtsterblichkeit, die überwiegend auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückgeht, einem sehr ähnlichen zeitlichen Verlauf. Für die behandelnden Kollegen im Alltag heißt das: Die Grippesaison ist nicht nur ein Thema für die Pneumologie, sondern hat direkte Relevanz für die kardiologische Sprechstunde.
Dr. David Hillus, Arzt und Clinician Scientist im Fächerverbund Infektiologie, Pneumologie und Intensivmedizin an der Charité Berlin, ordnet den Wert der Arbeit so ein: Besonders sei die Kombination unterschiedlicher deutscher Gesundheitsdatenquellen zu einem umfassenden Bild über mehr als 10 Jahre. Einen Kausalitätsbeweis auf Einzelpatientenebene liefere die Studie zwar nicht, doch sieht Hillus in der Konsistenz des Musters über mehrere Saisons ein wichtiges Puzzleteil.
Auch Prof. Dirk Westermann, Ärztlicher Direktor des Universitäts-Herzzentrums Freiburg, sieht in der systematischen Auswertung für Deutschland einen Fortschritt – auch wenn der Zusammenhang für Praktiker keine echte Überraschung ist: „Das ‚wussten‘ wir ‚Ärzte‘ schon immer, jetzt ist es aber mit Daten besser unterlegt.“ Den möglichen Mechanismus benennt er klar über die Entzündungsreaktion, die auch die Atherosklerose vorantreibe.
Prof. Berit Lange, Leiterin der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig, betont, dass der Zusammenhang zwischen respiratorischen Infektionen und kardiovaskulärer Morbidität und Mortalität international bereits gut beschrieben sei. Die vorliegende Arbeit bestätige dieses Bild nun mit deutschen Daten für die postpandemischen Jahre.
Dr. Sebastian Heyne, Oberarzt an der Medizinischen Klinik III für Innere Medizin der Uniklinik Köln, weist auf ein zeitliches Detail hin, das die Diagnostik im Blick haben sollte: Das kardiovaskuläre Risiko sei insbesondere innerhalb der ersten 7 Tage nach einer Infektion erhöht und nehme danach wieder ab. Genau diese zeitliche Verschiebung der Erkrankungswellen mache die Studie so aussagekräftig, weil sich das Muster auch nach der Pandemie – trotz veränderter Zeitpunkte – bestätigt habe.
Für das Patientengespräch liefert die Studie ein Argument, das über die klassische Infektionsprophylaxe hinausgeht. Westermann plädiert für eine aktive Informationspolitik gegenüber Herzpatienten, damit diese sich impfen lassen: „Für die Influenza-Impfung ist der Schutz besonders gut belegt. Sie schützt Herzpatienten besonders und kann auch kardiovaskuläre Ereignisse reduzieren.“
Auch Lange verweist auf den gut beschriebenen Einfluss von Grippe- und COVID-19-Impfungen auf das Herz-Kreislauf-System, insbesondere bei älteren Menschen und Patienten mit Vorerkrankungen. Für RSV-Impfungen sei dieser Zusammenhang bislang weniger untersucht, aber angesichts der beobachteten Korrelation plausibel. Sie mahnt zugleich: „Aktuell sind die Impfquoten für Influenza- und COVID-19-Impfungen deutlich zu niedrig.“
Heyne ergänzt den Blick auf besondere Risikogruppen: Patienten, die bereits einen Herzinfarkt erlitten haben, profitierten von einer frühzeitigen Grippeimpfung, die sogar die Sterblichkeit senken könne. Auch bei Herzschwäche zeige sich ein positiver Effekt, insbesondere bei der Verhinderung von Lungenentzündungen und einer geringeren Notwendigkeit stationärer Aufnahmen.
Westermann rät zu einer wachsamen Grundhaltung: Aktuell folgten Influenza und RSV wieder ihrem gewohnten saisonalen Muster, während COVID-19 bereits früher im Jahr beginne. Eine gute Überwachung und eine rechtzeitige Impfstrategie blieben daher wichtig, gerade für Risikopatienten. Für Herzpatienten empfiehlt er über die Impfung hinaus, auf konsequente Medikamenteneinnahme, etwa ASS und Statine, zu achten und bei Luftnot, Brustschmerzen oder Herzrhythmusstörungen nach einer Atemwegsinfektion frühzeitig eine ärztliche Abklärung zu suchen. Auch Alltagsmaßnahmen wie Händehygiene und das freiwillige Tragen einer Maske bei Atemwegssymptomen nennt er als sinnvolle Ergänzung, um besonders gefährdete Patienten zu schützen.
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