Immer mehr Hausärzte gehen in den Ruhestand, immer weniger rücken nach. Die Versorgung wird sich in den kommenden Jahren verschärfen. Warum die geplante Reform die Probleme nicht lösen wird – und wo wir stattdessen anpacken sollten.
Dipl.-Chem. Michael van den HeuvelMedizinjournalist/in
2026 könnte sich das deutsche Gesundheitswesen grundlegend verändern: Mit dem angekündigten Primärversorgungsgesetz will die Bundesregierung erstmals ein echtes Primärversorgungssystem etablieren. Doch die aktuelle Studie „Primärversorgung 2035+“ vom IGES Institut, die im Auftrag des Bosch Health Campus erstellt wurde, zeigt, wie groß die Herausforderungen sind. Demnach werden bis 2040 bundesweit rund 12.000 Hausarzt-Sitze unbesetzt bleiben – etwa jeder Fünfte. Nach Ansicht der Studienautoren darf sich die Reform nicht darauf beschränken, Patienten besser zu Fachärzten zu lotsen oder den Zugang zur fachärztlichen Versorgung ausschließlich über digitale Ersteinschätzungsverfahren zu steuern. Erforderlich sei vielmehr ein grundlegender Umbau der hausärztlichen Versorgung hin zu multiprofessionellen Primärversorgungsstrukturen.
Auf den ersten Blick scheint die Lage eigentlich nicht dramatisch: Zwischen 2009 und 2025 ist die Zahl der vertragsärztlich tätigen Hausärzte bundesweit um rund 4 % gestiegen. Entscheidend ist jedoch nicht die Zahl der Köpfe, sondern die tatsächlich geleistete Arbeitszeit. Immer mehr Ärzte arbeiten in Teilzeit oder als Angestellte, anstatt eine eigene Praxis mit vollem Versorgungsauftrag zu führen.
Während 2009 noch 94 % der Hausärzte einen vollen Versorgungsauftrag hatten, waren es 2025 nur noch knapp 69 %. Gleichzeitig stieg die Zahl angestellter Hausärzte von rund 2.800 auf 15.700 und hat sich damit mehr als verfünffacht. Hinzu kommt die Altersstruktur: Das Durchschnittsalter liegt inzwischen bei 55 Jahren, mehr als jeder dritte Hausarzt ist 60 Jahre oder älter. Schon heute sind bundesweit 4.442 Hausarzt-Sitze unbesetzt – rund 8 % aller Stellen.
Für das Jahr 2040 prognostizieren die Studienautoren unterschiedliche Trends. Positiv ist, dass der Rückgang der Hausarztdichte mit minus 5 % geringer ausfällt als noch in ihrer Prognose von 2021, die einen Rückgang von 9 % erwartet hatte. Dafür sorgen mehr ärztlicher Nachwuchs und die Tatsache, dass viele Hausärzte inzwischen über das Rentenalter hinaus tätig bleiben. Nur werden bis 2040 rund 28.300 der heute tätigen Hausärzte altersbedingt aus dem Beruf ausscheiden – mehr als die Hälfte des aktuellen Bestands. Dem stehen lediglich etwa 25.700 Nachwuchskräfte einschließlich Zuwanderung gegenüber. Gleichzeitig steigt der Behandlungsbedarf durch die alternde Bevölkerung.
Unter dem Strich werden voraussichtlich rund 12.100 Hausarztsitze unbesetzt bleiben. Fast 75 der rund 400 Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland gelten dann als hausärztlich unterversorgt, weitere 15 % bewegen sich an der Grenze zur Unterversorgung. Besonders betroffen sind ländliche Regionen, während Großstädte ihre Stellen meist besetzen können und teilweise sogar überversorgt sind.
Die Studie zeigt aber auch, dass sich die hausärztliche Versorgung bereits heute grundlegend verändert. Die klassische Einzelpraxis verliert an Bedeutung: Ihr Anteil sank etwa in Baden-Württemberg zwischen 2015 und 2025 von rund 74 auf 70 %. Gleichzeitig gewinnen Berufsausübungsgemeinschaften und Medizinische Versorgungszentren (MVZ) an Bedeutung. Der Anteil angestellter Ärzte stieg im gleichen Zeitraum von 11 auf 28 %.
Auch die Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitsberufen nimmt zu. Knapp jede dritte Hausarztpraxis verfügt inzwischen über eine nichtärztliche Praxisassistenz (NäPa). Im Rahmen der hausarztzentrierten Versorgung setzen mittlerweile rund 65 % der teilnehmenden Praxen VERAH®-Fachkräfte ein.
Vergleichsweise neu ist die Einbindung akademisch qualifizierter Gesundheitsberufe wie Physician Assistants oder Advanced Practice Nurses. Im zweiten Quartal 2026 waren in Baden-Württemberg bereits 104 akademisch qualifizierte nichtärztliche Gesundheitsfachkräfte in 91 Hausarztpraxen tätig. Die Studie sieht darin einen wichtigen Baustein für eine künftig stärker interprofessionell organisierte Primärversorgung.
Wie solche neuen Versorgungsmodelle funktionieren können, zeigen drei Praxisbeispiele aus Baden-Württemberg, die in der Studie vorgestellt werden. Sie stehen exemplarisch für eine stärkere Zusammenarbeit verschiedener Gesundheitsberufe, eine enge regionale Vernetzung sowie eine patientenorientierte Versorgung, die medizinische, pflegerische und soziale Angebote miteinander verbindet. Die Autoren machen deutlich, dass wesentliche Elemente einer modernen Primärversorgung bereits heute in der Praxis umgesetzt werden. Besonders die interprofessionelle Zusammenarbeit und die Vernetzung mit anderen Akteuren der gesundheitlichen und sozialen Versorgung gelten dabei als zentrale Erfolgsfaktoren.
Doch was lässt sich gegen die drohende Versorgungslücke unternehmen? Die Autoren identifizieren 7 zentrale Stellschrauben:
Jede dieser Maßnahmen könnte die Versorgungslücke für sich genommen bereits um mehrere Hunderttausend bis über zwei Millionen Behandlungsfälle verringern. Werden alle Maßnahmen kombiniert, könnte die prognostizierte Versorgungslücke nach den Modellrechnungen sogar vollständig geschlossen werden.
Genau deshalb warnen die Autoren davor, das geplante Primärversorgungsgesetz auf eine bessere Steuerung von Patienten zu Fachärzten oder auf digitale Ersteinschätzungsverfahren zu reduzieren. Diese Instrumente seien zwar sinnvoll, könnten den demografischen Wandel und den zunehmenden Fachkräftemangel jedoch nicht allein auffangen. Stattdessen brauche es verbindliche Strukturen für multiprofessionelle Teams, eine engere Zusammenarbeit zwischen Hausärzten, Pflege, Therapieberufen und sozialen Diensten sowie verlässliche Finanzierungs- und Investitionsbedingungen. Nur wenn diese Elemente zusammenkommen, könne die Primärversorgung langfristig gesichert werden.
Ob das angekündigte Primärversorgungsgesetz diesen Anspruch erfüllt, wird sich erst mit dem konkreten Gesetzentwurf zeigen. Die Prognosen machen jedoch deutlich: Ohne tiefgreifende Reformen droht sich der Hausärztemangel weiter zu verschärfen – gleichzeitig zeigt die Studie aber auch, dass die Versorgungslücke durch ein Bündel aufeinander abgestimmter Maßnahmen grundsätzlich geschlossen werden könnte.
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