Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen verlaufen von Patient zu Patient unterschiedlich. Wer voraussichtlich unter einem schweren Verlauf leiden wird, könnte zukünftig ein Gentest zeigen.
In der gastroenterologischen Sprechstunde sitzen an einem Tag zwei Patienten mit identischer Diagnose: Morbus Crohn. Der eine kommt mit gelegentlichen Krämpfen und leichtem Durchfall gut zurecht, der andere durchläuft binnen weniger Jahre mehrere Operationen und wechselt von einem Biologikum zum nächsten. Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa verlaufen von Patient zu Patient höchst unterschiedlich. Warum das so ist, war bislang kaum erklärbar. Genau hier setzt eine sehr große genetische Studie zu CED-Merkmalen an, für die Forscher dreier Institute zusammengearbeitet haben und Proben von mehr als 43.000 Patienten aus über 100 britischen Kliniken genetisch analysierten.
Im Fokus stand eine Kombination genetischer Varianten im HLA-DRB1-Gen, bekannt als HLA-DRB1*01:03, das mit einem schwereren Krankheitsverlauf in Verbindung gebracht wird. Für die aktuelle Arbeit werteten die Forscher Daten von 43.762 Patienten aus der NIHR IBD BioResource und dem UK IBD Genetics Consortium aus – darunter 21.839 Patienten mit Morbus Crohn und 21.923 Patienten mit Colitis ulcerosa oder nicht klassifizierter CED.
Das Ergebnis: HLA-DRB1*01:03 fand sich bei etwa einem von 20 CED-Patienten und war mit mehreren schweren Verlaufsformen assoziiert – darunter die Notwendigkeit einer teilweisen oder vollständigen Kolektomie bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sowie perianalen Fisteln. Auch der Bedarf an fortgeschrittenen Therapien war bei Trägern dieser Genvariante erhöht. „Mit dieser großen Kohorte konnten wir zeigen, dass die Kombination genetischer Varianten HLA-DRB1*01:03 nicht nur bei Colitis ulcerosa, sondern auch bei Morbus Crohn mit schwereren Verläufen einhergeht“, erklärt Erstautorin Qian Zhang vom Wellcome Sanger Institute.
Für die klinische Praxis könnte der Marker weitreichende Folgen haben: Ein Gentest auf HLA-DRB1*01:03 könnte künftig in die Behandlungsentscheidung einfließen, noch bevor sich ein schwerer Verlauf klinisch zeigt. „Patienten mit diesen genetischen Varianten im HLA-DRB1-Gen zeigten schwerere Verläufe, einschließlich Darmoperationen oder fortgeschrittener Behandlungen – teils früher im Krankheitsverlauf. Ein Gentest darauf könnte künftig Behandlungsentscheidungen unterstützen und auch Patienten mit geringerem Risiko identifizieren, bei denen konventionelle Therapien ausreichen“, so Ko-Seniorautorin Laura Fachal, ebenfalls vom Wellcome Sanger Institute.
CED können von Patient zu Patient sehr unterschiedlich aussehen, und die Gründe dafür sind bislang nur teilweise verstanden. Die Studie, veröffentlicht im Fachjournal The Lancet Gastroenterology and Hepatology, bringt die Forschung nach Einschätzung von Ko-Seniorautor James Lee vom Francis Crick Institute der personalisierten Medizin einen Schritt näher: „Künftig könnten Patienten mit erhöhtem Risiko für einen schweren Verlauf früher fortgeschrittene Therapien erhalten, um ihre Lebensqualität zu verbessern.“
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