KOMMENTAR | Operieren statt Pressen: Fast jedes dritte Kind kommt per Sectio zur Welt. Wie der Wunsch nach Sicherheit das Geburtsgeschehen verändert – und was von der natürlichen Geburtshilfe übrig bleibt.
Selbst die Tagesschau berichtete darüber, dass jede dritte Klinikgeburt mit einem Kaiserschnitt endet. Damit hat sich die Anzahl von Sectiones – vereinfacht für Kaiserschnitte – von 15,3 % (1991) auf 33 % (2024) mehr als verdoppelt. Auf internationaler Ebene liegen bis zum Jahr 2022 vergleichbare Daten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) für 29 Staaten vor. Spitzenreiter ist die Türkei mit 60, gefolgt von Rumänien mit 48 und Bulgarien mit 47 Kaiserschnitten auf 100 Lebendgeborene. Dagegen niedrig sind die Zahlen in Israel und Island mit je 15, sowie Norwegen mit 16 auf 100 Lebendgeborene.
Hierzulande sind etwa die Hälfte geplante primäre Sectiones (vor Geburtsbeginn, ohne Wehen oder Blasensprung), bei der anderen Hälfte ergibt sich die Indikation erst im Geburtsverlauf. Ein Kaiserschnitt kann aufgrund einer absoluten Indikation, zum Beispiel einer fetalen Querlage, oder einer relativen Indikation, etwa bei Zustand nach Sectio, durchgeführt werden. Ein sogenannter Wunschkaiserschnitt wird bei Erstgebärenden in 6,7 % der Fälle durchgeführt.
Zu den häufigsten Indikationen für einen Kaiserschnitt nennt die Leitlinie zur Sectio caesarea an erster Stelle den Zustand nach Sectio, gefolgt von pathologischem CTG, Beckenendlage und protrahiertem Geburtsverlauf. Weitere Indikationen können Mehrlingsschwangerschaften, ein Missverhältnis zwischen fetaler und mütterlicher Anatomie, Plazentaanomalien und mütterliche Erkrankungen sein.
Der Kaiserschnitt ist die weltweit häufigste Operation bei Frauen mit global ansteigender Tendenz. Im Vergleich zu früher gilt die Sectio caesarea heute als ein sicheres medizinisches Verfahren. Wobei über Kurz- und Langzeitmorbiditäten bei Mutter und Kind bislang wenige oder differente Angaben existieren. Das betrifft etwa widersprüchliche Ergebnisse bei Folgeschwangerschaften bezüglich eines Anstieges von Extrauteringraviditäten, Tot- und Fehlgeburten. Dem gegenüber scheint das kindliche Lebensrisiko nach Kaiserschnitt für Adipositas, Typ-1-Diabetes und Asthma erhöht zu sein, für entzündliche Darmerkrankungen gibt es widersprüchliche Angaben. Nach einer Sectio werden in den Folgeschwangerschaften mehr Plazentapathologien wie Plazenta accreta, Plazenta praevia, sowie vorzeitige Lösungen, aber auch Uterusrupturen beschrieben. Und eine spätere Implantation in der Sectionarbe setzt einen Zustand nach Kaiserschnitt voraus.
Über eine optimale Kaiserschnittrate ist aufgrund dieser unvollständigen oder widersprüchlichen Datenlage eine zuverlässige Aussage schwierig. Daher wurde die von der WHO im Jahr 1985 formulierte Grenze von 10 bis 15 % in einem WHO-Statement im Jahr 2015 relativiert. „Als gesichert darf aber die Erkenntnis gelten, dass eine Sectiorate über 15 Prozent keinen günstigen Einfluss auf die mütterliche und neonatale Morbidität und Mortalität hat und deshalb gut medizinisch begründet sein sollte“, so die Leitlinie.
Prof. Wolfgang Henrich, Direktor der Geburtsmedizin an der Charité, meint, dass Sectioraten unter 25 % in Industriestaaten nicht erreichbar seien, ohne die mütterliche und neonatale Morbidität zu erhöhen. Als Gründe für die vermeintlich hohe Anzahl führt er das zunehmende mütterliche Alter, vermehrte Adipositas, Schwangerschaften nach reproduktionsmedizinischer Therapie einschließlich Mehrlinge und die Zunahme an Pathologien wie Präeklampsie und Gestationsdiabetes an. Aber auch ein hohes Sicherheitsbedürfnis, Angst vor Beckenbodenschäden und nachfolgender Beeinträchtigung von Kontinenz und Sexualität von Seiten der Schwangeren, sowie forensische Bedenken und Absicherungstendenzen aus geburtshilflicher Sicht zählen zu den Beweggründen. Außerdem hat sich die abdominale Geburt durch moderne Operations- und Anästhesieverfahren zu einem weitaus risikoärmeren Geburtsmodus entwickelt als noch vor Jahren.
Prof. Ekkehard Schleußner, Direktor der Geburtsmedizin an der Uniklinik Jena, führt insbesondere die Problematik der hohen Wiederholungsraten nach einem vorausgegangenen Kaiserschnitt an: „Aber der größte Risikofaktor ist, wenn bereits ein Kaiserschnitt vorher stattgefunden hat. Das Risiko steigt dann für eine Sectio am Geburtstermin von etwa 14 % auf 60–70 %. […] Wer die Sectioraten senken will, muss also diesen Circulus vitiosus durchbrechen und bereits den allerersten Kaiserschnitt vermeiden. Daran sollten wir gemeinsam arbeiten.“ Einen Weg dahin sieht er in der Zentralisierung von Geburtskliniken – „je kleiner die Klinik, desto höher die Kaiserschnittrate“, so Schleußner.
Hört man sich bei erfahrenen Geburtshelfern um oder blickt auf eigene Erfahrungen zurück, kristallisieren sich sehr ähnliche Wünsche für eine gelingende Geburtshilfe heraus. An oberster Stelle stehen Geduld und Einfühlungsvermögen von Geburtshelfern, gepaart mit einer wertschätzenden, offenen Kommunikation den werdenden Eltern gegenüber. Gute Geburtshilfe zeichnet sich durch einen Mangel an Zeitdruck und den Verzicht auf medizinische Interventionen aus, wo immer es vertretbar ist. Gleichzeitig mit dem Hintergrund moderner Geburtsmedizin, die eine hohe Sicherheit und rasches Eingreifen ermöglicht, wann immer es nötig ist.
Dass es sich hierbei um eine schmale Gratwanderung handelt, wusste bereits der Geburtshelfer Prof. Adam Elias von Siebold, der sinngemäß meinte: Stille und Ruhe, Zeit und Geduld, Achtung der Natur und gegenüber der gebärenden Frau, und die Kunst zu unterscheiden, wann ein Eingreifen in den natürlichen Verlauf nötig ist.
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