Wer an feuchter AMD leidet, hat nicht nur mit den Augen zu kämpfen. Nun könnte es einen überraschenden Zusammenhang zur Krebsentstehung geben – mit Folgen für mehrere Organe gleichzeitig.
Ein Patient in den Siebzigern klagt in der Augenarztpraxis über verschwommenes Sehen, gerade Linien erscheinen ihm plötzlich gewellt. Die Diagnose: feuchte beziehungsweise neovaskuläre altersbedingte Makuladegeneration (nAMD), eine der häufigsten Ursachen für schweren Sehverlust im höheren Lebensalter. Die Erkrankung betrifft zwar primär die Netzhaut, doch Forscher gehen zunehmend davon aus, dass sie tiefere biologische Prozesse widerspiegelt. „Neovaskuläre altersbedingte Makuladegeneration ist eine führende Ursache für Sehverlust bei älteren Menschen und wird zunehmend als Ausdruck systemischer Alterungsprozesse mit vaskulären und entzündlichen Signalwegen verstanden“, schreiben die Autoren von der Konkuk University in Seoul in ihrer aktuellen Arbeit. Denn dieselben Mechanismen, die der nAMD zugrunde liegen, spielen offenbar auch bei der Entstehung bestimmter Krebserkrankungen eine Rolle.
Um dieser Verbindung nachzugehen, analysierte das Team Daten des koreanischen National Health Insurance Service, einer der größten bevölkerungsbasierten Gesundheitsdatenbanken weltweit. Eingeschlossen wurden 334.091 Personen ab 50 Jahren, davon 83.742 Patienten mit nAMD und 250.349 gematchte Kontrollpersonen ohne die Erkrankung. Die Teilnehmer wurden bis zu 10 Jahre lang nachverfolgt, sodass sowohl die allgemeine Krebsinzidenz als auch das Risiko für einzelne Tumorentitäten ausgewertet werden konnte.
Das Ergebnis: Menschen mit nAMD hatten im Vergleich zu den Kontrollpersonen ein moderat, aber statistisch signifikant erhöhtes Krebsrisiko insgesamt. Dieser Anstieg zeigte sich jedoch nicht über alle Krebsarten hinweg, sondern folgte einem selektiven Muster: Am deutlichsten war der Zusammenhang beim Schilddrüsenkrebs mit einem um rund 24 % erhöhten Risiko (aHR 1,241; p < 0,001). Auch für Nierenzellkarzinom (aHR 1,177; p = 0,002), Pankreaskarzinom (aHR 1,155; p < 0,001), Bronchialkarzinom (aHR 1,128; p < 0,001), Harnblasenkarzinom (aHR 1,121; p = 0,002) und Prostatakarzinom (aHR 1,085; p < 0,001) fanden sich erhöhte Risiken. Für zahlreiche andere Tumorentitäten ließ sich dagegen kein signifikanter Zusammenhang nachweisen.
Als biologische Erklärung kommt zunächst die Angiogenese infrage, also die Bildung neuer Blutgefässe. Sowohl die nAMD als auch viele Krebserkrankungen sind auf Signalwege angewiesen, die über den vaskulären endothelialen Wachstumsfaktor (VEGF) vermittelt werden. Die Studienautoren betonen jedoch, dass gemeinsame angiogene Signalwege allein die beobachteten Zusammenhänge wahrscheinlich nicht vollständig erklären.
Sie verweisen stattdessen auf breitere alterungsassoziierte Mechanismen, die sowohl an der nAMD als auch an der Krebsentstehung beteiligt sein könnten: chronische niedriggradige Entzündungsprozesse, zelluläre Seneszenz, eine gestörte Immunregulation, oxidativer Stress und ein Umbau der extrazellulären Matrix. Nach Einschätzung der Autoren könnten diese sich überlappenden Prozesse Teil einer gemeinsamen Alterungs-Entzündungs-Gefäß-Achse sein, die die Krankheitsanfälligkeit im höheren Lebensalter beeinflusst.
Darüber hinaus verweisen die Forscher auf erste Hinweise auf gemeinsame genetische Risikofaktoren von nAMD und den betroffenen Krebsarten. Signalwege rund um die Aktivierung des Komplementsystems, den Lipidstoffwechsel, Entzündungsprozesse und die Regulation der extrazellulären Matrix wurden sowohl mit der Netzhautdegeneration als auch mit Tumorerkrankungen in Verbindung gebracht. Das deutet darauf hin, dass gemeinsame Anfälligkeiten über das Auge hinausreichen könnten. „Diese Ergebnisse legen nahe, dass die nAMD als klinischer Marker für eine systemische Anfälligkeit gegenüber bestimmten Krebserkrankungen dienen könnte – möglicherweise vermittelt über gemeinsame angiogene, entzündliche und polygene Mechanismen, die der alterungsassoziierten Krankheitsanfälligkeit zugrunde liegen“, so die Autoren.
Die Autoren mahnen jedoch zur Zurückhaltung bei der Interpretation. Zwar seien die beobachteten Risikoerhöhungen statistisch signifikant, insgesamt aber moderat ausgeprägt. Eine gezielte Krebsvorsorge allein aufgrund einer nAMD-Diagnose lasse sich daraus nicht ableiten. Vielmehr könnte die nAMD als klinischer Hinweis auf breitere systemische Alterungsprozesse zu verstehen sein, die auch die Anfälligkeit für bestimmte Krebserkrankungen mitbestimmen.
Insgesamt liefert die nationale bevölkerungsbasierte Studie, veröffentlicht im Fachjournal Aging, neue Hinweise darauf, dass die feuchte Makuladegeneration mit einem erhöhten Risiko für mehrere spezifische Krebsarten einhergehen könnte. Die Ergebnisse unterstützen die wachsende Erkenntnis, dass altersassoziierte Erkrankungen häufig gemeinsame biologische Signalwege teilen, und unterstreichen die Bedeutung vaskulärer, entzündlicher und genetischer Mechanismen über mehrere Organsysteme hinweg. Künftige Forschung soll klären, wie diese gemeinsamen Alterungsprozesse sowohl zum Sehverlust als auch zur Krebsentstehung beitragen.
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