Typ‑2‑Diabetes (T2) geht häufig mit einer erhöhten Infektanfälligkeit einher, die oftmals auch den Urogenitaltrakt betrifft.1,2 Daten aus dem Versorgungsalltag zeigten, dass etwa 14 % der T2D-Patient:innen behandlungsbedürftige urogenitale Infektionen entwickelten – meist Harnwegsinfektionen (HWI), mit einer höheren Erkrankungsrate bei Frauen.1 Auch die Wahl der T2D-Therapie hat hierauf Einfluss: SGLT-2 Inhibitoren (SGLT-2i) sind moderne Antidiabetika, die neben einer guten Glukosekontrolle auch kardiorenale Vorteile bieten können. Durch ihren Wirkmechanismus kommt es jedoch zu einer erhöhten Glukoseausscheidung über den Urin, was das Wachstum von Mikroorganismen begünstigen und somit das generelle Risiko für HWI erhöhen kann.
Die gute Nachricht: Bei stabilen T2D-Patient:innen ohne relevante Begleiterkrankungen gelten Harnwegsinfektionen in der Regel als unkompliziert.2 Bei Patient:innen, die bereits an chronischer oder rezidivierender HWI leiden, zeigt sich zudem unter SGLT‑2i keine signifikant erhöhte Infektionsrate.2
Des Weiteren stehen wirksame Präventionsmaßnahmen zur Verfügung, um das Erkrankungsrisiko zu senken. Gleichzeitig halten sich jedoch hartnäckig Mythen, wie man einer HWI am besten vorbeugen kann. Daher spielt die korrekte Aufklärung zur geeigneten Prävention gerade für Patient:innen mit wiederkehrender HWI eine wichtige Rolle.
Wir haben für Sie bekannte Mythen mit den aktuellen Inhalten der S3 Leitlinie zur Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei Erwachsenen abgeglichen. Die Leitlinie verweist darauf, dass die genannten Empfehlungen im Normalfall auch für Patient:innen mit T2D gelten.2,a
Starke Intimhygiene bietet den besten Schutz – das klingt für viele Patient:innen erstmal logisch. Diese Empfehlung ist allerdings mit Vorsicht zu genießen. Denn eine übertriebene Intimhygiene kann das Risiko für rezidivierende Harnwegsinfektionen sogar erhöhen, indem sie das lokale protektive Milieu schädigt.2
Ebenso gibt es laut Leitlinie nur widersprüchliche Ergebnisse für den Einsatz altbekannter Maßnahmen bei Patientinnen wie:
Auch vermeintliche Einflussfaktoren wie die Art der Menstruationshygiene, die Partnerhygiene, das Tragen von Strumpfhosen oder Fahrradfahren hatten in Fall‑Kontrollstudien keinen nachweisbaren Effekt auf die Rate rezidivierender Harnwegsinfektionen.2
Sollte dann generell auf diese Maßnahmen verzichtet werden? Nicht unbedingt, denn viele der genannten Hygienemaßnahmen sind zwar nur begrenzt evidenzbasiert, aber wirken als einfach umsetzbar, risikoarm und Teil einer guten allgemeinen Intimhygiene. Zudem können sie Patient:innen Orientierung geben und vielleicht das Gefühl stärken, aktiv zur Prävention beizutragen. Wichtig sollte allerdings die Einordnung hierfür als ergänzende, nicht allein entscheidende Maßnahmen sein.
An dem Rat viel zu trinken ist etwas dran: Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr stellt einen wichtigen Baustein der nicht-medikamentösen Prävention dar.2 Bei Patient:innen mit geringer Trinkmenge und rezidivierenden HWI konnte durch zusätzlich 1,5 l/Tag eine signifikante Reduktion der Infektanzahl, längere infektfreie Intervalle und weniger Antibiotikaeinsatz nachgewiesen werden. Es wird eine tägliche Gesamtzufuhr von etwa 2,5 l (davon ≥1,5 l Wasser) empfohlen. Jedoch sollte bei Patient:innen mit Flüssigkeitsrestriktion, zum Beispiel bei vorliegender chronischer Herzinsuffizienz oder Nierendialyse, Vorsicht geboten werden.2
Doch nicht nur Wasser kann hilfreich sein: Der regelmäßige Verzehr von Fruchtsäften, insbesondere aus Beeren, sowie von probiotischen Bakterien aus fermentierten Milchprodukten geht mit einer niedrigeren Rate an rezidivierenden HWI einher.2
Cranberry-Produkte gehören wahrscheinlich zu den bekanntesten nicht-antibiotischen Maßnahmen zur Prävention von Harnwegsinfektionen. Und auch wenn sie keine Wunderheiler sind, wie gelegentlich angepriesen, sind sie auch nicht vom Tisch zu weisen: Sie werden von den Leitlinien als eine Option zur Prävention genannt, um den Einsatz von Antibiotika zu vermeiden.2
Es gibt Hinweise, dass sie im Vergleich zu Placebo die Rate rezidivierender Harnwegsinfektionen senken und infektfreie Intervalle verlängern können – allerdings sind sie weniger wirksam als Antibiotika.2
Neuere Metaanalysen zeigen einen moderaten Nutzen, vor allem bei Frauen mit wiederkehrenden Harnwegsinfektionen, Kindern und bestimmten Risikogruppen, während der Effekt in anderen Populationen unklar bleibt. Insgesamt gelten Cranberries aufgrund ihres günstigen Nutzen‑Risiko‑Verhältnisses als sinnvolle Ergänzung – auch wenn klare Empfehlungen zu Dosierung und Dauer bisher fehlen. 2
Ein häufiges Szenario: Der Harndrang setzt ein, doch im Alltag, etwa im Büro, in der Schule oder während eines Vortrags, wird der Gang zur Toilette häufig hinausgezögert. Dieses „Zurückhalten“ ist jedoch nicht unproblematisch: Laut Leitlinie sind das habituelle Unterdrücken des Harndrangs mit einer erhöhten Infektionsrate verbunden. Da eine überwiegend sitzende Tätigkeit von mehr als zwei Stunden täglich ebenfalls mit einer höheren Häufigkeit von HWI in Verbindung gebracht wird, kann sich dieses Risiko zusätzlich erhöhen.2
Mit geeigneten Präventionsmaßnahmen und einer frühzeitigen Behandlung lassen sich HWI in den meisten Fällen also gut kontrollieren – auch bei älteren Patient:innen.
Dadurch steht dieses Risiko dem Einsatz von SGLT-2 Inhibitoren in der Regel nicht im Weg. Im Gegenteil: Der nachgewiesene kardio-renal-metabolische Nutzen sollte bei Therapieentscheidungen stets mitberücksichtigt werden. Der Schlüssel zum erfolgreichen Einsatz liegt in einem proaktiven Risikomanagement, und dem frühzeitigen Erkennen möglicher Symptome.
a Generell ist die Übernahme von Präventionsmaßnahmen bei nicht schwangeren Frauen in der Prämenopause ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen und bei Frauen in der Postmenopause ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen bei Menschen mit Diabetes mellitus in Betracht zu ziehen. Die therapeutische Strategie bei rezidivierenden Harnwegsinfektionen von Patient:innen mit Diabetes mellitus und stabiler Stoffwechsellage hängt von den klinischen Symptomen und prädisponierenden Faktoren (Urogenitalinfektionen) ab.