Die HPV-Impfung schützt nicht nur vor Gebärmutterhalskrebs, sie rettet Leben. Die Briten haben das verstanden. Deutschland hingegen impft zu wenig und zu spät – und bezahlt dafür mit dem Leben junger Frauen.
Dass die HPV-Impfung vor Infektionen und Krebsvorstufen schützt, ist seit Langem belegt. Auch ihr Effekt auf die Zahl der Zervixkarzinome wurde bereits in mehreren Ländern wie Schweden, England und den Niederlanden nachgewiesen. Ob die Impfung jedoch auch Todesfälle verhindert, blieb bislang weitgehend offen – belastbare Daten dazu fehlten. Diese Lücke haben Peter Sasieni und Milena Falcaro von der Queen Mary University of London nun geschlossen: Sie analysierten nationale Sterbedaten aus England über einen Zeitraum von 2 Jahrzehnten.
Der Hintergrund ihrer Arbeit: England hat im Jahr 2008 ein Impfprogramm initiiert, und zwar direkt an Schulen. Mädchen im Alter von 12 bis 13 Jahren wurden eingeschlossen. Zusätzlich gab es zwischen 2008 und 2010 eine Nachholimpfung für 14- bis 18-Jährige. Noch vor der Corona-Pandemie erreichten Ärzte hohe Impfquoten von 80 bis 90 %.
Die Forscher verglichen jetzt, wie viele Frauen in verschiedenen Altersgruppen zwischen 2001 und 2024 an Gebärmutterhalskrebs gestorben sind und setzten diese Zahlen in Bezug zur Impfquote des jeweiligen Geburtsjahrgangs. Betrachtet wurden Frauen von 20 bis 24, 25 bis 29 und 30 bis 34 Jahren. Mit einem statistischen Verfahren schätzten die Wissenschaftler ab, wie stark das Sterberisiko bei geimpften im Vergleich zu ungeimpften Frauen gesunken war. Dabei gingen sie bewusst von der vorsichtigsten Annahme aus: dass ungeimpfte Frauen überhaupt nicht von der Impfung ihrer Umgebung profitieren, also Herdenimmunität keine Rolle spielt. Die tatsächliche Wirkung dürfte eher noch größer sein, als es die Studie zeigt.
Am deutlichsten war der Effekt bei den jüngsten Frauen der Kohorte. In der Gruppe der 20- bis 24-Jährigen starb zwischen 2020 und 2024 keine einzige Frau an Gebärmutterhalskrebs, obwohl anhand historischer Daten fast 23 Todesfälle zu erwarten gewesen wären. Das entspricht einer Verringerung von 100 %. Bei den 25- bis 29-Jährigen sah es ähnlich aus: Auch hier lag die geschätzte Risikoreduktion bei geimpften Frauen bei 100 %. Nur bei den 30- bis 34-Jährigen war der Effekt schwächer und weniger sicher belegt – mit einer geschätzten Risikoreduktion von 63 %. Das lag vor allem daran, dass in dieser Altersgruppe deutlich weniger Frauen geimpft worden sind, und diese oft erst im Teenageralter.
Rechnet man alles zusammen, kommt man in der Kohorte auf rund 200 Todesfälle, die HPV-Impfungen bis Ende 2024 verhindert haben. Und das, obwohl die geimpften Jahrgänge gerade erst in das Alter kommen, in dem Gebärmutterhalskrebs zu einem größeren Risiko wird.
Dass später Geimpfte schlechter abschneiden als jüngere, erklären die Autoren ebenfalls: Wer erst mit 15 bis 18 Jahren die Vakzine erhält, hatte möglicherweise schon vorher Kontakt mit Hochrisiko-HPV-Typen, die für die meisten Fälle von Gebärmutterhalskrebs verantwortlich sind. Die Impfung wirkt am besten, bevor jemand überhaupt sexuell aktiv wird. Auch der zeitliche Verlauf der Sterblichkeit stützt diese Interpretation. Die Mortalitätsraten blieben zunächst weitgehend konstant und gingen erst dann deutlich zurück, als der Anteil geimpfter Frauen in den jeweiligen Altersgruppen erheblich zunahm.
Die Autoren werten diesen engen zeitlichen Zusammenhang zwischen steigender Impfquote und sinkender Sterblichkeit als starkes Indiz für einen kausalen Zusammenhang. Gleichzeitig schreiben sie jedoch, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, sodass ein ursächlicher Effekt trotz der überzeugenden Argumente nicht mit letzter Sicherheit bewiesen werden kann.
Man könnte vermuten, dass nicht (nur) die HPV-Impfung, sondern andere Entwicklungen für den Rückgang der Sterblichkeit verantwortlich sind – etwa eine bessere Krebsfrüherkennung, modernere Behandlungsmethoden oder Veränderungen im Sexualverhalten junger Menschen. Die Autoren setzen sich mit diesen möglichen Erklärungen auseinander – und kommen zu dem Schluss, dass sie den beobachteten Effekt nicht ausreichend erklären.
So wurde in England das Alter für den Beginn des Gebärmutterhalskrebs-Screenings angehoben. Gleichzeitig ist die Teilnahme am Screening gesunken. Beides hätte eher zu einer höheren als zu einer niedrigeren Sterblichkeit führen müssen. Auch der Start von HPV-Tests im Jahr 2019 kommt als Erklärung kaum infrage, da der untersuchte Effekt bereits zuvor begonnen hat. Veränderungen im Sexualverhalten erscheinen ebenfalls unwahrscheinlich, weil die Häufigkeit sexuell übertragbarer Infektionen im Untersuchungszeitraum weitgehend stabil geblieben ist. Falls bessere Therapien den Unterschied gemacht hätten, müsste die Sterblichkeit in allen Altersgruppen gleichzeitig sinken. Tatsächlich zeigte sich der Rückgang jedoch zeitversetzt: Er trat jeweils dann auf, wenn die geimpften Geburtsjahrgänge in die nächste Altersgruppe hineinwuchsen – ein Muster, das deutlich für einen Effekt der HPV-Impfung spricht.
Doch zurück nach Deutschland: Bei uns sind die Impfquoten deutlich niedriger. Während England schon vor der Pandemie 80 bis 90 % aller 12- bis 13-Jährigen erreicht hat, liegt Deutschland weit darunter.
Laut Robert Koch-Institut waren im Jahr 2024 bundesweit nur 55 % der 15-jährigen Mädchen vollständig gegen HPV geimpft. Bei den Jungen waren es sogar nur 36 %. Zählt man auch alle Personen mit, die zumindest eine Impfdosis erhalten haben, kommt man auf 68 % bei Mädchen und 49 % bei Jungen. Die STIKO empfiehlt die HPV-Impfung seit 2007 für Mädchen und seit 2018 auch für Jungen im Alter von 9 bis 14 Jahren; Nachholimpfungen sind bis zum 18. Geburtstag im Sinne der Kommission möglich.
Besonders ernüchternd ist, dass sich an diesen Zahlen seit einigen Jahren kaum noch etwas bewegt. Bis 2021 stieg die Impfquote noch stetig, seither stagniert sie bei den Mädchen fast vollständig, und auch bei den Jungen geht es nur noch sehr langsam voran.
Was bedeutet das im Kontext der englischen Studie? Die Lancet-Daten zeigen eindrucksvoll, was eine hohe Impfquote bei Mädchen bewirken kann, wenn sie früh genug erreicht wird. Deutschland liegt mit 55 % deutlich unter dem Niveau, das England schon vor über 10 Jahren hatte. Hinzu kommt, dass viele Jugendliche in Deutschland die Impfung erst nach dem empfohlenen Alter von 9 bis 14 Jahren erhalten. Für die Beratung liefert die Studie ein starkes Argument gegen die wachsende Impfskepsis. Sie macht deutlich, dass eine solche Entwicklung ganz konkrete Folgen haben kann – nämlich Todesfälle, die vermeidbar wären.
Bildquelle: Sandy Millar, Unsplash