Bei manchen Patienten beginnt ein Morbus Crohn so früh, dass die Ursache lange im Dunkeln bleibt. Jetzt liefert ein einzelnes Gen die Erklärung – und eröffnet einen neuen Ansatzpunkt für gezielte Therapien.
Ein Säugling mit blutigen Stühlen, ein Schulkind mit wiederkehrenden Bauchschmerzen, ein junger Erwachsener mit einem Morbus Crohn, der auf keine der üblichen Therapien anspricht: Für behandelnde Ärzte ist die Suche nach der Ursache in solchen Fällen oft langwierig. Denn auch wenn chronisch-entzündliche Darmerkrankungen weltweit zunehmen, sind ihre Ursachen trotz Fortschritten in Diagnostik und Therapie vielfach unzureichend verstanden. Im Rahmen des VEO-IBD Consortium hat ein internationales Forschungsteam um den LMU-Mediziner Prof. Daniel Kotlarz für einen Teil dieser Fälle eine Antwort gefunden – in Form eines einzelnen Gens.
Die Forscher konnten zeigen, dass krankheitsverursachende Veränderungen im Gen BIRC3 zu einer schweren Form des Morbus Crohn führen können. Im Rahmen der Studie identifizierten sie 14 Betroffene aus 10 unabhängigen Familien, die entsprechende genetische Veränderungen aufweisen. Mithilfe moderner genetischer, transkriptomischer und proteomischer Analysen sowie experimenteller Modellsysteme gelang es dem Team, die zugrundeliegenden Krankheitsmechanismen aufzuklären.
Wie die Studie zeigt, führt der Verlust der BIRC3-Funktion zu einer Fehlregulation des RIPK1-Signalwegs im Darmepithel. „Unsere Ergebnisse verdeutlichen erstmals, wie ein Verlust von BIRC3 die Schutzfunktion der Darmschleimhaut bei Patienten beeinträchtigt und dadurch chronische Entzündungen begünstigt“, sagt Xiang Shen, eine Erstautorin der Studie und Wissenschaftlerin am LMU Klinikum.
Die Bedeutung der Ergebnisse reicht dabei über seltene genetische Erkrankungen hinaus: Die Forscher fanden Hinweise darauf, dass derselbe Signalweg auch bei häufigeren Formen des Morbus Crohn eine wichtige Rolle spielen könnte.
Für die Forscher markiert die Arbeit, die jetzt in Gastroenterology veröffentlicht wurde, einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Präzisionsmedizin bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. „Seltene monogenetische Erkrankungen ermöglichen einzigartige Einblicke in die biologischen Ursachen chronisch-entzündlicher Darmerkrankungen“, sagt Kotlarz. „Die Entdeckung der BIRC3-Defizienz liefert nicht nur eine neue Diagnose für betroffene Familien, sondern eröffnet zugleich neue Ansatzpunkte für zielgerichtete Therapien, von denen zukünftig auch größere Patientengruppen profitieren könnten.“
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