Gut gemeinte Worte verfehlen manchmal ihr Ziel: So geht es auch Ärzten, wenn sie Patienten eigentlich beschwichtigen wollen. Wie der Nocebo-Effekt eure Behandlung sabotiert – und ihr ihn umgeht.
„Sie müssen keine Angst haben, das tut nicht weh“, ein wohlgemeinter Satz, der beim Patienten aber genau das Gegenteil auslösen kann. Dieser hört nur die Stichwörter „Angst“ und „wehtun“, schon kommt es zu den angesprochenen Beschwerden. Schuld daran ist das Nocebo-Phänomen, der „böse“ Zwilling vom Placebo-Effekt.
Eine Studie der Universität Duisburg-Essen zeigt, dass negative Erwartungen das Schmerzempfinden deutlich stärker beeinflussen als positive Erwartungen den Placebo-Effekt verstärken – die Angst vor dem Schlimmsten wiegt im Gehirn offenbar schwerer als die Hoffnung auf Linderung. Für die Praxis bedeutet das: Eine beiläufige Warnung kann mehr bewirken als gedacht, noch bevor überhaupt etwas Reales passiert ist.
Wer jetzt denkt, der Nocebo-Effekt sei ein Randphänomen, irrt: In großen, randomisiert-kontrollierten Arzneimittelstudien ist das psychologische Phänomen für 40 bis 100 Prozent der gemeldeten unerwünschten Ereignisse verantwortlich. Auch die aktuelle Untersuchung der Universität Duisburg-Essen bestätigt, wie ungleich die Kräfteverhältnisse sind: Eine negative Erwartung ließ den empfundenen Schmerz im Schnitt um elf Punkte steigen, während eine positive Erwartung ihn nur um etwa vier Punkte reduzierte. Selbst eine Woche später hatte sich daran kaum etwas geändert. Patienten erinnern sich demnach an Warnungen länger und intensiver, als Ärzte es sich in dem Fall vielleicht wünschen würden.
Besonders tückisch sind Formulierungen, die eine Verneinung enthalten: Ein „Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen“ oder „Das wird nicht schlimm“, holt im Kopf des Patienten genau die Begriffe hervor, nämlich „Sorge“ und „Schlimmes“. Das Gehirn verarbeitet diese Schlüsselwörter, noch bevor es die Verneinung richtig einordnet. Hier spielt auch die Konditionierung eine Rolle – vielleicht hat der Patient in der Vergangenheit viele Schmerzen erdulden müssen. Ähnlich wirkt eine lange Liste möglicher Nebenwirkungen, die im Eiltempo und ohne Einordnung vorgetragen wird.
Wie stark allein das Aussprechen einer möglichen Begleiterscheinung wirkt, zeigte eine Studie mit Bluthochdruck-Patienten, die alle den Betablocker Metoprolol erhielten: Bei der Gruppe, die vollständig über das Risiko einer erektilen Dysfunktion aufgeklärt wurde, trat diese Nebenwirkung bei 32 Prozent der Männer auf. In der Gruppe, die nur den Medikamentennamen kannte, waren es 13 Prozent, in der Gruppe ohne jede Information lediglich 8 Prozent – bei identischem Wirkstoff und identischer Dosis. Der Unterschied lag allein im Wissen darüber, was passieren könnte.
Natürlich hast du eine Aufklärungspflicht, du kannst also nicht einfach Nebenwirkungen unter den Tisch fallen lassen, stattdessen kannst du Folgendes tun:
Nocebo-Effekt: Von der Macht der Worte. Deutsches Ärzteblatt, 2020. online
Kunkel et al.: Nocebo effects are stronger and more persistent than placebo effects in healthy individuals. eLife, 2025. doi: 10.7554/elife.105753.2
Cocco: Erectile Dysfunction after Therapy with Metoprolol: The Hawthorne Effect. Cardiology, 2008. doi: 10.1159/000147951
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