Sonnenschein, beste Laune und das Grillgut brutzelt. Doch die heitere Barbecue-Party endet in einem Notarzteinsatz. Weder Hitzschlag noch Bienenstich sind der Übeltäter – es ist das Fleisch. Steckt eine Allergie dahinter?
Der Autor ist der Redaktion bekannt und möchte anonym sein.
Notarzteinsatz am Sonntagnachmittag in der Gartenlaube: Was als sommerliche Geburtstagsparty mit allerhand Grillgut und leckeren Salaten beginnt, endet fast in einer menschlichen Katastrophe. Gisela, das Geburtstagskind, äußerte mehrfach Unwohlsein, trank mehrere Gläser Wasser, und sackte dann regungslos auf dem Gartenstuhl zusammen. Der Notarzt vermutete zunächst eine lebensbedrohliche Form des Kreislaufversagens: den vasoplegischen Schock durch eine Lähmung der glatten Gefäßmuskulatur mit Konsequenz einer unkontrollierten Vasodilatation. Häufigste Ursachen sind dabei der septische Schock durch eine schwere Infektion oder nach stattgehabter Herzoperation mit Einsatz der Herzlungenmaschine.
Aber nichts an der Anamnese der Patientin und der Gesamtsituation in der Gartenlaube deutete auf eine dieser Entstehungsgründe. Denn unsere fiktive Patientin Gisela hatte eine sehr seltene Form des anaphylaktischen Schocks und litt nach einem unbemerkten Zeckenbiss am Alpha-gal-Syndrom.
Dieses Syndrom imponiert als potenziell lebensbedrohliches allergisches Krankheitsbild und wird insbesondere durch die immunologischen Eigenschaften von Bestandteilen des Zeckenspeichels nach einem Zeckenbiss verursacht. Typisch sind dabei starke allergische Reaktionen im direkten Zusammenhang mit dem Verzehr von rotem Fleisch oder Innereien von Säugetieren, die größere Mengen des Kohlenhydrates Galactose-alpha-1,3-galactose (Alpha-gal) enthalten.
Die Symptome des Alpha-Gal-Syndroms variieren individuell und reichen von milden bis schweren, potenziell lebensbedrohlichen Reaktionen:
Obgleich die Diagnostik relativ leicht durch den Nachweis von IgE-Antikörpern gegen das Oligosaccharid Alpha-gal gelingt, stellt – wie bei Gisela – die Differentialdiagnostik im akuten Notfall eine große Herausforderung dar. So imponiert die klinische Symptomatik in diesen Notfällen oft als septisch und kann die behandelnden Ärzte schnell auf eine falsche Fährte locken.
Ebenfalls tückisch: Die Betroffenen haben zumeist ohne Probleme ihr Leben lang rotes Fleisch verzehrt und entwickeln die lebensbedrohlichen Symptome oftmals erst 3 bis 6 Stunden nach dem Verzehr, wenn sie nach einer Feier vielleicht schon längst zu Hause sind und keiner mehr an Zusammenhänge mit Fleischkonsum denken würde.
Bei einer insgesamt steigenden Patientenzahl, die in Publikationen zum Thema sichtbar wird, bleibt also die Expertenempfehlung: Ein stärkeres Bewusstsein für diese Diagnose beim medizinischen Fachpersonal ist nötig. Da die Klimaerwärmung zusätzlich zu einer zunehmenden Verbreitung von Zecken führt, muss in Zukunft sogar mit noch mehr Betroffenen gerechnet werden.
Glücklicherweise können genau an diesem Punkt auch effiziente Präventionsmaßnahmen ansetzen. Darunter das sorgfältige Absuchen des eigenen Körpers nach längeren Aufenthalten im Freien während der Zeckensaison, die Vorstellung vermeintlicher Bisse beim Hausarzt, sowie das Beisichtragen eines Allergiepasses bei bestätigtem Alpha-gal-Syndrom.
Denn dann hilft neben der Akutbehandlung eines anaphylaktischen Schocks nur das konsequente Vermeiden des Allergens. Und das bedeutet nicht nur den Austausch von rotfleischigen Grillprodukten gegen Geflügel oder Fisch – diese enthalten kein Alpha-Gal – sowie Veggieartikel, sondern ebenfalls die Vermeidung bestimmter Produkte tierischen Ursprungs, darunter Herzklappen, Plasmaexpander auf Gelatinebasis sowie Pankreasenzyme.
Im Fazit gilt also: Krankheitswissen rettet Leben und Prävention durch Allergenvermeidung ist bei diesem Krankheitsbild die beste Medizin!
Bildquelle: Fredrik Öhlander, Unsplash