Mehr als 40 Grad und eine erschreckende Bilanz: Laut RKI starben über 5.000 Menschen infolge der Hitzewelle Ende Juni 2026. Dabei steht Hitze fast nie auf dem Totenschein. Wie kommt also diese Zahl zustande?
Eine Meldung sorgte Anfang Juli für Aufsehen: Das Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlichte seinen aktuellen Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität. Dabei kamen Statistiker für den Zeitraum von April bis Ende Juni 2026 auf schätzungsweise 5.100 hitzebedingte Sterbefälle in Deutschland, mit einer Schwankungsbreite von etwa 4.400 bis 5.850. Zum Vergleich: In den Vorjahren lag die Zahl für denselben Zeitraum deutlich niedriger, bei ungefähr 800 im Jahr 2023, 470 im Jahr 2024 und 560 im Jahr 2025.
Besonders die letzte Juniwoche stach heraus. Vom 22. bis zum 28. Juni lag die bundesweite Wochenmitteltemperatur bei 26,4 Grad – in dieser einen Woche schätzt das RKI rund 4.300 hitzebedingte Todesfälle. Der Deutsche Wetterdienst ordnete den Juni 2026 als den Zweitwärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen ein, nur im Jahr 2019 war es im Mittel noch heißer gewesen. Besonders betroffen waren nach den RKI-Daten ältere Menschen.
Wer sich fragt, wie genau ein einzelner Todesfall als „hitzebedingt“ erkannt wird, stößt schnell auf ein Problem: Ein klassischer Hitzschlag, bei dem die Körpertemperatur so stark ansteigt, dass die Organe versagen, ist als Todesursache eindeutig und würde auch so im Totenschein stehen. Solche Fälle treten bundesweit aber nur selten auf.
In der überwiegenden Mehrheit der Fälle sterben Menschen nicht direkt an der Hitze, sondern an einer Vorerkrankung, die sich durch Hitze verschlechtert: ein Herz, das unter der Kombination aus Flüssigkeitsverlust und Kreislaufbelastung versagt, eine Niere, die durch Dehydrierung ausfällt, oder ein Kreislaufkollaps bei einer geschwächten älteren Person. Auf dem Totenschein taucht in solchen Fällen meist die Grunderkrankung als Todesursache auf – nicht die Hitze. Eine Zählung anhand der Todesursachenstatistik würde die tatsächliche Zahl der hitzebedingten Todesfälle daher massiv unterschätzen.
Deshalb geht das RKI einen anderen Weg. Forscher arbeiten nicht mit Totenscheinen, sondern mit einem statistischen Modell. Grundlage sind zwei Datenquellen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Einerseits die wöchentlichen Sterbefallzahlen, die das Statistische Bundesamt ohnehin fortlaufend erhebt: Bildquelle: Destatis
Und zum anderen die Lufttemperaturdaten von 52 Wetterstationen des Deutschen Wetterdienstes, die zu einer bundesweiten Wochenmitteltemperatur zusammengefasst werden:
Bildquelle: RKI
Aus den Daten vieler Sommer errechnet das Modell, wie die Sterblichkeit in einer ganz normalen, nicht besonders heißen Woche typischerweise aussehen würde, und vergleicht das mit der Sterblichkeit, die Statistiker in derselben Woche bei einer bestimmten Temperatur tatsächlich beobachten. Aus vielen solchen Beobachtungen über mehrere Jahre hinweg lässt sich eine Assoziation ableiten: Ab einer Wochenmitteltemperatur von ungefähr 20 Grad beginnt die Sterblichkeit in der Bevölkerung messbar zu steigen. Dieser Effekt wird mit jedem weiteren Grad deutlich stärker.
Auf dieser Grundlage berechnet das Modell für jede Woche zwei Kurven: eine, die zeigt, wie viele Menschen unter den tatsächlich herrschenden Temperaturen gestorben sind, und eine zweite, die zeigt, wie viele es gewesen wären, hätte es die Hitze nicht gegeben. Die Differenz zwischen beiden Kurven ergibt die geschätzte Zahl der hitzebedingten Sterbefälle.
Für Wochen mit besonders hoher Mitteltemperatur, etwa die letzte Juniwoche 2026, fällt dieser Unterschied naturgemäß am größten aus. Weil es sich dabei immer um eine Schätzung mit einem Modell handelt, gibt das RKI grundsätzlich auch eine Schwankungsbreite an, innerhalb derer sich die tatsächliche Zahl bewegen dürfte.
Parallel zum Hitzemodell veröffentlicht das Statistische Bundesamt eigene Zahlen zur sogenannten Übersterblichkeit. Damit ist gemeint, wie viele Menschen in einer bestimmten Woche tatsächlich gestorben sind, verglichen mit dem, was auf Basis der Vorjahre für diese Jahreszeit normalerweise zu erwarten gewesen wäre.
Für die Hitzewoche Ende Juni 2026 kam das Statistische Bundesamt auf eine Übersterblichkeit von rund 6.800 Fällen, also deutlich mehr als die 4.300, die das RKI-Hitzemodell für dieselbe Woche errechnet hat. Der Unterschied erklärt sich dadurch, dass in der Übersterblichkeit alle möglichen Ursachen für eine erhöhte Sterblichkeit mitgezählt werden, nicht nur die Hitze. Auch Infektionskrankheiten oder rein zufällige Schwankungen können beispielsweise dazu beitragen, dass in einer Woche mehr Menschen sterben als üblich.
Betrachtet man die vom RKI abgeschätzten hitzebedingten Sterbefälle der vergangenen zehn Jahre, wird deutlich, wie stark diese Zahl von Jahr zu Jahr schwankt, je nachdem, wie ausgeprägt die Hitzeperioden ausfielen. Die bisherigen Höchstwerte stammen aus den Jahren 2018 und 2019 mit jeweils rund 7.000 geschätzten hitzebedingten Sterbefällen. In den Jahren 2020 sowie 2022 bis 2024 lag die Zahl jeweils bei rund 3.000 oder mehr, während die Jahre 2016, 2017 und 2021 mit 1.200 bis 2.000 Fällen deutlich niedriger ausfielen. Das Jahr 2026 hat schon bis zur 26. Kalenderwoche, also bis Ende Juni, mit rund 5.100 geschätzten Fällen einen Wert erreicht, der sonst erst am Ende eines ganzen Sommers zustande kommt.
Die RKI-Zahlen machen deutlich, warum Hitze leicht unterschätzt werden kann. Weil hohe Temperaturen so gut wie nie als eigentliche Todesursache dokumentiert werden, sondern nur als zusätzlicher Stressfaktor auf ein bereits geschwächtes System wirken, lässt sich ein einzelner Fall kaum eindeutig als „hitzebedingt“ einordnen. Erst die Betrachtung auf Bevölkerungsebene, wie sie das RKI vornimmt, macht das Ausmaß sichtbar.
Um die Zahl der Hitzetoten zu verringern, müsste sich viel ändern: In etlichen Kliniken und Pflegeeinrichtungen fehlt es nach wie vor an baulichen Maßnahmen gegen Hitze, etwa an Klimaanlagen oder ausreichender Verschattung. Hitzeaktionspläne, die inzwischen von Bund und Ländern empfohlen werden, setzen unter anderem auf Frühwarnsysteme, die gezielte Information gefährdeter Gruppen und eine bessere Vorbereitung von Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern auf Extremwetterlagen. Angesichts der Zahlen dürfte der Handlungsdruck in den kommenden Jahren eher zunehmen als abnehmen, zumal Hitzewellen nach Einschätzung des RKI-Statistikers Matthias an der Heiden inzwischen regelmäßig auftreten.
Robert Koch-Institut: Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität, Kalenderwoche 26/2026 (22.–28.06.2026). Online
Robert Koch-Institut: Hitze und Gesundheit – Gesundheitliche Auswirkungen von Hitze, 2026. Online
Robert Koch-Institut: Pressemitteilung – Neuer Wochenbericht zur Hitzemortalität, 2026. Online
An der Heiden: Schätzung hitzebedingter Todesfälle in Deutschland zwischen 2001 und 2015. Bundesgesundheitsblatt, 2019. Online
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