In der Apotheke kommt es regelmäßig zu Missverständnissen. So sorgte neulich nur ein Wort dafür, dass eine Kundin mir die gerade gekaufte Packung wieder entgegenpfefferte.
Eigentlich war es so ein Tag, an dem man in der Apotheke im Autopilot läuft: „Guten Tag!“, „Kassenbon dazu?“, „Schönen Tag noch!“ – die Klassiker. Kein Notdienst-Drama, kein handschriftliches Rezept, das aussieht wie ein EKG, keine Probleme mit der Telematikinfrastruktur – kurz: normal. Bis sie kam.
„Flohsamenschalen, bitte.“„Sehr gern“, sage ich, greife routiniert zur Packung, reiche sie über den HV-Tisch, kläre über die Einnahme auf und den Zusammenhang mit der gleichzeitigen Einnahme von Medikamenten. Sie zahlt, alles läuft wie geschmiert. Ich lächle, sie nimmt die Packung, will gerade gehen – und genau in diesem Moment passiert etwas, das in meinem Kopf noch heute in Zeitlupe abgespielt wird. Sie bleibt stehen. Sie schaut auf die Packung. Ihr Gesicht verändert sich, eine Halsschlagader schwillt an. Und dann – zack – fliegt mir die Packung über den HV-Tisch zurück. „DEN DRECK nehme ich nicht. Den können Sie behalten!“
Ich stehe da, die Packung in der Hand, und mein Gehirn macht kurz einen Neustart. Sprachlosigkeit. Dann stottere ich irgendwas in Richtung: „Äh… was… ist denn… nicht in Ordnung?“ Und sie – schon halb im roten Bereich – zeigt auf die Packung, als hätte ich ihr soeben ein verbotenes Artefakt überreicht: „Da steht VEGAN drauf! Ich bin da nicht für! Für so einen neumodischen Blödsinn!“ Aha. Vegan ist das Problem. Vegan.
An dieser Stelle muss ich kurz erklären: In der Apotheke steht man ja ständig vor Wörtern, die man erklären darf. „Retard“, „generisch“, „Wirkstoffgleichheit“ – da ist man abgehärtet. Aber „vegan“? Das ist normalerweise die leichteste Übung der Welt. Das erklärt sich in einem Satz und jeder nickt. Also setze ich mein freundlichstes „Wir kriegen das gemeinsam hin“-Gesicht auf und beginne sanft: „Vegan bedeutet einfach nur, dass –“„NEIN!“, unterbricht sie mich, als hätte ich gerade versucht, ihr den Mond zu verkaufen. „Das ist doch dieses… LQ... na, Sie wissen schon. Damit will ich nichts zu tun haben, mit dem neumodischen Dreck.“
Und plötzlich wird mir klar: Wir sind nicht in der Ernährungsabteilung. Wir sind in einer ganz anderen Galaxie gelandet. Ich versuche es trotzdem, ganz sachlich, ganz ruhig, ganz „ich bin Fachpersonal und atme durch“: „Also … vegan heißt lediglich: ohne tierische Bestandteile. Keine Gelatine, kein Milchpulver, keine Tierprodukte. Das ist –“„Nein!“, ruft sie, und ich schwöre, in ihrem Blick stand: Lass mich mit deinen Fakten in Ruhe. In meinem Kopf passiert Folgendes: Ein kleines Männchen schlägt mit der Stirn gegen den HV-Tisch, ein anderes Männchen setzt sich hin und schreit stumm, ein drittes Männchen schreibt bereits innerlich diesen Blogartikel.„Ich will mein Geld zurück! Und ich kaufe jetzt woanders!“Und zack – fertig. Ende der Diskussion. Keine Chance auf „Ach so!“, kein Lächeln, kein „Dann nehme ich’s doch“. Ich erstatte ihr das Geld (weil: Alltag in der Apotheke, man wählt seine Kämpfe), sie stapft hinaus, und ich bleibe zurück mit einer Packung Flohsamenschalen in der Hand und der Frage: Wo genau wird sie jetzt Flohsamenschalen kaufen, die nicht vegan sind?
Ich meine: Flohsamen sind … Pflanzen. Das ist quasi die Definition. Das ist so, als würde man sich über „glutenfreies Wasser“ aufregen. Vielleicht sucht sie Flohsamen, die vorher über ein Schnitzel gerieben wurden. Oder die mit Bratwurst aromatisiert sind. „Flohsamenschalen rustikal – jetzt neu, mit Specknote!“ (Bitte nicht.) Natürlich ist das Ganze auch ein bisschen traurig, weil es zeigt, wie hartnäckig sich Dinge im Kopf verhaken können, wenn man einmal beschlossen hat: Das ist jetzt so. Und egal, was jemand sagt, es wird nicht mehr überprüft. Aber: In der Apotheke lernt man auch Humor als Überlebensstrategie. Manche Menschen kommen mit Sorgen, manche mit Halbwissen, manche mit Google-Ausdrucken in Schriftgröße 6 – und manche werfen einem Flohsamenschalen über den HV-Tisch, weil „vegan“ draufsteht.
Und ich? Ich hab die Packung zurück ins Regal gestellt und dachte nur: „Na gut. Dann bis zum nächsten Abenteuer. Vielleicht mit ‚zuckerfrei‘.“ Denn wenn ich eines aus diesem Tag gelernt habe, dann das: In der Apotheke verkauft man nicht nur Produkte. Man verkauft auch manchmal … Wörter. Und manche davon haben offenbar eine Wurfweite von ungefähr zwei Metern.Bildquelle: Kunj Parekh, Unsplash