24-Stunden-Dienste sind so riskant wie Alkohol am Steuer – das wissen wir. Und trotzdem kommt unser System nicht ohne sie aus. Wie Doppelstandards und Personalnot übermüdetes Arbeiten in der Medizin rechtfertigen.
Die Fakten liegen seit Jahr(zehnt)en auf dem Tisch. Unzählige Forscher haben sich über Jahrzehnte mit den Auswirkungen von Schlafmangel beschäftigt. Und die Ergebnisse sind eindeutig: Wer länger wach bleibt, macht mehr Fehler, reagiert langsamer, trifft schlechtere Entscheidungen und überschätzt gleichzeitig die eigene Leistungsfähigkeit. Gerade in einem Hochleistungsberuf wie der Medizin sollte dieses Wissen Konsequenzen haben. Doch genau das passiert nicht.
Es ist eine Mischung aus Personalmangel, historischen Arbeitskulturen und zunehmendem wirtschaftlichem Druck. Wir alle wissen, dass 24-Stunden-Dienste längst nicht mehr zeitgemäß sind (hier und hier). Sie stehen im Widerspruch zu allem, was wir über menschliche Leistungsfähigkeit wissen. Trotzdem sind sie vom Notarztdienst bis zum Bereitschaftsdienst Alltag. Und zwar nicht, weil die Fakten fehlen, sondern weil die Lösungen unbequem sind. Wer eine Umstellung auf Schichtsysteme oder kürzere Dienste fordert, hört sofort das gleiche Argument: Es gibt nicht genug Personal. Und tatsächlich stimmt das.
Die Personaldecke ist mittlerweile so dünn, dass selbst bestehende Dienstmodelle vielerorts nur mit Mühe aufrechterhalten werden können. Mir ist sogar ein Fall bekannt, wo man von 14h-Diensten (der Dienst kommt um 18 Uhr ausgeruht zum Dienst und bleibt bis morgens 8 Uhr) jetzt das Dienstmodell auf 24h-Dienste umgestellt hat. Und zwar von 11:00 Uhr bis zum nächsten Tag 11:00 Uhr – damit man nach dem Nachtdienst morgens noch ein paar Blutentnahmen machen und Briefe schreiben kann. Das ist nicht mal Stillstand, das ist eine Rückwärtsentwicklung. In einer solchen Situation auch noch die Einhaltung gesetzlicher Arbeitszeitregelungen einzufordern, wird allenfalls müde belächelt.
Hier kommt aber auch die Bezirksregierung ihrer Arbeit nicht nach. Es gibt nicht mal theoretische Kontrollen, dabei finden Arbeitszeitverstöße in allen Kliniken statt. Ich weiß nicht ob das stimmt, aber angeblich gibt es in der für uns zuständigen Bezirksregierung wegen Personalmangels gerade niemanden, der im Arbeitsschutzdezernat zuständig wäre. Sogar dort scheint es Personalknappheit zu geben.
Wie absurd die Situation geworden ist, zeigt sich besonders dort, wo verschiedene Berufsgruppen im selben System nach völlig unterschiedlichen Maßstäben behandelt werden. Nehmen wir einen Rettungshubschrauber: In vielen Regionen ist das Luftrettungsmittel rund um die Uhr einsatzbereit. Die Piloten werden nach spätestens zwölf Stunden abgelöst. Dasselbe gilt für Notfallsanitäter. Werden zulässige Flugzeiten erreicht oder treten besondere Belastungen auf, erfolgt der Wechsel sogar früher. Im Zweifel wird das gesamte Luftfahrzeug außer Dienst genommen.
Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet wieder mal nur die ärztliche Besatzung. Der Notarzt soll als einziges Besatzungmitglied weiterhin einen 24-Stunden-Dienst absolvieren. Man muss sich diese Situation vor Augen führen: Von drei Personen an Bord werden zwei aus Sicherheitsgründen nach zwölf Stunden ausgetauscht. Nur diejenige Person, für deren medizinische Expertise der gesamte Aufwand betrieben wird, soll auch nach 18, 20 oder 23 Stunden noch uneingeschränkt leistungsfähig sein. Ein Pilot sagte mir mal: „Formal sind wir im Flugbetrieb nur Gast und nicht Crewmember, deshalb können wir arbeiten, bis wir umfallen.“
Das ist gefährlich, wenn nicht grob fahrlässig. Je nach Studie werden die neurologischen Effekte von Schlafmangel unterschiedlich beschrieben. Nach 24 Stunden ohne Schlaf hat man Ausfälle, die in etwa einer Blutalkoholkonzentration von rund 1,0 Promille entsprechen. Wir würden niemals eine Behandlung durch einen relevant alkoholisierten Arzt akzeptieren. Bei einer vergleichbaren Beeinträchtigung durch Schlafmangel schauen wir jedoch regelmäßig weg. Und irgendwie muss man nach so einem Dienst auch noch heil nach Hause kommen.
Das eigentliche Problem ist deshalb nicht mangelndes Wissen. Das Problem ist, dass wir die Konsequenzen aus diesem Wissen nicht ziehen. Die Fakten liegen seit Jahren auf dem Tisch. Sie sind wissenschaftlich gut belegt und in vielen anderen sicherheitskritischen Bereichen längst akzeptiert. Trotzdem hält die Medizin an Strukturen fest, die sie in kaum einem anderen Beruf tolerieren würde.
Mehr Personal lässt sich nicht herbeizaubern. Dienstmodelle lassen sich nicht von heute auf morgen umstellen. Aber der Hinweis auf den Personalmangel darf nicht dazu führen, ein bekanntes Sicherheitsproblem dauerhaft zu ignorieren. Denn wenn wir akzeptieren, dass Übermüdung die Leistungsfähigkeit massiv beeinträchtigt, dann müssen wir auch akzeptieren, dass dadurch Fehler entstehen. Und Fehler in der Medizin haben Folgen. Ein Patient kann sterben, weil er falsch behandelt wird. Ein Arzt kann auf dem Heimweg nach einem Bereitschaftsdienst durch einen Sekundenschlaf tödlich verunglücken. Pflegekräfte und Ärzte können körperlich und psychisch an den Belastungen zerbrechen. Die entscheidende Frage lautet daher: Warum ist die Gesellschaft offenbar bereit, diesen Preis zu zahlen?
Vielleicht sollte uns die Antwort darauf nicht überraschen. Während der Corona-Pandemie wurden Ärzte und Pflegekräfte öffentlich beklatscht und gleichzeitig vielerorts bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit und darüber hinaus eingesetzt. Die Bewunderung für ihren Einsatz war groß, die Bereitschaft, die strukturellen Probleme des Systems nachhaltig zu lösen, deutlich geringer.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht mehr, ob 24-Stunden-Dienste problematisch sind. Die Frage lautet, warum wir trotz aller Erkenntnisse weiterhin so tun, als wären sie es nicht. Statt hier zu investieren kommen ständig neue Sparpläne, wie jüngst das GKV-Stabilisierungsgesetz. Sparen, stabilisieren – es sind Euphemismen. Es ist der Versuch einer beschönigenden Verschleierung einer Verschlechterung. Ich erspare euch Ausführungen dazu, was weitere Kürzungen in diesem Sektor in einem jetzt schon deutlich unterbesetzten und unterfinanzierten Sektor bedeuten.
In unserer Abteilung werden in den nächsten Monaten mehrere Kollegen teilweise temporär durch Elternzeit, teilweise dauerhaft durch Rente und Wegzug ins Ausland wegfallen. Wir können jetzt schon die Dienstpläne nicht mehr besetzen. Es werden daher jetzt Dinge wie „flexible Arbeitszeitmodelle auf Vertrauensbasis“ geprüft. Und alle gucken weg, weil niemand einen Plan hat, wie man das System retten könnte.
Das Problem wird sich dramatisch verschärfen durch immer mehr Kürzungen finanzieller Mittel, mehr ältere und kränkere Patienten und immer weniger Fachkräfte. Eine einfache oder sogar schnelle Lösung hat dafür niemand, ich auch nicht.
Und damit – gute Nacht!
Bildquelle: Curated Lifestyle, Unsplash