Viele Patienten haben eine Nierenerkrankung, ohne es zu ahnen – und auch Ärzten entdecken sie oft zu spät. Eine der größten Bevölkerungsstudien Deutschlands deckt einen blinden Fleck in der Diagnostik auf.
Der Blutdruck passt, das Gewicht ist im Normbereich, der Patient fühlt sich fit – und trotzdem könnte seine Niere längst Schaden genommen haben. Chronische Nierenerkrankungen verlaufen über Jahre unbemerkt, ohne Schmerzen, ohne Warnsignale. Erst wenn die Funktion bereits deutlich eingeschränkt ist, treten Symptome auf. Eine aktuelle Analyse der NAKO Gesundheitsstudie, der größten bevölkerungsbasierten Untersuchung in Deutschland, wirft nun die Frage auf, wie viele Nierenerkrankungen in der Bevölkerung schlicht unentdeckt bleiben.
Forscher werteten Urinproben von 35.461 Teilnehmern aus. Bei 6.213 von ihnen, also 17,5 Prozent, zeigte sich mindestens ein auffälliger Wert für Nierenfunktion oder -schädigung. Nur etwa vier Prozent dieser Personen berichteten jedoch von einer entsprechenden ärztlichen Diagnose. Ergänzend werteten die Forscher Blutproben von rund 195.000 Erwachsenen aus. Auch hier fanden sich bei rund 5.000 Teilnehmern Auffälligkeiten der Nierenfunktion, aber nur bei 875 von ihnen war eine entsprechende Diagnose bekannt.
„Wir mussten feststellen, dass bei einem erheblichen Teil der Probanden Hinweise auf Nierenerkrankungen vorhanden waren; oft ohne, dass die Betroffenen sich dem bewusst waren“, sagt Prof. Anna Köttgen, Direktorin des Instituts für Epidemiologie und Prävention am Universitätsklinikum Freiburg. „Das könnte auf Defizite bei der Früherkennung oder in der Kommunikation zwischen Patienten und Ärzten hinweisen.“
Die Forscher erhoben zwei unterschiedliche Marker: Die glomeruläre Filtrationsrate aus dem Blut gibt Auskunft über die Nierenfunktion, die Albuminurie im Urin über eine mögliche Nierenschädigung. Beide Werte beleuchten unterschiedliche Aspekte der Nierengesundheit. „Die Blut- und Urinwerte erfassen unterschiedliche Seiten der Nierengesundheit. Deshalb ergänzen sie sich gut, um die Nierengesundheit zu bewerten“, so Erstautorin Dr. Peggy Sekula, Statistikerin am Institut für Epidemiologie und Prävention am Universitätsklinikum Freiburg.
Unentdeckte Nierenerkrankungen können fortschreiten und schwere, teils lebensgefährliche Verläufe nach sich ziehen. Eine frühzeitige Diagnose und moderne Therapien könnten solche Verläufe verhindern oder hinauszögern. Langfristig könnte eine bessere Früherkennung auch den Bedarf an Nierenersatztherapien wie Dialyse oder Transplantation beeinflussen – untersucht hat die aktuelle Analyse das jedoch nicht.
„Die Studie wirft ein wichtiges Licht auf eine mangelhafte Situation im Bereich der Nierengesundheit“, sagt Prof. Jan Halbritter, ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin IV mit Schwerpunkt Nephrologie am Universitätsklinikum Freiburg, der selbst nicht an der Studie beteiligt war. „Wir sehen jeden Tag in der Klinik, welche Schäden spät entdeckte Nierenkrankheiten haben. Dabei kommt es darauf an, die jeweilige Ursache möglichst frühzeitig aufzudecken, um spezifisch behandeln und Nierenfunktionsverlust aufhalten zu können.“
Eine einmalige Messung reicht für eine gesicherte Diagnose nicht aus, auffällige Werte müssen durch weitere Tests bestätigt werden. Die Analyse liefert dennoch mehrere Erklärungsansätze für die Lücke zwischen auffälligen Werten und diagnostizierten Erkrankungen: Erstbefunde werden mitunter nicht konsequent genug nachverfolgt oder nicht verständlich genug kommuniziert. „Die Ergebnisse sprechen nicht gegen die Diagnostik an sich, sondern dafür, dass es in der Diagnose-Sicherung, Nachverfolgung und Kommunikation bei Nierenerkrankungen noch Verbesserungspotenzial gibt“, sagt Köttgen.
Methodisch handelt es sich bei der Untersuchung um eine Querschnittsanalyse ohne Wiederholungsmessungen – eine endgültige Diagnose lässt sich daraus also nicht ableiten. Frühere Studien zeigen jedoch, dass sich auffällige Befunde häufig bestätigen.
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