Den ganzen Tag im Bett verbringen: Dieser Trend wird in den Sozialen Medien unter dem Namen Bed Rotting zelebriert. Das Phänomen wird jedoch auch kritisch gesehen – zu Recht?
Es ist beliebt auf Social Media, vor allem bei TikTok: Bed Rotting gilt als ultimative Entspannung und Selbstfürsorge. Das Bett tagelang nur zu verlassen, um sich Essen zu holen, soll einen Gegenpol bilden zu den Ansprüchen und der Überstimulation des Alltags, so die Hoffnung der begeisterten Community. Was genau man währenddessen tut, ist nicht festgelegt: Bücher lesen, Filme anschauen, durch den Social Media Feed scrollen oder einfach mal die Gedanken schweifen lassen – alles erlaubt.
Der Trend klingt erst einmal harmlos, bis man diverse Artikel darüber liest, in denen Psychologen und Schlafforscher vor möglichen Gefahren warnen. Etwa, dass das Gehirn so das Bett nicht mehr exklusiv als Ort zum Schlafen wahrnimmt und es dadurch zu Schlafproblemen kommt. Oder, dass der natürliche Rhythmus gestört und Krankheiten begünstigt werden, weil die Faulenzenden zu wenig Tageslicht und Bewegung bekommen.
Der Neurologe Prof. Matthias Schwab vom Interdisziplinären Zentrum für Schlaf- und Beatmungsmedizin in Jena sieht das Thema wesentlich gelassener: „Die Frage ist doch, wie oft mache ich so etwas?“. Mal einen Tag im Bett zu verbringen, weil man Zeit für Erholung braucht, sei zunächst nichts Schlechtes. „Klar, wenn ich tagsüber nichts tue, bin ich abends nicht müde – aber dann muss ich eben am nächsten Tag aktiver sein.“ Problematisch werde das Ganze erst, wenn man sich damit den eigenen Alltag kaputt macht und Dinge liegen lässt, die eigentlich erledigt werden müssten.
Auch die Handynutzung während des Bed Rottings steht häufig in der Kritik. Gerade junge Menschen nutzen die Smartphones den ganzen Tag und das endlose Scrollen belaste das Gehirn eher, als es zu entspannen. Matthias Schwab hält dagegen: „Am Handy kann man auch interessante Dinge lesen, sich weiterbilden oder sich mit der KI über spannende Themen unterhalten.“ Die Annahme, ein Buch sei automatisch besser als das Smartphone, sei zu kurzsichtig.
Viel wichtiger ist laut Schwab die Frage, weshalb ein Mensch das Gefühl hat, so einen Tag zu brauchen. „Mache ich das, weil ich es gemütlich finde, mich mit einem guten Buch oder einem Film in die Decke zu kuscheln, oder fühle ich mich ausgelaugt und antriebslos?“ Der Neurologe warnt davor, solche harmlosen Tage gleich zu pathologisieren: „Wir brauchen hier eine Abgrenzung zu echten Störungen wie Depressionen oder Burnout.“ Manche Menschen, die darunter leiden, können sich schlicht nicht aufraffen – dann aber in der Regel auch nicht zum Lesen, Scrollen, Film schauen, denn solche Tätigkeiten kosten ebenfalls Energie. „Wenn mir ein Patient erzählt, dass er immer und immer wieder antriebslos im Bett liegt, kann das eine krankhafte Ursache haben.“ Das habe dann aber nichts mit dem reinen Faulenzen zu tun, das in den sozialen Medien als Bed Rotting propagiert wird.
Forschung zu dem Phänomen gibt es bisher so gut wie gar nicht. Die negativen ebenso wie die positiven Effekte können daher nur aus verwandten Themen erahnt werden, etwa welchen Einfluss die Handynutzung auf die Schlafqualität hat. Doch auch bei solchen Studien zeigt sich immer wieder: Es kommt auf die Dosis an und Ausnahmen vom Alltag hinterlassen aller Wahrscheinlichkeit nach keine Schäden.
Überhaupt scheint das Thema durch die TikTok-Videos und die mediale Aufmerksamkeit größer, als es vermutlich ist. In Deutschland gibt es bisher keine Umfragen dazu, aber in einer Befragung der American Academy of Sleep Medicine aus 2024 berichteten 14 Prozent von rund 2.000 Teilnehmern, den Trend schon einmal ausprobiert zu haben – was den Anteil von Menschen, die regelmäßig oder gar häufig im Bett bleiben, wohl noch deutlich kleiner macht. „Die meisten Leute werden gar keine Lust haben, mehrere Tage lang nur zu faulenzen“, findet Matthias Schwab. Er kann mit der ganzen Diskussion nichts anfangen: „Haben wir nicht größere Probleme, als so eine alltägliche Sache zum Hype aufzublasen?“
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