KOMMENTAR | Alternativmedizin lockt mit wissenschaftlichem Vokabular – und schadet echter Evidenz gleich doppelt: Während sie wertlose Studien präsentieren, verteufeln Anbieter gleichzeitig Medikamente, deren Wirkung tatsächlich belegt ist. Wer’s glaubt …
Warum misstrauen Menschen Medikamenten, die in strengen Studien ihre Wirksamkeit gezeigt haben, aber greifen gleichzeitig mit großer Zuversicht zu allem zwischen Globuli und fernöstlichem Gedöns? Ein Bekannter mit feuchter Makuladegeneration beispielsweise bekam nicht nur monoklonale Wachstumsfaktorenhemmer ins Auge gespritzt, sondern bestellte sich zusätzlich aus einem Yellowpress-artigen Versandkatalog für Schwurbelmedizin eines Dr. Soundso ein obskures Präparat. Dass er noch nicht erblindet war, führte er auf dieses Präparat zurück, die Spritzen ließ er eher widerstrebend über sich ergehen. Anderes Beispiel: Ein Patient mit chronischer Darmentzündung erwartet von der Medizin nichts weniger als Heilung und ist enttäuscht, dass er weiter Beschwerden hat. Also nimmt er 3 verschiedene OTC-Präparate ein – mit angeblich ganz guter Wirkung.
Warum ist das so? Warum fallen selbst intelligente, gebildete und reflektierte Menschen in gesundheitlichen Notsituationen auf die schwurbeligen Marktschreier herein? Die Antwort steckt zum Teil schon in der Frage: Zum einen, weil es eben gesundheitliche Notsituationen sind, in denen offenbar auf die Ratio kein Verlass ist. Zum anderen dürfen die Anbieter freiverkäufliche Präparate eben als Marktschreier auftreten. Während die Hersteller wissenschaftlich geprüfter Präparate den Weg in die Versorgung über klinische Studien, Zulassung, G-BA, IQWiG und am Ende die Verschreiber finden müssen, dürfen die OTC-Verkäufer werben, was das Megaphon hergibt.
Hinzukommt das Storytelling: Wer schon einmal in der unangenehmen Situation war, öffentlich mit Homöopathen zu diskutieren, wird leidvoll erfahren haben, dass man im Grunde keine Chance hat – hier der trockene Rationalist, dort die empathische Gutelauneschleuder. Während man sich müht, mit Naturgesetzen und Wissenschaft zu argumentieren, kontert die Schwurbelfee mit Galileo, der ja seinerzeit auch verkannt war, und mit zu Herzen gehenden Anekdoten.
Was aber noch schlimmer ist: Auch die Alternativszene hat die „Wissenschaft“ für sich entdeckt und baut entsprechende Fassaden auf. Sie nebelt ihre Präparate mit pharmakologisch hochtrabend klingenden Begriffen ein, pflastert Werbetexte mit Doktoren-Titeln und beruft sich auf klinische Studien. Für den medizinischen Laien klingt das seriös. Um zu erkennen, dass das bloße Fassaden sind, fehlt ihm das methodische Wissen – und vielleicht auch der Wille, die Werbebotschaft wirklich zu hinterfragen.
Ein willkürlich herausgegriffenes Beispiel zum Thema Darmentzündung: Im Online-Magazin „Zeitschrift der Gesundheit“ berichtet die Redakteurin Tanja Ehrlichmann über bahnbrechende Erkenntnisse zur Behandlung der Colitis ulcerosa. Die seien auch bitter nötig, denn: „Ob Mesalazin, Kortison, Immunsuppressiva, und bei vielen irgendwann Biologika oder JAK-Inhibitoren, die Medikamente unterdrücken die Entzündung für eine Weile. Bis der nächste Schub kommt, als hätte es die Behandlung nie gegeben.“ Aha, man kann sich die Pharmahämmer also gleich ganz sparen?
Aber, hurra, die Lösung ist nah: „Eine wachsende Zahl klinischer Studien liefert jetzt eine neue, entscheidende Antwort.“ Denn eine Ursache der chronischen Darmentzündung sei „in den letzten Jahren in den Fokus der Forschung gerückt“. Nämlich der Mangel an der essenziellen Fettsäure Butyrat in den Darmzellen. „Bei Colitis ulcerosa ist genau dieser Nährstoff nachweislich vermindert.“ Und der lässt sich mithilfe einer patentierten Mikroverkapselung dem Darm zuführen. Nach dieser Offenbarung wird, damit auch wirklich jeder kapiert, wie schlimm Patienten in der Regelversorgung misshandelt werden, gleich noch einmal gegen die konventionellen Arzneien nachgetreten: „Bestimmte Medikamente – ausgerechnet jene, die gegen die Entzündung verschrieben werden – können diesen Mangel zusätzlich verstärken.“
Vielleicht sollte man an dieser Stelle kurz einschieben, dass im Impressum der „Zeitschrift für Gesundheit“ die Apricot Health GmbH genannt ist, die just das Präparat herstellt, von dem die Redakteurin Frau Ehrlichmann so begeistert ist.
Natürlich rundet sie den Text dann noch mit einer Anekdote ab. Einer Patientin „Anja (Name geändert)“ ging es ganz ganz schlecht. In den Jahrzehnten ihrer Leidensgeschichte hatte sie alles geschluckt, was sie vom Arzt verschrieben bekam. Weil nichts half, sollte der Darm entfernt werden. Aber die tapfere und schlaue Anja „begann, selbst zu recherchieren“. Und es kam, wie es kommen musste: Sie stieß auf das Präparat, kaufte es, nahm es, und begann innerhalb weniger Tage zu gesunden. Sie bekam traumhafte Entzündungswerte und ließ am Ende einen ungläubigen Professor und ein arbeitsloses OP-Team zurück.
Um den Segen des Präparats zu unterstreichen, verweist Frau Ehrlichmann auch auf klinische Studien. Patienten wären dank des Mittels bei „messbar gesunkenen Entzündungswerten“ und „messbar verbesserter Lebensqualität über 12 Monate“ „deutlich länger schubfrei“ geblieben.
Erst ist von „mehreren“ Studien die Rede, dann sind es doch nur 2:
Bei so einer Studienlage ist es kein Wunder, dass in Leitlinien komplementäre und alternative Therapien ein Schattendasein führen. Die S3-Leitlinie zu Colitis ulcerosa von 2025 beispielsweise stellt klar: „Da Alternativtherapien anstatt einer evidenzgesicherten Therapie benutzt werden, sind diese abzulehnen, da definitionsgemäß keine äquipotente Wirkung nachgewiesen ist.“ Zusätzlich zur Standardtherapie sind sie unter Umständen vertretbar.
Die Leitlinie zitiert Umfragen, nach denen mehr als die Hälfte aller Patienten mit chronischen Darmentzündungen komplementärmedizinische Verfahren nutzen. Von diesen Patienten verschweigen das wiederum etwa die Hälfte ihrem Arzt. Warum die Patienten auf die Verfahren zurückgreifen, wurde auch ermittelt. Laut Umfragen suchen sie die optimale Therapie, sind mit der Wirkung von Cortison und Co. unzufrieden, wollen deren Nebenwirkungen vermeiden sowie selbst aktiv werden und sich generell „ganzheitlicher“ behandeln – was auch immer das heißen mag.
Die Begeisterung Frau Ehrlichmanns von der „Zeitschrift für Gesundheit“ für das Fettsäure-Butyrat-Mittel teilt die Leitlinien nicht. Der Suchbegriff „Fettsäure“ ergibt auf den 288 Seiten der Leitlinie nur einen Treffer, und zwar im Kapitel Ernährung: „Der fraglich positive Effekt von Tee sowie Omega-3-Fettsäuren zur Risikoreduktion einer CU muss noch mit weiteren Studien untermauert werden.“ Stattdessen empfiehlt die Leitlinie „die reichliche Aufnahme von Obst und Gemüse.“ Auch der Begriff „Butyrat“ ergibt nur einen Treffer, allerdings nicht als Präparat zur Einnahme, sondern als Marker im Stuhl für die Wirksamkeit von Flohsamen.
Bildquelle: Sam 🐷, Unsplash