Die Tigermücke ist gekommen, um zu bleiben – und mit ihr Chikungunya-, Dengue- und Zikaviren. Warum es jetzt umso wichtiger ist, über Mückenschutz aufzuklären und welche Schlüsselrolle Reiserückkehrer dabei haben.
Das Robert Koch-Institut (RKI) weist im Epidemiologischen Bulletin 25/2026 erneut auf die beginnende Saison stechmückenübertragener Krankheitserreger hin. Für Deutschland nennt das RKI zwei zentrale Entwicklungen: In Teilen des Landes zirkuliert seit mehreren Jahren das von heimischen Culex-Mücken übertragene West-Nil-Virus (WNV). Gleichzeitig breitet sich die Asiatische Tigermücke, Aedes albopictus, weiter aus. Sie gilt als potenzieller Vektor für Chikungunya-, Dengue- und Zikaviren. Damit wird Mückenschutz zunehmend zu einem Thema für Arztpraxis und Apotheke – nicht nur vor Fernreisen, sondern auch im deutschen Sommer.
Panik ist trotzdem nicht angebracht. Bislang wurden in Deutschland keine durch Aedes albopictus lokal übertragenen Dengue-, Chikungunya- oder Zikavirus-Infektionen identifiziert. Diese Erkrankungen werden hierzulande vor allem bei Reiserückkehrern diagnostiziert. Anders sieht es laut RKI beim West-Nil-Virus (WNV) aus: Seit 2019 werden jährlich autochthone, also in Deutschland erworbene, WNV-Infektionen beim Menschen übermittelt. Im Jahr 2025 waren es vier Fälle, davon drei mit neuroinvasivem Verlauf, also Enzephalitis oder Meningitis; ein weiterer Fall wurde im Rahmen der Blutspende entdeckt. Die Übertragungssaison lag in den vergangenen Jahren vor allem zwischen Juli und Ende September.
Als bisherige Schwerpunktregionen werden unter anderem Teile von Brandenburg, Berlin, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen genannt. Im Jahr 2024 kamen die ersten Erkrankungsfälle im Nordwesten hinzu, 2025 wurde ein wahrscheinlich mückenübertragener menschlicher WNV-Fall erstmals in Bayern übermittelt. Da Nachweise bei Vögeln und Pferden über die Gebiete menschlicher Fälle hinausgehen, rechnet das RKI grundsätzlich mit einer Ausweitung der WNV-Gebiete. Für die Praxis bedeutet das: Bei Enzephalitis, Meningoenzephalitis oder Häufungen unklarer fieberhafter Erkrankungen sollte in der Saison auch ohne Reiseanamnese an WNV gedacht werden – besonders bei älteren Menschen und Personen mit relevanten Vorerkrankungen.
Klinisch bleibt WNV häufig unbemerkt. Etwa 80 Prozent der Infizierten entwickeln keine Symptome. Rund 20 Prozent erleiden grippeähnliche Beschwerden wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Erbrechen, Durchfall oder Exanthem. Weniger als ein Prozent entwickelt eine schwere Erkrankung des zentralen Nervensystems, etwa Meningitis oder Enzephalitis. Schwere Verläufe betreffen vor allem ältere Menschen und Personen mit bestimmten Grunderkrankungen. Für die Selbstmedikation gibt es keine spezifische antivirale Therapie. Warnzeichen wie hohes Fieber, Nackensteifigkeit, Verwirrtheit, Muskelschwäche oder Tremor gehören daher auf jeden Fall ärztlich abgeklärt.
Bei Dengue, Chikungunya und Zika ist meist die Reiseanamnese entscheidend – aber nicht ausschließlich. Aedes albopictus kommt inzwischen regional in Deutschland vor, etwa in Teilen Baden-Württembergs, Rheinland-Pfalz, Hessens und Nordrhein-Westfalens sowie in einzelnen Städten in Bayern, Thüringen und Berlin. Wenn virämische Reiserückkehrer in einer Region mit Tigermücken gestochen werden, können die Mücken das Virus aufnehmen und weitertragen. Deshalb empfiehlt das RKI Reiserückkehrern aus tropischen und subtropischen Endemiegebieten, in Regionen mit Aedes albopictus noch zwei Wochen nach Rückkehr konsequent Mückenschutz zu betreiben. Ein Umstand, der den wenigsten Reiserückkehrern bekannt sein dürfte, und über den in den Apotheken aufgeklärt werden sollte.
Für die Beratung ist auch die Übertragungsfrage wichtig. Das West-Nil-Virus wird in der Natur vor allem zwischen Vögeln und Culex-Mücken übertragen. Menschen gelten als Fehlwirte und stecken im Alltag keine anderen Menschen an. Seltene Übertragungen über Bluttransfusion, Organtransplantation, Schwangerschaft, Geburt oder Stillen sind beschrieben. Chikungunya wird primär über Aedes-Mücken übertragen. Eine Weitergabe durch Husten, Niesen, Berühren oder normalen Kontakt findet nicht statt. Möglich sind seltene Übertragungen über Blutkontakt, Labor- oder Nadelstichverletzungen sowie rund um die Geburt. Dengue wird fast immer durch Aedes-Mücken übertragen. Selten sind vertikale oder blutassoziierte Übertragungen möglich. Zika ist die wichtigste Ausnahme: Neben Mückenstichen sind sexuelle Übertragung und Übertragung in der Schwangerschaft relevant.
In der Apotheke beginnt die Beratung mit konsequentem Mückenschutz. DEET gehört zu den am längsten eingesetzten und am besten untersuchten Wirkstoffen. Die Schutzdauer ist konzentrationsabhängig – Konzentrationen über 50 Prozent bringen jedoch keinen zusätzlichen Nutzen. Icaridin hat nach Angaben des Auswärtigen Amts eine mit DEET vergleichbare Wirkung und ist besser kunststoffverträglich. Für die breite Alltagsberatung kann Icaridin daher häufig eine gut geeignete erste Wahl sein, während DEET insbesondere bei Reisen in Gebiete mit relevantem Risiko für vektorübertragene Erkrankungen weiterhin eine wichtige Option bleibt. IR3535 und PMD (Öl des Zitroneneukalyptus) können Alternativen sein; bei Kindern sollten Altersempfehlungen und Produktinformationen hier besonders beachtet werden. Mittel auf Basis reiner ätherischer Öle sind wegen unzuverlässiger und meist kürzerer Schutzwirkung für Risikogebiete nicht zu empfehlen.
Wichtig sind vor allem folgende praktische Hinweise:
Ein weiterer Präventionsbaustein ist die Bekämpfung der Brutstätten. Die Asiatische Tigermücke nutzt kleinste stehende Wasseransammlungen, etwa in Untersetzern, Gießkannen, Regentonnen, Hofgullys, Zisternen, Planen, Eimern oder offenem Spielzeug. Vorrang hat daher immer: Wasser entfernen, Gefäße trocken oder umgedreht lagern, Regentonnen lückenlos abdecken und Vogeltränken regelmäßig leeren. Wo Wasser nicht beseitigt werden kann, können Bti-Tabletten gegen Mückenlarven eingesetzt werden. Bti steht für Bacillus thuringiensis israelensis. Es wirkt gegen Larven, nicht gegen Eier, Puppen oder adulte Mücken.
In mehreren betroffenen Kommunen werden Bti-Tabletten kostenlos oder nach Beratung an Bürger abgegeben. Beispiele finden sich in Baden-Württemberg, etwa Mannheim, Heidelberg, Stuttgart oder Karlsruhe, aber auch in KABS-Gebieten in Rheinland-Pfalz und Hessen sowie punktuell in anderen Regionen wie Dresden. Die KABS ist ein Zusammenschluss von Kommunen in Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz. Die Ausgabe der Tabletten ist kommunal geregelt und nicht bundesweit einheitlich. Wer in einem Tigermücken-Gebiet lebt, sollte bei der eigenen Gemeinde, dem Umweltamt oder Gesundheitsamt nach lokalen Bekämpfungsprogrammen und kostenfreien Bti-Tabletten fragen.
Bei fieberhaften Erkrankungen nach Reise ist die Apotheke oft erste Anlaufstelle. Dengue kann mit hohem Fieber, starken Kopf- und Gliederschmerzen, Schmerzen hinter den Augen, Übelkeit, Erbrechen und Exanthem einhergehen. Warnzeichen wie starke Bauchschmerzen, anhaltendes Erbrechen, Blutungen, ausgeprägte Schwäche oder Unruhe sind ärztlich abzuklären. Solange Dengue nicht ausgeschlossen ist, sollten ASS und NSAR wie Ibuprofen vermieden werden, da sie das Blutungsrisiko erhöhen können; zur Fiebersenkung und Schmerztherapie wird bevorzugt Paracetamol eingesetzt. Chikungunya verursacht häufig Fieber und ausgeprägte Gelenkschmerzen, die länger anhalten können. Zika verläuft oft mild, ist aber bei Schwangerschaft und Kinderwunsch besonders beratungsrelevant.
Auch Impfungen gehören in die reisemedizinische Beratung. Die STIKO empfiehlt die Chikungunya-Impfung für bestimmte Personen ab zwölf Jahren, etwa bei Reisen in Gebiete mit aktuellem Ausbruch oder bei längeren beziehungsweise wiederholten Aufenthalten in Endemiegebieten mit zusätzlichem Risiko für schwere Verläufe. Die STIKO empfiehlt die Dengue-Impfung mit Qdenga als Reiseimpfung nur für Personen, die bereits eine labordiagnostisch gesicherte Dengue-Infektion durchgemacht haben und in ein Dengue-Endemiegebiet mit erhöhtem Expositionsrisiko reisen.
Stechmücken sind damit nicht plötzlich „die neue Pandemie“ – aber sie sind in Deutschland auch nicht mehr nur ein lästiges Sommergeräusch. Die infektiologische Landkarte Europas verschiebt sich. Wer in Praxis und Apotheke nach Reisen, Fieber, neurologischen Symptomen, Schwangerschaft, Kinderwunsch und lokalen Tigermücken-Vorkommen fragt, kann früh sensibilisieren, sinnvoll schützen und im richtigen Moment zur ärztlichen Abklärung raten.
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