Nicht jeder liebt Zwiebeln. Wer sie aber genetisch bedingt besonders gern mag, profitiert davon sogar gesundheitlich: mit niedrigerem Blutdruck und geringerem Risiko für Typ-2-Diabetes. Wie unser Geschmackssinn unsere Gesundheit beeinflusst.
Eine genetisch bedingte Vorliebe für den Geschmack und Geruch bestimmter Lebensmittel könnte mit günstigen Effekten auf die Gesundheit einhergehen. So hat ein internationales Forscherteam eine neue Methode entwickelt, um zu untersuchen, wie eine solche genetisch bedingte Vorliebe verschiedene Aspekte der Gesundheit beeinflussen könnte.
Die Forscher stellten fest, dass verschiedene Varianten von Genen, die mit den Geruchs- oder Geschmacksrezeptoren in Verbindung stehen, Genussempfinden und Konsum bestimmter Lebensmittel deutlich beeinflussen. Dabei beobachteten sie, dass eine Vorliebe für Zwiebeln mit günstigen gesundheitlichen Effekten verbunden war – nämlich mit einem niedrigeren Blutdruck und einem geringeren Risiko für Typ-2-Diabetes. Die Ergebnisse sind jetzt in BMC Medicine erschienen.
Diese Ergebnisse könnten auch zu einem besseren Verständnis der Frage beitragen, wie genetische Aspekte den Geruchs- und Geschmackssinn und die Vorliebe für bestimmte Lebensmittel beeinflussen. Darüber hinaus eröffnet der Forschungsansatz eine neue, ausgeklügelte Methode, um kausale Zusammenhänge zwischen der Vorliebe für bestimmte Lebensmittel und gesundheitlichen Aspekten zu untersuchen.
Bisherige Studien zum Einfluss von bestimmten Lebensmitteln, Nährstoffen oder Ernährungsweisen auf die Gesundheit haben oft eine begrenzte Aussagekraft. So lassen sich in diesem Bereich kaum randomisiert-kontrollierte Studien (RCTs) durchführen, die die größte Aussagekraft hätten. Eine Alternative sind Studien mit einer Mendelschen Randomisierung. So kann davon ausgegangen werden, dass die Genvarianten eines Menschen bei der Zeugung per Zufall vererbt werden. Wenn bei Menschen mit einer bestimmten Genvariante ein bestimmtes Merkmal – zum Beispiel eine Erkrankung – häufiger auftritt, kann angenommen werden, dass dies auf das genetische Merkmal und nicht auf äußere Faktoren wie Ernährung, Bewegung oder den sozioökonomischen Status zurückzuführen ist. So konnte in Studien mit Mendelscher Randomisierung etwa eine kausale Rolle des LDL-Cholesterins bei der Entstehung von kardiovaskulären Erkrankungen untermauert werden.
In der aktuellen Studie konzentrierte sich das Forscherteam auf Gene, die Geruchs- und Geschmacksrezeptoren in Nase und Mund kodieren. „Wir wollten Untersuchungsinstrumente verwenden, die biologisch bedeutsam sind“, erläutert Danielle Reed. Sie ist Koautorin der Studie und Chief Science Officer am Monell Chemical Sense Center in Philadelphia (USA). „Geruchs- und Geschmackssinn haben uns genau diese Möglichkeit gegeben: Den kausalen Zusammenhang zwischen Ernährung und Gesundheit zu untersuchen, ohne dass es notwendig ist, dass die Probanden sich genau erinnern, was sie gegessen haben.“ So ist anzunehmen, dass die Wahrnehmung von Geschmack und Geruch bestimmter Lebensmittel das Essverhalten bereits vor Beginn chronischer Erkrankungen beeinflusst. Daher sollten sie von Veränderungen der Ernährung aufgrund chronischer Erkrankungen wenig beeinflusst sein.
Das Forscherteam screente für die Untersuchung 1.214 Genvarianten von 30 Geschmacks- und 295 Geruchsrezeptor-Genen. Dazu verwendeten sie Daten von etwa 500.000 britischen Erwachsenen aus der UK Biobank, einer umfassenden Gesundheits-Datenbank aus Großbritannien. Sie umfasst Daten von Erwachsenen im Alter von 37 bis 73 Jahren aus England, Wales und Schottland aus dem Zeitraum 2006 bis 2010. Als nächstes testeten die Wissenschaftler, welche Genvarianten mit der Vorliebe für welche Lebensmittel verbunden waren. Dabei fanden sie heraus, dass 268 Genvarianten von 117 Geschmacks- und Geruchsrezeptor-Genen mit einer Vorliebe für 96 verschiedene Lebensmittel assoziiert waren. So beeinflussten bestimmte genetische Varianten, ob die Betroffenen eine Vorliebe für Knoblauch, Meerrettich, Dicke Bohnen, Grapefruit oder Anis hatten. Einige Genvarianten waren auch mit einer Vorliebe für mehrere Lebensmittel verbunden.
Anschließend wurden Ergebnisse in einer unabhängigen, jüngeren Probandengruppe überprüft, die aus der Avon Longitudinal Study of Parents and Children (ALSPAC) stammte – einer Längsschnitt-Studie aus den 1990er Jahren mit Teilnehmern aus Bristol und Umgebung in Großbritannien. In die aktuelle Studie wurden die Daten der 14.775 teilnehmenden Kinder einbezogen. Durch statistische Analysen schlossen die Forscher zudem genetische Varianten aus, bei denen ein Zusammenhang mit dem sozioökonomischen Status bestehen könnte.
Weiterhin analysierte das Team, ob Menschen mit einer genetisch bedingten Vorliebe für bestimmte Lebensmittel diese tatsächlich häufiger aßen. Hier konnten sie sowohl in der älteren als auch in der jüngeren Probandengruppe deutliche Zusammenhänge zwischen der Vorliebe und dem tatsächlichen Konsum bestimmter Lebensmittel feststellen. Bereits in früheren Studien konnte gezeigt werden, dass Genvarianten, die mit bestimmten Geruchs- oder Geschmacksvorlieben einhergehen, auch das Ernährungsverhalten beeinflussen. So beeinflussen Gene für den Rezeptor für bitteren Geschmack, als wie bitter jemand Chinin oder Koffein empfindet. Dies sagt zudem die konsumierte Menge bitterer Getränke vorher.
Nach den verschiedenen Analysen verblieben 24 robuste genetische Instrumente für 20 unterschiedliche Lebensmittel. Dabei fiel insbesondere ein Gen für einen Geruchsrezeptor namens OR2T6 ins Auge: Es sagte sowohl in der älteren als auch in der jüngeren Probandengruppe die Vorliebe für Zwiebeln sowie den Konsum von Zwiebeln vorher. Dabei war das Gen sehr spezifisch für die Vorliebe für Zwiebeln und zeigte keine Zusammenhänge mit sozioökonomischen Faktoren.
Als nächstes testeten die Wissenschaftler, wie eine genetisch bedingte Vorliebe für Zwiebeln mit verschiedenen Aspekten der Gesundheit zusammenhängt. Dabei stellten sie fest, dass jeder Punkt mehr auf einer 9-stufigen Skala für die Vorliebe für Zwiebeln mit einem durchschnittlich 1,3 mmHg niedrigeren systolischen und einem 0,7 mmHg niedrigeren diastolischen Blutdruck sowie einem etwa 14 Prozent geringeren Risiko für Typ-2-Diabetes einherging. Dagegen zeigte sich kein Zusammenhang zwischen der Vorliebe für Zwiebeln und dem Body Mass Index (BMI), Blutfettwerten oder dem Blutzuckerspiegel. Dies legt nahe, dass Menschen, die eine Vorliebe für Zwiebeln haben, nicht unbedingt eine generell bessere Gesundheit haben.
Eine plausible biologische Erklärung für die Zusammenhänge könnte sein, dass Zwiebeln viel Quercetin und andere entzündungshemmende Substanzen enthalten, die zugleich günstige Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System haben. Allerdings sollten die Ergebnisse mit Vorsicht betrachtet werden, da das untersuchte Gen trotz sorgfältiger Analysen verschiedene phänotypische Merkmale des Organismus beeinflussen könnte (Pleiotropie). Weiterhin sei es nicht Ziel der Studie gewesen, Belege für bestimmte Ernährungsempfehlungen zu finden, sondern die Eignung des Forschungsansatzes zu überprüfen, schreiben die Autoren. Die beobachteten Zusammenhänge für Zwiebeln und die dahinterstehenden Mechanismen sollten daher in weiteren Studien untersucht werden.
Durch die Verwendung genetischer Instrumente für Geschmacks- und Geruchssinn liefert die Studie jedoch einen neuen Forschungsansatz, mit dem der Einfluss von Ernährungsfaktoren auf gesundheitliche Aspekte zuverlässiger untersucht werden kann als in bisherigen Beobachtungsstudien zum Thema. So ist bei dieser Form der Analyse das Risiko, dass Störfaktoren die Ergebnisse beeinflusst haben oder dass die Probanden ihre Ernährung aufgrund von Erkrankungen umgestellt haben und nicht eindeutig zwischen Ursache und Wirkung unterschieden werden kann, deutlich geringer.
„Wir haben eine neue Methode entwickelt, um die Frage zu beantworten, ob ein Lebensmittel für einen Menschen gesund ist oder nicht“, sagt Reed. Diese könnte als Bezugsrahmen für zukünftige Studien genutzt werden, um zuverlässigere Schlussfolgerungen über kausale Zusammenhänge zwischen Ernährungsfaktoren und Gesundheit zu ermöglichen, die für die Ernährungs-Epidemiologie und die öffentliche Gesundheitsforschung von Bedeutung sind. „Nun sollten die Ergebnisse in größeren, repräsentativeren Stichproben überprüft und repliziert werden“, betonen die Forscher. „Dabei sollten auch weitere sensorische Signalwege für Geruch und Geschmack einbezogen werden.“
Bildquelle: Elena Helade, Unsplash