Den Tumor gezielt bestrahlen, gesundes Gewebe verschonen: Die RLT verspricht mehr Präzision in der Krebstherapie. Was der Star der Onkologie bereits leistet – und wo Probleme lauern.
Aktuell erlebt in der Onkologie ein Ansatz eine Renaissance, der eigentlich gar nicht neu ist – die Radioligandentherapie (RLT). Deren Prinzip klingt elegant: Man koppelt ein radioaktives Isotop an ein Molekül, das möglichst spezifisch an Tumorzellen bindet. Dieses Molekül bringt die Strahlung direkt dorthin, wo sie wirken soll – als eine Art „molekular-gesteuerte Bestrahlung von innen“. Neu ist daran nicht die Radioaktivität. Neu ist, wie präzise sie inzwischen adressiert werden kann.
Radioligandentherapie bezeichnet die gezielte systemische Behandlung von Tumoren mit radioaktiv markierten Molekülen. Ein Ligand bindet an eine Struktur, die auf Tumorzellen überexprimiert ist – etwa den Somatostatinrezeptor (SSR) bei neuroendokrinen Tumoren oder PSMA beim Prostatakarzinom. An den Liganden wiederum ist ein Radionuklid gekoppelt, das lokal Strahlung abgibt und Tumorzellen schädigt. Idealerweise kann vor der Therapie mit einem diagnostischen Radiotracer gezeigt werden, ob der Tumor das Zielmolekül überhaupt ausreichend exprimiert. Wer im PET/CT kein Target zeigt, wird wahrscheinlich auch therapeutisch nicht profitieren. Genau dieses theranostische Prinzip macht RLT so attraktiv: Diagnostik und Therapie werden miteinander verbunden und man behandelt gezielt Patienten mit nachweisbarer Rezeptor-Expression.
Die älteste und wahrscheinlich bekannteste Form der RLT ist gewissermaßen die Radioiodtherapie beim Schilddrüsenkarzinom. Differenzierte Schilddrüsenzellen nehmen Iod auf – und radioaktives Iod nutzt genau diese Biologie therapeutisch aus. Erste Behandlungen mit radioaktivem Iod bei Schilddrüsenkrebs gehen bereits auf die 1940er Jahre zurück.
In der Hämatologie folgte später die Radioimmuntherapie, etwa mit Yttrium-90-Ibritumomab-Tiuxetan bei Non-Hodgkin-Lymphomen: Zevalin® wurde 2002 als erste Radioimmuntherapie von der FDA zugelassen. Klinisch blieb der große Durchbruch allerdings aus – nicht unbedingt wegen fehlender Wirksamkeit, sondern wegen logistischer Hürden, Myelosuppression sowie immer effektiverer systemischer Therapien. Die moderne RLT-Ära begann mit zwei soliden Tumorentitäten: neuroendokrinen Tumoren und dem Prostatakarzinom.
Bei gut differenzierten gastroenteropankreatischen neuroendokrinen Tumoren (GEP-NETs) ist die Überexpression von Somatostatinrezeptoren biologisch etabliert. Genau hier setzt Lutetium-177-DOTATATE an: Der Somatostatinanalogon-Ligand bindet an den Rezeptor, Lutetium-177 liefert die lokale Beta-Strahlung.
Die NETTER-1-Studie war der entscheidende klinische Schritt. Eingeschlossen wurden Patienten mit fortgeschrittenen, SSR-positiven, gut differenzierten Midgut-NETs nach Progress unter Somatostatinanalogon. Lutetium-177-DOTATATE plus Octreotid verbesserte das progressionsfreie Überleben deutlich gegenüber hochdosiertem Octreotid. Auf dieser Grundlage wurde es als Lutathera® 2018 für SSR-positive GEP-NETs zugelassen.
Der eigentliche kommerzielle Durchbruch kam mit PSMA-gerichteter RLT beim metastasierten kastrationsresistenten Prostatakarzinom (mCRPC). PSMA ist auf vielen Prostatakarzinomzellen stark exprimiert und lässt sich diagnostisch mittels PSMA-PET darstellen. In der VISION-Studie verlängerte Lutetium-177-PSMA-617 bei vorbehandelten Patienten mit PSMA-positivem mCRPC das Gesamtüberleben um vier Monate.
Die Attraktivität der RLT liegt in der Kombination aus biologischer Präzision und physikalischer Potenz.
Zugleich kommt die RLT trotz allem Potential jedoch nicht ohne Kollateralschäden aus. Die wichtigsten Toxizitäten hängen vom Target, vom Isotop und von der Biodistribution ab. Myelosuppression, Fatigue und Übelkeit, aber auch Nierenschädigungen sind relevante Nebenwirkungen, die man als Behandler im Auge haben muss. Ein weiteres Problem ist eine mögliche Heterogenität der Tumorerkrankung. Wenn nicht alle Tumorläsionen das Target gleich stark exprimieren, behandelt man möglicherweise nur einen Teil der Erkrankung. Auch logistisch ist die RLT komplex: Sie benötigt nuklearmedizinische Infrastruktur, Strahlenschutz, Isotopenlogistik, Therapieplätze, geschultes Personal und belastbare Lieferketten. Die Halbwertszeit der Isotope macht das Ganze nicht einfacher – ein Small Molecule kann man auf Vorrat lagern und per Post verschicken, mit einem Radiopharmazeutikum ist das nicht so einfach.
Im Laufe der vergangenen Jahre sind mehrere Dinge gleichzeitig passiert, die das Interesse an RLT stark ansteigen ließen:
Heutige RLTs nutzen häufig Beta-Strahler wie Lutetium-177. Beta-Partikel haben eine relativ längere Reichweite im Gewebe. Das kann hilfreich sein, weil auch benachbarte Tumorzellen getroffen werden. Gleichzeitig bedeutet es mehr potenzielle Exposition von Normalgewebe.
Alpha-Strahler hingegen sind biologisch besonders attraktiv, weil sie eine sehr hohe lineare Energietransferleistung bei extrem kurzer Reichweite haben. Vereinfacht gesagt: sehr viel Schaden auf sehr kurzer Strecke, was insbesondere bei hoher Ziel-Spezifität wirksam sein kann. Ob Alpha-Strahler tatsächlich die nächste Evolutionsstufe werden oder nur in bestimmten Nischen einen Vorteil zeigen, ist offen. Die Frage wird sein, ob sie im direkten klinischen Kontext genug zusätzliche Wirksamkeit liefern, um Toxizität, Kosten und Logistik zu rechtfertigen.
Der Blick nach vorne wird sich in der RLT auf all jene Indikationen richten, in denen spezifische Targets verfügbar oder etabliert sind, wie wir sie bereits jetzt zum Beispiel für (bi-/trispezifische) Antikörper oder ADCs nutzen. Konkret ist neben Prostatakarzinom und NETs noch RLT für eine Vielzahl anderer Entitäten in Entwicklung. Darunter befinden sich u.a. das hepatozelluläre Karzinom, das Kolonkarzinom, das kleinzellige Lungenkarzinom, Nierenzellkarzinome oder das Mammakarzinom.
Sobald Target, Diagnostik und klinischer Nutzen zusammenpassen, wird die zentrale Frage lauten, welchen Stellenwert RLT in der Therapiesequenz haben. Für neuroendokrine Tumoren und Prostatakarzinome wird dies bereits diskutiert, zudem kommen auch synergistische Therapiekombinationen in Frage.
Für eine breite Etablierung der RLT müssen neben klinischer Wirksamkeit auch Zugangshürden und logistische Herausforderungen bewältigt werden. Sofern diese Probleme jedoch gelöst werden, wird die RLT möglicherweise zeigen können, dass ihr aktueller Hype gerechtfertigt ist. Ihr Reiz liegt in der Verbindung aus Bildgebung, Biologie und Therapie: Man sieht das Target, selektiert Patienten und bringt die Strahlung systemisch an den Tumor. Das ist echte Präzisionsonkologie.
Bildquelle: David Ballew, Unsplash