Ziegenmilch-Formula scheint das Risiko für atopische Dermatitis bei Babys deutlich zu senken. Warum es noch keine allgemeine Empfehlung zur Ernährungsumstellung gibt – und wann sich der Versuch dennoch lohnt.
Die Prävention einer atopischen Dermatitis im Säuglingsalter gehört zu den ungelösten Herausforderungen der Kinderheilkunde. Als wichtigster Risikofaktor gilt eine positive Familienanamnese: Kinder, bei denen ein Elternteil an Neurodermitis erkrankt ist, haben ein zwei- bis dreifach erhöhtes Erkrankungsrisiko.
Doch welche Möglichkeiten der Prävention haben Ärzte und Eltern? Ernährungsstrategien zur Primärprävention sind bislang eher enttäuschend verlaufen. Eine in Clinical Nutrition veröffentlichte randomisierte, doppelblinde Multicenterstudie liefert jetzt aber Hinweise darauf, dass Säuglingsnahrung auf Basis von Ziegenvollmilch das Risiko für eine atopische Dermatitis bei familiär vorbelasteten Kindern senken könnte.
Im Rahmen der GIraFFE-Studie haben die Autoren 2.132 gesunde, termingeborene Säuglinge aus zehn Studienzentren in Spanien und Polen randomisiert entweder einer Gruppe mit Ziegenvollmilch-Formula (WGF) oder einer Gruppe mit konventioneller Kuhmilch-Formula (CF) zugeordnet. Eingeschlossen wurden Säuglinge bis zum Alter von drei Monaten, unabhängig vom Allergierisiko.
Formula-Produkte sind industriell hergestellte Nahrungsmittel, die Muttermilch möglichst gut nachahmen und Neugeborene vollständig mit Nährstoffen versorgen, wenn Mütter sie nicht oder nicht ausschließlich stillen. In der Studie haben Babys sie bis zum sechsten Lebensmonat erhalten, später gab es Folgemilch. Primärer Endpunkt war das Auftreten einer atopischen Dermatitis nach Kriterien der United Kingdom Working Party (UKWP). Als sekundärer Endpunkt wurde eine ärztlich diagnostizierte Neurodermitis erfasst.
Die UKWP-Kriterien sind international etablierte Diagnosekriterien für eine atopische Dermatitis. In der GIraFFE-Studie wurden sie in einer für Säuglinge im ersten Lebensjahr angepassten Form angewendet.
Obligatorisches Hauptkriterium
Zusätzlich müssen mindestens drei der folgenden Kriterien erfüllt sein:
Die UKWP-Kriterien gelten als sehr spezifisch, können jedoch insbesondere bei jungen Säuglingen frühe oder mild ausgeprägte Krankheitsformen übersehen. Deshalb erfasste die Studie zusätzlich ärztlich diagnostizierte Fälle als sekundären Endpunkt.
Insgesamt entwickelten 192 Kinder laut UKWP-Kriterien eine atopische Dermatitis, 245 Kinder erhielten im ersten Lebensjahr eine ärztliche Diagnose. Die Inzidenz einer nach UKWP-Kriterien diagnostizierten Neurodermitis betrug in beiden Gruppen 11,6 Fälle pro 100 Personenjahre. Zwischen Ziegen- und Kuhmilch-Formula bestand also kein signifikanter Unterschied (Inzidenzratenverhältnis 1).
Doch das Thema ist damit noch nicht abgehakt: Anders sah es nämlich beim sekundären Endpunkt aus. In der Per-Protocol-Analyse war die Häufigkeit einer ärztlich diagnostizierten atopischen Dermatitis um 34 Prozent geringer unter Ziegenvollmilch-Formula (IRR 0,66). Die Autoren interpretieren dies als Hinweis darauf, dass eine konsequente Ernährung mit Ziegenvollmilch-Formula das Erkrankungsrisiko verringern könnte.
Am stärksten profitierten Säuglinge, bei denen mindestens ein Elternteil an atopischer Dermatitis erkrankt war. In dieser Hochrisikogruppe verringerte sich das Risiko einer ärztlich diagnostizierten atopischen Dermatitis unter Ziegenvollmilch-Formula im Vergleich zur Kuhmilch-Formula um 64 Prozent (IRR 0,36).
Auch die übrigen Endpunkte zur atopischen Dermatitis zeigten in dieser Subgruppe einen konsistenten Trend zugunsten der Ziegenvollmilch-Formula. Da diese Ergebnisse aus einer vordefinierten Subgruppenanalyse stammen und der primäre Endpunkt der Gesamtstudie nicht erreicht wurde, sollten sie jedoch als vielversprechende Hinweise und nicht als endgültiger Wirksamkeitsnachweis gewertet werden.
Warum könnte Ziegenvollmilch einen protektiven Effekt haben? Die Autoren diskutieren mehrere Mechanismen. Ziegenmilch enthält weniger Molkenprotein und αS1-Casein als Kuhmilch. Dadurch entsteht im Magen ein weicheres Eiweißgerinnsel, das schneller enzymatisch abgebaut wird. Experimentelle Untersuchungen deuten darauf hin, dass dadurch die Allergenität der Proteine reduziert werden könnte.
Hinzu kommt ein höherer Anteil natürlicher Milchfette einschließlich Bestandteilen der Milchfettkügelchenmembran (Milk Fat Globule Membrane, MFGM). Diese enthalten bioaktive Lipide mit potenziell immunmodulierenden Eigenschaften, die Entzündungsprozesse beeinflussen und möglicherweise die Hautbarriere unterstützen könnten. Die Autoren betonen allerdings, dass diese Mechanismen bislang nicht klinisch bewiesen sind.
Das Wachstum der Kinder unterschied sich zwischen beiden Gruppen nicht: Körperlänge und Gewicht waren nach zwölf Monaten vergleichbar. Auch die Gesamtzahl der dokumentierten unerwünschten Ereignisse war in beiden Gruppen ähnlich. Unter der Ziegenvollmilch-Formula traten jedoch etwas häufiger gastrointestinale Beschwerden, insbesondere Obstipation, auf.
Schwere unerwünschte Ereignisse wurden zwar numerisch häufiger beobachtet, standen jedoch nur in wenigen Fällen wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Studiennahrung. Auch hinsichtlich der berichteten Kuhmilchproteinallergien zeigte sich kein signifikanter Unterschied zwischen den beiden Gruppen.
Das Wichtigste auf einen Blick
Zwar wurde der primäre Endpunkt der Studie nicht erreicht, sodass die positiven Ergebnisse bei der ärztlich diagnostizierten Neurodermitis als sekundäre beziehungsweise Subgruppenbefunde zu interpretieren sind. Gleichzeitig handelt es sich um die bislang größte randomisierte Untersuchung zu diesem Thema.
Ziegenvollmilch-Formula kann derzeit nicht generell zur Prävention einer atopischen Dermatitis empfohlen werden. Bei Säuglingen mit ausgeprägter familiärer Atopiebelastung scheint sich ein Versuch aber durchaus zu lohnen. Das Risiko ist angesichts der guten Verträglichkeit gering.
Quelle
Grote et al.: Whole goat milk versus cow milk formula and atopic dermatitis in infants: A randomized clinical trial. Clinical Nutrition, 2026. doi: 10.1016/j.clnu.2026.106707
Bildquelle: christie greene, Unsplash