Menschen mit Migräne entwickeln häufiger eine Demenz – so dachte man. Was einst als Risikofaktor galt, wird nun kritisch hinterfragt. Könnten Kopfschmerzen vor Alzheimer schützen?
Migräne gilt seit Jahren als möglicher Risikofaktor für kognitive Einschränkungen und Demenz. Mehrere Beobachtungsstudien sowie Metaanalysen hatten auf ein erhöhtes Demenzrisiko bei Betroffenen hingedeutet. Eine neue populationsbasierte Kohortenstudie aus den Niederlanden kommt nun jedoch zu einem überraschenden Ergebnis: Migräne war mit einem niedrigeren Risiko für Demenz und Alzheimer-Demenz assoziiert.
Die Arbeitsgruppe um Cevdet Acarsoy analysierte Daten der Rotterdam-Studie, einer großen prospektiven Bevölkerungskohorte. Insgesamt wurden 6.888 Personen ohne Demenz eingeschlossen. Der Migränestatus wurde zwischen 2006 und 2011 mittels validierter Fragebögen erhoben. Anschließend erfolgte eine Nachbeobachtung im Mittel über 9,4 Jahre. Demenzdiagnosen wurden durch Screenings, Krankenakten und neuropsychologische Untersuchungen bestätigt. Zu Studienbeginn litten 1.041 Teilnehmerinnen und Teilnehmer (15,1 %) an Migräne. Während der Nachbeobachtung entwickelten 491 Personen eine Demenz, davon 379 eine Alzheimer-Demenz.
Nach Adjustierung für zahlreiche Störfaktoren zeigte sich für Personen mit Migräne ein signifikant niedrigeres Risiko für eine Demenz insgesamt (HR 0,70; 95-%-KI 0,51–0,95). Für Alzheimer-Demenz fiel die Assoziation sogar noch deutlicher aus (HR 0,58; 95-%-KI 0,40–0,85). Die Autoren fanden somit keinen Hinweis darauf, dass Migräne das Demenzrisiko erhöht. Vielmehr deuteten die Daten auf einen möglichen protektiven Zusammenhang hin.
Die Ergebnisse stehen im Kontrast zu mehreren früheren Arbeiten. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2022 hatte beispielsweise ein um etwa 33 % erhöhtes Risiko für Demenz bei Migränepatienten berichtet. Auch für vaskuläre Demenzen wurden erhöhte Risiken beschrieben. Die niederländischen Autoren verweisen auf die erhebliche Heterogenität der bisherigen Literatur. Viele frühere Untersuchungen basierten auf Registerdaten oder retrospektiven Analysen. Prospektive Kohortenstudien mit sorgfältiger Phänotypisierung seien dagegen deutlich seltener.
Warum Migräne mit einem geringeren Demenzrisiko verbunden sein könnte, bleibt offen. Diskutiert werden verschiedene Erklärungen. Denkbar sind biologische Mechanismen, die bislang nicht ausreichend verstanden sind. Ebenso könnten Unterschiede in der Gesundheitsversorgung, häufigere ärztliche Kontakte oder methodische Effekte eine Rolle spielen. Die Autoren betonen daher, dass die Ergebnisse nicht als Beweis für einen neuroprotektiven Effekt der Migräne verstanden werden sollten. Weitere Langzeitstudien mit Biomarkern und Bildgebung seien notwendig.
Dass ein Mangel an sensorischen und sozialen Reizen die Entstehung einer Demenz begünstigen kann, gilt inzwischen als gut belegt. Umso spannender erscheint die Frage, ob die bei Migräne typische erhöhte Sensitivität des Gehirns gegenüber äußeren Reizen langfristig sogar neuroprotektive Effekte haben könnte. Die vorliegende Studie liefert dafür keinen Beleg, eröffnet aber eine interessante Hypothese für zukünftige Untersuchungen.
Die aktuelle Rotterdam-Studie liefert keinen Hinweis auf ein erhöhtes Demenzrisiko bei Migräne. Im Gegenteil: Migräne war mit einer niedrigeren Inzidenz von Demenz und Alzheimer-Demenz assoziiert. Ob dahinter tatsächlich ein biologischer Schutzmechanismus steckt oder methodische Faktoren die Ergebnisse beeinflussen, bleibt vorerst ungeklärt. Die Arbeit dürfte die Diskussion über den Zusammenhang zwischen Migräne und Neurodegeneration jedoch neu beleben.
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