Manche Einsätze sind im Protokoll nur eine Zeile lang – und lassen mich trotzdem nicht mehr los. Über eine Frau Anfang siebzig, ihren Mann auf dem Blumenteppich und die Frage, wer eigentlich die pflegenden Angehörigen auffängt.
Das Einsatzstichwort lautet „hilflose Person“ und das ist eines dieser Stichwörter, bei denen man alles erwarten kann: den Betrunkenen im Hausflur, die gestürzte Seniorin, die seit Stunden neben ihrem Rollator liegt, oder eben gar nichts, weil der Nachbar sich geirrt hat und die vermeintlich hilflose Person doch nur der zu laute Fernseher war. Marlene fährt. Marlene ist Rettungssanitäterin, jünger als ich, und sie fährt den RTW so, wie andere Leute Excel-Tabellen ausfüllen: gewissenhaft, unaufgeregt und mit einer leisen Verachtung für alle, die es schlechter machen.
Drittes Obergeschoss ohne Aufzug. Am Klingelschild stehen zwei Vornamen. Die Tür ist schon offen, als wir oben ankommen. Eine Frau Anfang siebzig steht im Flur, ordentlich angezogen, als hätte sie Besuch erwartet, nur eben nicht diesen. „Er ist wieder runtergerutscht“, sagt sie. „Ich krieg ihn nicht mehr hoch.“
Im Schlafzimmer sitzt ihr Mann auf dem Boden, mit dem Rücken am Bett, die Beine ausgestreckt auf einem Teppich mit Blumenmuster. Er ist nicht gestürzt, er ist gerutscht – das ist ein Unterschied, den Angehörige immer sofort betonen, als müssten sie sich rechtfertigen. Er wollte aufstehen, sagt sie, er saß an der Bettkante und dann waren die Beine schneller weg als der Rest. Jetzt sitzt er da und schaut uns an, freundlich, abwesend, wie jemand, der in einem Wartezimmer sitzt und nicht mehr genau weiß, welcher Arzt ihn drannehmen wird.
Das Aufhelfen selbst ist Routine. Marlene auf der einen Seite, ich auf der anderen, ein Griff, ein Kommando und der Mann sitzt wieder auf der Bettkante, als wäre nichts gewesen. Keine Verletzung, keine Schmerzen, Vitalparameter unauffällig, eine Zeile Protokoll. Der ganze Einsatz hätte zehn Minuten dauern können. Er dauert aber länger, weil die Frau anfängt, zu erzählen – und weil wir zuhören. Das ist keine Heldentat und steht in keiner SOP, aber manchmal ist Zuhören einfach das Einzige, was wir haben.
Es fing mit dem Gehen an, sagt sie. Ihr Mann, der sein Leben lang gelaufen ist, zur Arbeit, zum Bäcker, sonntags um den See, fing plötzlich an, kleinere Schritte zu machen. Trippelig und unsicher, als würde der Boden unter ihm nachgeben. Sie hat das sofort gemerkt. „Da stimmt was nicht“, hat sie gesagt, „du gehst zum Neurologen.“ Er wollte nicht, natürlich wollte er nicht, Männer dieser Generation gehen zum Arzt, wenn der Arm ab ist und auch dann erst nach dem Mittagessen. Sie hat ihn trotzdem hingeschickt. Und dann, sagt sie, und macht eine Pause, in der die Kaffeemaschine in der Küche einmal gluckert, „dann ging es bergab.“
Zehn Jahre ist das her, in denen aus dem Mann, der sonntags um den See ging, ein Mann wurde, der nicht mehr allein von der Bettkante kommt. Und aus der Frau, die ihn zum Neurologen schickte, wurde eine unbezahlte Pflegekraft, die weder einen Dienstplan hat noch Feierabend. Sie wäscht ihn, sie zieht ihn an, sie kocht, sie lagert, sie beruhigt ihn nachts, wenn er nicht weiß, wo er ist, und sie hebt ihn auf, wenn er rutscht. Bis sie es nicht mehr kann. Heute konnte sie es nicht mehr.
Die Wohnung ist klein, zwei Zimmer, vollgestellt mit fünfzig Jahren gemeinsamem Leben. Vor dem Fernseher eine Häkeldecke, an der Wand Fotos, auf denen beide noch volles Haar und Pläne haben. Man könnte ihn in ein Heim geben, das weiß sie, das haben ihr alle gesagt, die Kinder, die Hausärztin, die Nachbarin mit dem Hund. Sie will nicht. „Er soll es gut haben“, sagt sie. „Er soll hier sein. Er kennt es hier.“ Sie sagt das ohne Pathos, so wie andere Leute sagen, dass sie den Müll noch runterbringen müssen. Es ist keine Entscheidung, die sie jeden Tag neu trifft, sondern es ist einfach ihr Leben geworden.
Marlene packt währenddessen die Tasche zusammen und ist sehr still. Ich weiß, dass sie dasselbe denkt wie ich: Diese Frau ist Anfang siebzig. Ihr Rücken trägt ein Leben, das längst leichter hätte werden müssen und sie hebt jeden Tag Gewichte, für die wir zu zweit anrücken. Wir nennen das am Funk „Aufstehhilfe“ und das ist ein erstaunlich ehrliches Wort, wenn man darüber nachdenkt: Wir helfen beim Aufstehen einer Last, die längst verteilt sein müssen und die stattdessen auf schmalen Schultern in einer Zweizimmerwohnung liegt.
Der größte Pflegedienst dieses Landes hat weder einen Namen noch ein Logo noch einen Tarifvertrag. Es sind die Angehörigen. Der weitaus größte Teil der Pflegebedürftigen in Deutschland wird zu Hause versorgt, sehr oft ausschließlich von der Familie, und sehr oft ist diese Familie eine einzelne Person. Das System weiß das und rechnet damit. Es ist auf diese Menschen gebaut wie ein Haus auf sein Fundament, nur dass man dem „Fundament“ gelegentlich eine Broschüre schickt. Auf dem Papier ist Deutschland mit den Entlastungsangeboten großartig. Es gibt Verhinderungspflege, Kurzzeitpflege, Tagespflege, Entlastungsbeträge und Pflegekurse. Für jedes dieser Angebote existiert ein Antragsformular, Wartezeit und einen Satz, der mit „Leider“ beginnt. Kurzzeitpflegeplätze sind chronisch knapp, Tagespflege scheitert am Transport oder an der Demenz selbst, und die Verhinderungspflege ist ein Bürokratiekonstrukt, das man erst durchschaut hat, wenn man sie nicht mehr braucht. Eine Frau Anfang siebzig, die rund um die Uhr pflegt, hat keine Kapazitäten mehr für Antragslyrik. Sie hat ja nicht mal Kapazitäten für einen Friseurtermin.
Und so wird der Rettungsdienst zum Ausfallbürgen eines Systems, das sich auf Liebe verlässt, weil Liebe nichts kostet. Wir kommen nachts um drei, wenn die Kraft nicht mehr reicht, heben auf, lächeln und fahren wieder. Wir sind die einzige Institution, die garantiert ohne Antrag, ohne Wartezeit und ohne „Leider“ erscheint. Das ist auf eine schiefe Art ein Kompliment an unseren Beruf und eine Bankrotterklärung an alles drumherum.
Bevor wir gehen, frage ich die Frau, wie es ihr selbst geht. Sie schaut mich an, als hätte ich die Frage auf Japanisch gestellt. Dann sagt sie: „Es geht schon.“ Es geht schon, das ist der Schlachtruf der pflegenden Angehörigen, man könnte ihn auf Banner drucken und vor das Gesundheitsministerium hängen. Es geht schon, bis es nicht mehr geht – und wenn es nicht mehr geht, dann gehen meistens zwei auf einmal kaputt, der Gepflegte und die Pflegende. Und dann braucht es plötzlich zwei Heimplätze statt rechtzeitig einer Haushaltshilfe.
Ich erzähle ihr von der Verhinderungspflege, sage die Sätze, die man in solchen Momenten sagt und ich höre selbst, wie dünn sie klingen gegen die zehn Jahre. Sie nickt. Ihr Mann sitzt auf der Bettkante und schaut aus dem Fenster, draußen ist ein ganz normaler Vormittag, irgendwo klappert ein Mülleimer. An der Tür dreht sie sich noch einmal um und bedankt sich, mehrmals, viel zu oft für das bisschen, das wir getan haben. „Sie haben ja sicher Wichtigeres zu tun“, sagt sie. Nein, sage ich. Haben wir nicht.
Im Treppenhaus sagt Marlene lange nichts, erst unten, an der Haustür, bleibt sie kurz stehen. „Die ruft erst wieder an, wenn gar nichts mehr geht“, sagt sie so, wie man eine Wettervorhersage referiert. Wahrscheinlich hat sie recht. Diese Frau wird weitermachen, morgen und übermorgen, sie wird waschen, anziehen, lagern, beruhigen und aufheben, solange ihre Gesundheit das mitmacht. Sie hatte es ihm versprochen, nicht ausdrücklich vielleicht, aber so, wie man sich Dinge verspricht, wenn man fünfzig Jahre nebeneinander aufwacht. Und die Gesellschaft wird ihr dabei zusehen und das Ganze in Sonntagsreden „gelebte Solidarität“ nennen, während sie die Solidarität dort, wo sie organisiert, finanziert und einklagbar sein müsste, in Formularen versenkt.
Wir steigen ein. Marlene startet den Motor. Für einen Moment ist es ruhig im Fahrzeug. Irgendwann wird diese Frau wieder anrufen und dann kommen wir wieder, und helfen beim Aufstehen. Mehr haben wir ihr nicht anzubieten. Mehr hat ihr bisher niemand angeboten.
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