Wer denkt, bei fortgeschrittener MS kann nichts mehr getan werden, täuscht sich. Denn auch vermeintlich ausweglosen Fällen könnte geholfen werden – mithilfe eines alten Bekannten.
Die Therapiemöglichkeiten bei Multipler Sklerose haben sich über die letzten Jahre und Jahrzehnte rasant entwickelt. Die krankheitstypischen Schübe kann man heute in den meisten Fällen sehr effektiv unterdrücken. Ein Problem stellt allerdings weiterhin das Voranschreiten der Behinderung unabhängig von Krankheitsschüben dar. Chronisch progrediente Formen der Multiplen Sklerose sprechen daher oft nicht auf die verfügbaren Medikamente an.
Eine Studie bringt jetzt neue Hoffnung für eine Gruppe von MS-Patienten, die bisher als sehr schwer behandelbar galt. Als wirksam erwiesen hat sich dabei nicht ein neues Medikament – sondern das alte bekannte und vielfach eingesetzte Ocrelizumab.
Ocrelizumab wurde in einer neuen Phase-IIIb-Studie untersucht. Der kleine Buchstabe b bedeutet dabei, dass Ocrelizumab längst zugelassen und im Einsatz ist. Die Behandlung wurde jetzt aber für eine Patientengruppe untersucht, für die eine Wirksamkeit bislang nicht nachgewiesen ist. In die Studie wurden Patienten mit primär progredienter MS (PPMS) eingeschlossen. Bei dieser Krankheitsform treten zwar keine Schübe auf, die neurologischen Symptome verschlechtern sich hingegen schleichend über Jahre – und das oft unaufhaltsam.
Es gibt nur wenige Medikamente, die bei dieser Form der MS helfen können, eins davon ist Ocrelizumab. Bereits bekannt ist, dass Ocrelizumab das Voranschreiten der Behinderung bei PPMS verlangsamen kann. Voraussetzung war bislang, dass die Patienten relativ jung sind (< 55 Jahre) und dass die Erkrankung noch nicht so stark fortgeschritten ist. Bei Patienten, die in ihrer Mobilität so stark eingeschränkt sind, dass sie auf den Rollstuhl angewiesen sind, fehlte bislang ein Wirksamkeitsnachweis – so der bisherige Kenntnisstand.
Die aktuelle Studie schloss auch ältere PPMS-Patienten ein: Das Maximalalter war 65 Jahre. Außerdem wurden auch schwerer Betroffene eingeschlossen, eben auch solche, die weitgehend auf den Rollstuhl angewiesen sind. Und auch für diese Gruppe wurde ein Nutzen von Ocrelizumab nachgewiesen. Untersucht wurden gut 1.000 Patienten, die Hälfte erhielt Ocrelizumab als Infusion alle 6 Monate, die andere Hälfte erhielt Placebo.
Die absoluten Zahlen ergaben: Unter Placebo trat die Behinderungsprogression bis zum Ende des Studienzeitraums bei 40 Prozent auf, unter Ocrelizumab nur bei 33 Prozent. In der statistischen Auswertung entsprach dies einer rund 30-prozentigen Verringerung des Progressionsrisikos.
Warum konnte die Wirksamkeit bei diesem fortgeschrittenen Krankheitsstadium der PPMS erst jetzt nachgewiesen werden? Der Grund liegt zumindest zum Teil in der Wahl des untersuchten Parameters, mit dem man die Wirksamkeit des Medikaments belegen will. In der Studien-Sprache wird dieser Ziel-Parameter „Endpunkt“ genannt.
Klassischerweise wird bei MS-Studien der EDSS-Score als Endpunkt verwendet. Dieser Score ist weit verbreitet und wird regelhaft bei der Untersuchung von MS-Patienten angewandt. Ein höherer Wert auf der EDSS-Skala bedeutet einen höheren Grad der Behinderung. Bei einem EDSS von 3 besteht zum Beispiel eine mäßiggradige Behinderung, die Gehfähigkeit ist aber nicht relevant eingeschränkt. Bei einem EDSS von 6 werden Hilfsmittel wie Krücke oder Stock benötigt, um längere Strecken zurückzulegen. Bei einem EDSS von 8 schließlich sind Betroffene weitgehend an Bett und Rollstuhl gebunden.
Das Problem beim EDSS: Bei höheren Behinderungsgraden wird der EDSS vor allem von der Gehfähigkeit bestimmt. Das bedeutet: Ist ein Betroffener in seiner Mobilität bereits sehr eingeschränkt, hat er auch einen hohen EDSS. Verschlechtert sich dann zusätzlich auch die Arm- und Handfunktion, steigt der EDSS nur noch geringfügig. Für diese Gruppe von Betroffenen ist die Handfunktion aber essentiell. Sie entscheidet darüber, ob alltägliche Tätigkeiten wie Essen, Anziehen, Schreiben oder die Bedienung eines Rollstuhls selbstständig möglich sind. Die Relevanz der Handfunktion ist aber im EDSS nur unzureichend abgebildet.
In der neuen Studie wurde deshalb zusätzlich auch die Handfunktion bewertet. Während die ursprüngliche Ocrelizumab-Studie ORATORIO hieß, wurde die aktuelle Studie passenderweise ORATORIO-Hand genannt. Für den Studienendpunkt wurde der EDSS zusammen mit einem Test der Handfunktion, dem Nine-Hole Peg Test, bewertet. Bei diesem Test müssen Probanden kleine Holzstifte in die dafür vorgesehenen Löcher in einem Brett stecken. Dabei wird die Zeit gemessen. Wenn sich die Bearbeitungszeit dieses Tests im Studienverlauf um 20 Prozent verlängerte, galt dies als relevante Verschlechterung. Diese trat unter Ocrelizumab seltener auf als unter Placebo.
Die Studie untersuchte keinen neuen Wirkmechanismus und nicht einmal ein neues Medikament. Neu war vielmehr die Frage, ob Ocrelizumab auch bei fortgeschrittener Erkrankung und höherem Lebensalter wirksam ist. Die Ergebnisse könnten zu einem Paradigmenwechsel führen. Auch bei fortgeschrittener Erkrankung bleibt der Krankheitsverlauf der MS beeinflussbar.
Wenn die Mobilität bei einem Menschen durch die MS stark eingeschränkt ist, heißt das nicht, dass die Erkrankung „ausgebrannt“ und nicht mehr beeinflussbar ist. Gerade in dieser Situation ist die Handfunktion für die Selbstständigkeit und Autonomie enorm bedeutend. Ocrelizumab kann dazu beitragen, genau diese Fähigkeiten länger zu bewahren.
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