KOMMENTAR | Leben und Tod für die Menschen, Unsterblichkeit für die Götter – das war einmal. Heute berauschen sich ein Tech-Millionär und seine Jünger an der Idee vom ewigen Leben und starten absurde Selbstversuche. Um Himmels Willen!
Mitte der siebziger Jahre sorgte die Science-Fiction-Serie „Das Blaue Palais“ für Aufsehen. Gelobt wurde sie vor allem für ihre Nähe zur realen Wissenschaft. In den 5 Folgen forscht eine Gruppe Wissenschaftler an fundamentalen Fragen der Menschheit, etwa in Folge 4 zur Unsterblichkeit: Einem schottischen Forscher gelang es, das Enzym Telomerase via Phagen in alle Körperzellen von Taufliegen zu schleusen und sie damit unsterblich zu machen.
Nun treiben zwei Wissenschaftler des Blauen Palais seine Arbeit voran. Nachdem die Experimente auch an Ratten gelingen, injiziert sich eine Forscherin die Phagen selbst. Als ihr die Tragweite ihres Tuns bewusst wird, tötet sie sich und zerstört das gesamte Labor. Alle unsterblichen Wesen sind damit vernichtet. Die düstere Pointe der Geschichte: Als das Labor im schottischen Schloss ebenfalls aufgelöst wird, gelangen wegen eines Missverständnisses tausende unsterbliche Taufliegen in die Umwelt.
Dass es sich hier um Science-Fiction handelt, will der Tech-Millionär Bryan Johnson nicht hinnehmen. Er streicht das „Fiction“ und fokussiert sich ganz auf die „Science“. Für ihn ist der Tod „ein technisches Problem, das sich lösen lässt“. Also studierte er „alle“ Studien zum Thema Longevity, wie er in der Netflix-Doku „Don’t Die“ sagt, sortierte sie nach ihrer Effektivität und arbeitet sie seitdem mit einer Konsequenz und Beharrlichkeit ab, die Wissenschaftler schwärmen lässt. Weil er alles mitmache, sei er das perfekte Versuchskaninchen. Sein Vorhaben nennt er Projekt Blueprint.
Seit 5 Jahren läuft das radikale Ein-Mann-Verjüngungsexperiment nun schon. Trotz der beteiligten Forscher sind echte Erkenntnisse allerdings nicht zu erwarten. Was Johnson mache, sei keine Wissenschaft, sagen Kritiker. Mehr als anekdotische Evidenz – also keine – kommt dabei nicht rum. Den konkreten Vorschlag, lieber eine klinische Studie zu finanzieren, von der man tatsächlich etwas lernen könne, lehnte er brüsk ab.
Johnson investiert jedes Jahr 2 Millionen US-Dollar in das Projekt, unter anderem in Unmengen von Medikamenten. In der Doku zeigt er einen eigenen Raum, der als veritable Apotheke durchgehen würde. Hunderte verschiedener Pillen lagern dort, täglich nimmt er bis zu 130 Präparate ein. Das meiste sind wohl Vitamine und Ähnliches, aber er schluckt auch Mittel wie Rapamycin, um sein Immunsystem zu unterdrücken. Studien hätten schließlich gezeigt, dass das etwas mehr Leben bringe – sofern diesem dann nicht eine Infektion ein jähes Ende bereitet.
Ein in der Longevity-Gemeinde gehyptes Verfahren wendet er natürlich auch an: den Plasmaaustausch. Viel Kritik brachte Johnson dabei ein, dass er seinen Sohn als Blood-Boy nutzte. Hintergrund: Studien, in denen die Blutkreisläufe einer jungen und einer alten Maus verbunden worden waren, hätten die alte Maus ihren Blutmarkern nach zu urteilen jünger werden lassen. Also stellte Johnson den, wie er PR-wirksam sagt, weltweit ersten Multigenerationen-Plasmaaustausch auf die Beine: Sein Sohn spendete ihm, er seinem Vater.
Einige Monate später ging er noch einen Schritt weiter: Er ließ sein komplettes Blutplasma durch eine Albumin-Lösing ersetzen. Auf Instagram hält er einen Beutel von der Größe eines Dudelsacks mit einer gelblich trüben Flüssigkeit in die Kamera. Sinn der Übung sei es, die Giftstoffe aus seinem Körper zu entfernen. Dass bei so einem Tabula-rasa-Ansatz auch viele nützliche oder gar notwendige Substanzen verloren gehen, scheint ihn nicht weiter zu beunruhigen.
Auch der Plasma-Ansatz war für ihn noch nicht das Ende der technischen Fahnenstange. Er ließ sich – aus legalen Gründen in Honduras – Gene spritzen, die zu einem Muskelzuwachs führen sollen. Sogar Stammzellen ließ er sich schon verabreichen.
Warum macht der Mann das alles? Er sagt, weil er irgendwann an einem Punkt war, an dem er nicht mehr leben wollte. Da half nur noch ein radikaler Wandel, weg vom Kopf-gesteuerten Geschäftsmann, hin zum Körper-fokussierten Gesundheitsguru. Auch will er möglichst alt werden, um seinen fast erwachsenen Sohn so lange wie möglich begleiten zu können – offenbar auch dann noch, wenn jener selbst auf die 100 oder 200 zugeht. Und schließlich scheint er Gefallen daran zu finden, zum Guru der Don’t-Die-Bewegung geworden zu sein, zum spirituellen Führer einer wachsenden Gemeinde todesmüder Jünger, die mit ihm rennen, Gewichte stemmen und Präparate schlucken, was der Medizinschrank hergibt. Er ist der geistige Führer eines, wie er in der Doku seinen Jüngern scherzhaft zuruft, „kranken und perversen Kultes“.
Mit dem realen Leben hat das alles nichts zu tun. Selbst wenn Geld und Zeit und der Verzicht auf jede Ausschweifung keine Rolle spielten: Wer würde schon zum Wohle seiner Gesundheit selbige aufs Spiel setzen? Schließlich ist die tatsächliche Nutzen-Schaden-Bilanz der Blueprint-Maßnahmen ungeklärt. Zudem muss man der Prämisse des Projekts, die Lebensspanne so weit wie möglich auszudehnen, nicht unbedingt zustimmen. Es gilt vielmehr, abzuwägen: Welche Einbußen an Lebensqualität – durch den körperlichen und geistigen Abbau, die immer dichtere Abfolge von Arztterminen, den Verlust sozialer Kontakte und dem Gefühl, nicht mehr mitzukommen – sind die möglicherweise gewonnenen Tage wert? Eine 83-jährige Bekannte sagte unlängst wehmütig: Früher durfte man mit 80 gehen. Nicht von ungefähr erleben Organisationen und Vereine für assistierten Suizid Zulauf.
Auch sei die Frage erlaubt, ob die uns jetzt schon geschenkte Lebenszeit nicht ausreicht, um das Rentnerdasein zu genießen und dabei Kinder wie Enkelkinder aufwachsen zu sehen. Erlahmt das Interesse an den Urenkeln nicht bereits? Selbst wenn man durch Longevity-Maßnahmen nicht nur älter würde, sondern auch länger fit bliebe, steuert jedes lange Leben zwangsläufig auf das Alter zu, mitsamt seinen unerfreulichen Konsequenzen. Tatsächlich ist ja die einzige wirksame Maßnahme gegen Altern ein früher Tod. So ist es auch eine erstaunlich naive Rechnung, die eine Ärztin in besagter Doku aufmacht: Würden Menschen mehr in Prävention investieren, sagt sie, blieben ihnen die Alterskrankheiten erspart. Wie das? Es ist ja genau umgekehrt: Je länger das Leben währt, desto mehr Zeit hat man, um Alterskrankheiten anzusammeln.
Johnson ficht das alles nicht an. So will er nicht nur lange, er will – allen Ernstes – ewig leben. Noch altert er, wenn auch angeblich weniger schnell als Normalsterbliche. Aber nur mal angenommen, die medizinische Forschung fände dereinst den entscheidenden Hebel, den Alterungsprozess tatsächlich auszuschalten, was würde das konkret bedeuten? Auf Zellebene hat die Natur bereits Wege zur Unsterblichkeit gefunden: Krebszellen entziehen sich den Mechanismen, die ewiges Wachstum verhindern. So würde wohl auch jeder Versuch, die Begrenzung der Zellteilung auszuhebeln, immer die Gefahr unkontrollierten Wachstums bergen.
Und wenn es gelänge, auch diese Gefahr zu vermeiden und eine sichere Methode zur Unsterblichkeit zu etablieren, dann wäre eine Bevölkerungsexplosion die unausweichliche Folge. Es sei denn, das Privileg der Unsterblichkeit bliebe nur einem sehr kleinen Kreis von Auserwählten vorbehalten, also vermutlich den sehr Reichen und Mächtigen vom Schlage eines Musks, Trumps oder Putins; oder eine strikte Geburtenkontrolle sorgte dafür, dass nur die Verluste durch Unfälle und Infektionskrankheiten ausgeglichen werden würden; oder dem per se ewigen Leben des Einzelnen müsste man ein kontrolliertes Ende setzen. Keine der Optionen klingt wirklich verlockend.
Die Folge des Blauen Palais über die Unsterblichkeit stellt noch eine weitere Überlegung an: Als Versuchspersonen die vermeintliche Unsterblichkeitsspritze bekommen, beobachten die Forscher erstaunt, dass die Personen nicht aufblühen, sondern in Lethargie erstarren. Ein alte Dame traut sich nicht mehr aus ihrem Zimmer, weil sie einen Unfall haben könnte. Ein passionierter Schachspieler antwortet auf die Frage, ob er glücklich sei, weil er ja jetzt alle Zeit der Welt habe, um komplizierte Eröffnungen zu studieren: „Nein, eher enttäuscht. Gelangweilt, ja. Mich drängt nichts mehr. Was ich heute nicht begreife, begreife ich vielleicht übermorgen oder in 50 Jahren.“ Ein junger Mann beschwert sich über das Gehuste seines Nachbarn aus Angst vor einer Infektion: „Und wir krepieren dann daran. Und es war alles für die Katz.“
Ernüchtert sagt der Forscher, der die Arbeit maßgeblich vorangetrieben hat, zur Ehefrau des schottischen Wissenschaftlers: „Was hörst du von den über 50 Leuten, die hier leben, ein Haus voller Menschen? Nichts, gar nichts. Ein Totenhaus. Das Glück eurer Unsterblichkeit. Da hocken sie alle in ihren Käfigen und warten, dass die Zeit stillsteht, dass sie nicht älter werden. Haben Angst vor Bakterien, vor den Nachbarn, wagen sich nicht aus dem Haus, aus Furcht, ein herunterstürzender Ast, ein Ziegel, ein kalter Hauch könnte ihrem nun ewig währenden Leben wider Erwarten doch ein gewaltsames Ende setzen.“ Und er fragt: „Schmerzlich für den Einzelnen, aber für die gesamte Spezies, für die Menschheit als Ganzes ist Unsterblichkeit doch wohl das Ende, nicht wahr?“ Darauf die Frau: „Ja, aber es war eine große Idee.“
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