KOMMENTAR | Jahrelang warnten die Kammern vor den Risiken medizinischer Influencer – und auf einmal verleiht die Ärztekammer Nordrhein einen Medfluencer-Preis. Wie soll das zusammenpassen?
Manchmal muss ich mir die Augen reiben. Ausgerechnet die Ärztekammer Nordrhein, die gemeinsam mit anderen Standesorganisationen über Jahre hinweg immer wieder auf die Risiken medizinischer Influencer hingewiesen hat, lobt einen Medfluencer-Preis aus. Prämiert werden Ärzte und Medizinstudierende, die auf TikTok, Instagram oder YouTube medizinische Inhalte besonders gelungen vermitteln.
Man könnte das als Fortschritt feiern. Man könnte aber auch fragen, was eigentlich in den vergangenen Jahren passiert ist. Denn die Plattformen, auf denen nun preiswürdige Gesundheitskommunikation stattfinden soll, waren lange Zeit Thema von Warnungen und Mahnungen.
Noch 2025 veröffentlichte die Ärztekammer Nordrhein eine Mitteilung unter der Überschrift „TikTok ersetzt keine ärztliche Behandlung“. Darin wurde auf die Risiken von Fehlinformationen, mangelnder Qualitätskontrolle und fragwürdigen Gesundheitsratschlägen hingewiesen. Die Warnungen waren – und sind – keineswegs von der Hand zu weisen. Wer sich durch die Gesundheitswelt sozialer Medien bewegt, stößt regelmäßig auf Halbwissen, Geschäftemacherei und medizinischen Unsinn. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.
Doch genau deshalb wirkt die aktuelle Preisvergabe so bemerkenswert. Denn plötzlich sollen dieselben Plattformen, die eben noch als Problem galten, zur Bühne vorbildlicher Gesundheitskommunikation werden.
Dabei muss man den Kammern eines zugutehalten: Viele ihrer Bedenken waren berechtigt. Im Rheinischen Ärzteblatt wurden ausführlich die Risiken medizinischer Influencer diskutiert. Es ging um Werbepartnerschaften, Interessenkonflikte, die Vermischung von Aufklärung und Marketing sowie die Gefahr, dass ärztliche Expertise zur persönlichen Marke wird. Der damalige Vorsitzende des Berufsordnungsausschusses warnte ausdrücklich vor einer Kommerzialisierung des Arztberufs im Interesse der Industrie. Diese Einwände haben nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Auch unter Medfluencern gibt es problematische Geschäftsmodelle, versteckte Werbung und fragwürdige Selbstdarstellung.
Doch gerade deshalb wirkt der Kurswechsel halbherzig. Denn die Schwachstellen sozialer Medien sind nicht verschwunden. TikTok ist nicht plötzlich wissenschaftlicher geworden. Instagram belohnt noch immer Aufmerksamkeit statt Differenzierung. Algorithmen bevorzugen Zuspitzung, nicht Objektivität.
Wenn dieselben Organisationen, die gestern noch vor diesen Mechanismen gewarnt haben, heute Preise vergeben, ohne ihre frühere Haltung kritisch aufzuarbeiten, entsteht für mich der Eindruck von Beliebigkeit.
Doch wie ist es zum Kurswechsel gekommen? Meine Vermutung: Die Ärztekammern verleihen den Preis nicht, weil sie plötzlich von sozialen Medien begeistert wären. Sie verleihen ihn, weil sie erkannt haben, dass sie keine andere Wahl mehr haben. Die Gesundheitskommunikation hat sich verändert. Patienten informieren sich längst nicht mehr ausschließlich in Arztpraxen, anhand von Gesundheitsratgebern oder Zeitschriften. Sie suchen Antworten online. Oft sofort. Oft über soziale Medien. Oft bei Personen, die sie als authentisch wahrnehmen. Ob der Trend den Kammern gefällt oder nicht, spielt keine Rolle.
Genau darin liegt für mich die eigentliche Botschaft des neuen Medfluencer-Preises: Er ist weniger Ausdruck einer neuen Strategie als vielmehr das Eingeständnis, dass die alte Sichtweise überholt ist. Jahrelang beobachtete man das Phänomen von außen, warnte vor Risiken und diskutierte berufsrechtliche Grenzen. Inzwischen haben einzelne Medfluencer Reichweiten aufgebaut, von denen ärztliche Institutionen nur träumen können. Manche erreichen mit einem einzigen Video mehr Menschen als Kammern mit ihren Publikationen in Monaten.
Der neue Preis ist deshalb nicht falsch. Im Gegenteil: Gute medizinische Aufklärung verdient Anerkennung. Ärzte, die ihre Freizeit investieren, um wissenschaftlich fundierte Informationen verständlich aufzubereiten, leisten einen wichtigen Beitrag gegen Desinformation. Das ist zu honorieren, finde ich.
Fragwürdig ist vielmehr die Haltung, mit der viele ärztliche Organisationen neuen Entwicklungen begegnen. Zu oft wirken Kammern und Verbände wie Institutionen, die Veränderungen erst dann akzeptieren, wenn Trends längst nicht mehr zu bremsen sind. Statt Entwicklungen aktiv mitzugestalten, reagieren sie häufig erst im Nachhinein. Bei der Digitalisierung war das zu beobachten, denken wir an den vehementen, teils destruktiven Protest gegen die elektronische Patientenakte oder gegen das E-Rezept. Bei Videosprechstunden ebenfalls. Und bei sozialen Medien nun erneut.
Bildquelle: Carolina Grabowska, Unsplash