Sie ist eine beliebte Selbstzahlerleistung: Osteopathie. Ob sie bei Rückenschmerzen tatsächlich hilft, ist aber nach wie vor offen – bei Kosten von bis zu 150 Euro pro Sitzung.
Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Kreuzschmerzen – und viele setzen dabei auf Osteopathie. Doch was die Behandlung tatsächlich leistet, bleibt wissenschaftlich vage. Der Medizinische Dienst Bund kommt in seinem Evidenzbericht des Igel-Monitors zu einem ernüchternden Ergebnis: Für die Osteopathie bei unspezifischen Kreuzschmerzen lässt sich weder ein klarer Nutzen noch ein relevanter Schaden nachweisen. Das Urteil lautet schlicht: unklar.
Dabei ist das Thema wirtschaftlich alles andere als marginal. Die Osteopathie gehört zu den umsatzstärksten individuellen Gesundheitsleistungen in Deutschland. Pro Sitzung zahlen Patienten zwischen 80 und 150 Euro aus eigener Tasche – und dennoch bieten rund 100 gesetzliche Krankenkassen freiwillige Zuschüsse an. Die Autoren des Igel-Monitors werteten rund 250 Arbeiten aus, von denen drei Reviews und zwei Einzelstudien als relevant eingestuft wurden. Die Evidenzqualität nach dem GRADE-System wurde durchgehend als gering bewertet.
Doch was bedeutet „unklar“ in diesem Zusammenhang? Daniel Belavy, Professor für Physiotherapie an der Hochschule Bochum, sieht das Ergebnis kritisch – und zwar in beide Richtungen. Er bemängelt, dass der Igel-Monitor als Leitreview eine Arbeit von Dal Farra et al. gewählt hat, die Osteopathie mit sehr unterschiedlichen Vergleichstherapien misst. Das sei „ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen“. Sein Fazit fällt deutlich aus: Wer die Gesamtevidenz betrachte – insbesondere das Cochrane-Review und das Review von Ceballos-Laita –, müsse zu dem Schluss kommen, dass Osteopathie im Vergleich zu Schein- oder Placebobehandlungen nicht wirksamer ist. „Wir brauchen nicht mehr ineffektive Behandlungen im deutschen Gesundheitssystem, sondern weniger“, so Belavy.
Anders bewertet das David Hohenschurz-Schmidt, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Imperial College London. Er hält die Einstufung „unklar“ für wissenschaftlich vertretbar, aber betont: „Ein Mangel an belastbaren Belegen ist nicht gleichbedeutend mit einem Beleg für fehlende Wirksamkeit.“ Die beiden methodisch stärksten Studien zum Thema hätten Hinweise auf Vorteile bei körperlichen Einschränkungen geliefert – ob diese Effekte klinisch bedeutsam sind, bleibe jedoch offen. Was die Forschung jetzt brauche, seien keine weiteren kleinen Studien, sondern große, hochwertige Untersuchungen mit langen Beobachtungszeiträumen.
Eine zentrale Frage bleibt ungeklärt: Wirkt Osteopathie über den Placeboeffekt hinaus? Dr. Lucia Gassner, Senior Researcher am Austrian Institute for Health Technology Assessment, weist darauf hin, dass das Verblindungsproblem bei manuellen Therapien struktureller Natur ist – weder Patient noch Behandler können blind sein. Die Metaanalyse von Ceballos-Laita et al. aus dem Jahr 2024 fand keine statistisch signifikante Überlegenheit osteopathischer manueller Therapie gegenüber Sham- oder Placebobehandlungen. Gassner formuliert die eigentliche Frage für die Versorgungspraxis nicht ob Osteopathie wirkt, sondern „für welche Indikationen ein klinisch bedeutsamer Zusatznutzen gegenüber Sham oder aktiven Komparatoren belegt ist – und ob dieser eine Erstattungsempfehlung rechtfertigt“.
Dass Krankenkassen trotz unklarer Evidenz Zuschüsse zahlen, erklärt Gassner mit einem Zusammenspiel aus Patientenpräferenzen und Wettbewerbsdruck. Die eigentliche Schwachstelle sieht sie woanders: „Wenn Erstattungsbereitschaft nicht mit Qualitäts- und Ausbildungsanforderungen verknüpft ist, subventioniert man einen heterogen qualifizierten Markt ohne Steuerungswirkung.“ Der Berufsstand ist in Deutschland rechtlich nicht geschützt, ein einheitlicher Ausbildungsstandard fehlt. Koalitionsvertrag und Berufsrecht sollen das künftig ändern – ob das gelingt, bleibt abzuwarten.
Für die Praxis bedeutet das: Wenn Patienten nach Osteopathie fragen, lässt sich weder ein klares Ja noch ein klares Nein begründen. Die Behandlung ist nach aktuellem Stand nicht nachweislich wirksamer als eine Scheinbehandlung – und sie kostet Geld, das die Kasse in der Regel nicht übernimmt.
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