Die American Cancer Society hat die US-Leitlinien zur Darmkrebsvorsorge aktualisiert. Neu darin: zwei Nukleinsäuren-basierte Stuhltests. Warum das wenig sinnvoll und das Problem eigentlich ein ganz anderes ist.
Darmkrebs kommt in Deutschland häufig vor: Fast jede neunte Krebserkrankung betrifft Kolon oder Rektum. Das Erkrankungsalter steigt dabei kontinuierlich an und ist mit einem Durchschnitt von 75 Jahren bei Frauen und 71 Jahren bei Männern vergleichsweise hoch.
Wie bei anderen Krebsarten ist die Früherkennung entscheidend für den Verlauf der Krankheit. „Darmkrebs wächst in der Regel langsam“, sagt Prof. Michael Hoffmeister, stellvertretender Leiter der Abteilung Klinische Epidemiologie der Krebsfrüherkennung am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). „Mit der Vorsorgeuntersuchung haben wir die Möglichkeit, schon Vorstufen zu finden und direkt zu entfernen, so dass daraus kein Krebs entstehen kann.“ Dabei sind die frühen Formen mit bis zu 90 Prozent fast heilbar, mit fortgeschrittener Erkrankung verschlechtern sich dann wie bei anderen Krebsarten die Chancen.
Derzeit sieht die S3-Leitlinie „Kolorektales Karzinom“ vor, dass Menschen ab 50 Jahren entweder zwei Koloskopien im Abstand von zehn Jahren machen lassen, oder alle zwei Jahre einen Stuhltest, der okkultes Blut aufspürt. Dazu wird vor allem der FIT genutzt, der fäkale immunochemische Test.
Beide Varianten haben ihre Berechtigung, erklärt Hoffmeister: „Das FIT-Programm ist im Moment insofern etwas besser durchdacht, dass es auch zwischen 60 und 75 Jahren weiter durchgeführt wird, während die Koloskopie – falls wie beabsichtigt mit etwa 50 und 60 Jahren gemacht – nicht durch weitere Tests im höheren Alter ergänzt wird.“ Andererseits lassen sich die Krebsvorstufen nur mit der direkt Darmspiegelung erkennen und entfernen, während der FIT immer anschlägt, wenn Blut im Stuhl vorhanden ist. Auch dann ist eine Koloskopie nötig, um abzuklären, woher das Blut kommt, also ob es von einem Karzinom, einer Darmkrebsvorstufe oder einer anderen Verletzung der Darmwand stammt.
Die in den USA neu in die Leitlinien aufgenommenen Nukleinsäure-basierten Multitarget-Stuhltests sollen den Darmkrebs mit einer höheren Sensitivität identifizieren als der FIT. Sie erkennen eine Kombination aus DNA- oder RNA-Schnipseln der Krebszellen und können damit auch nicht-blutende Läsionen entdecken.
Hoffmeister hält diese Untersuchungen allerdings nicht für überlegen. „Mit einem normalen FIT könnten wir die Sensitivität ebenfalls erhöhen, wenn wir anders definieren, ab welchen Werten eine Koloskopie angezeigt ist.“ Gleichzeitig sei bei den Nukleinsäure-basierten Multitarget-Tests die Spezifität geringer. „Das heißt, wir haben häufiger falsch-positive Ergebnisse, die dann ebenfalls über eine Darmspiegelung abgeklärt werden müssen.“ Dazu komme, dass diese Analysen um ein Vielfaches teurer sind als der FIT – ungefähr 500 Euro im Vergleich zu den rund 20 Euro der herkömmlichen Stuhluntersuchung. Das habe die American Cancer Society in ihrer Leitlinie nicht mit einbezogen: „Sie haben im Grunde genommen nur gesagt, dass die Tests mindestens so gut sind wie der FIT. Was das für den Nutzen und die Kosten eines Screeningprogramms bedeutet, ist dabei außen vor.“
Die US-Leitlinien sehen zudem vor, dass auch ein Bluttest zur Erkennung von zellfreier DNA gemacht werden kann – wenn eine Person die anderen Vorsorgemöglichkeiten ablehnt. „Die blutbasierten Tests sind jedoch auf jeden Fall schlechter als die Stuhluntersuchung“, so Hoffmeister.
Auch in Deutschland werden die Leitlinien immer wieder überarbeitet. Zusätzlich DNA- oder RNA-basierte Tests aufzunehmen, hält der Krebsvorsorge-Experte nicht für nötig oder sinnvoll: „Ein größeres Problem liegt darin, die Leute überhaupt zu den Vorsorgeuntersuchungen zu bekommen.“ Laut einer vom Gemeinsamen Bundesausschuss beauftragten Auswertung nehmen an Koloskopie und FIT jeweils weniger als zehn Prozent der Berechtigten teil. Wobei die Zahlen der Darmspiegelung vermutlich tatsächlich etwas höher liegen: Der Beobachtungszeitraum von vier Jahren deckt das Screeningintervall nicht vollständig ab, und Darmspiegelungen werden auch außerhalb des Screenings durchgeführt. Daher ist oftmals keine weitere Screeninguntersuchung erforderlich.
Immerhin soll die gesetzliche Krankenversicherung seit 2019 die Mitglieder alle fünf Jahre an die Vorsorge erinnern. Das habe in den vergangenen Jahren bereits zu einem Anstieg der Untersuchungen geführt, berichtet der Berufsverband Niedergelassener Gastroenterologen Deutschland (BNG).
Doch selbst dann wird deutlich: Die Darmkrebsvorsorge braucht vor allem höheren Zuspruch statt weiterer Testmöglichkeiten. „Ob Koloskopie oder Stuhluntersuchung, das kann jede Person individuell entscheiden, da beides effektiv ist“, so Hoffmeister. „Aber wir empfehlen dringend, eine dieser Varianten zu wählen und sie dann entsprechend der Leitlinien durchführen zu lassen.“
Quellen
Pungă et al.: Familial colorectal cancer: risk factors, screening strategies and personalized medicine. Cancer Genetics. 2026. Online.
Sergeev et al.: Koloskopie versus Test auf Blut im Stuhl versus keine Vorsorgeuntersuchung: Vergleichende Analyse der Langzeiteffekte. Deutsches Ärzteblatt. 2026. Online.
Wolf et al.: Colorectal cancer screening: An update to the American Cancer Society guideline, 2026. CA: A Cancer Journal for Clinicians. doi: 10.3322/caac.70083. Online.
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