Herr Celik will Cannabis. Er hat Schmerzen, macht mir Vorwürfe und stellt eine Forderung, die sich nicht erfüllen lässt. Statt ihn zurechtzuweisen, fordere ich ein Gespräch ein – und kann ihm ohne Medikamente helfen.
Junkies. Die Dopaminrezeptoren sind völlig außer Kontrolle, alles im limbischen System schreit: „Gib mir mehr von dem geilen Scheiß! Jetzt!!!“ Alles, was die wollen, ist Stoff. Darauf ist das Gehirn nach längerem Substanzmissbrauch gepolt. Das ist keine neue Erkenntnis. Jeder Sozialarbeiter, jeder Rettungsdienstler, jeder, der in einem Krankenhaus oder in einer Therapieeinrichtung arbeitet, weiß das. Aber ist das wirklich alles? Hat ein Giftler wirklich keine anderen Bedürfnisse? Besteht seine Motivation tatsächlich nur aus der Jagd nach dem nächsten Kick? Oder machen wir es uns zu einfach?
Herr Celik, der Hausarbeiter aus dem ersten Stock, zum Beispiel: Er ist dem Cannabis sehr zugetan. Er hat körperliche Schmerzen. Phantomschmerzen natürlich, denn die kann man nicht nachweisen, nicht sehen. Man kann einfach sagen, dass man sie hat. Diese Schmerzen seien unvorstellbar stark. Nicht mit Medikamenten in den Griff zu bekommen. Nur Cannabis könne ihm helfen. Und nur die Blüten. Die müsse er rauchen. All das andere Zeug zum Vernebeln und in Form von Sprays helfe ihm nicht. Aus verschiedenen Gründen (die ich nicht alle kenne) gibt es bei uns nur „dieses andere Zeug“.
Herr Celik sitzt in meinem Büro und wird dramatisch. Weint, schreit, jammert, klagt an. Er sei „medizinisch unterversorgt“ und habe das Gefühl, man behandle ihn „wie ein Tier“, „ein Stück Scheiße.“ Er rutscht leidend immer tiefer in seinen Stuhl. Ich gerate in Sorge, dass er gleich mit seinem Hintern auf den Boden knallt. Man „quält ihn“ absichtlich und lache dann über ihn. Er jammert lautstark, fast schreiend, und beendet das Geräusch mit mehreren tiefen Schluchzern, die an eine startende Dampflok erinnern. Ich schiebe meinen ersten, drängenden Impuls von Fremdscham und Unmut beiseite und warte ab, ob inhaltlich noch etwas kommt. Ich bleibe ruhig und konzentriere mich auf meinen Atem, denn ich möchte mehr Informationen.
Was bewegt ihn, wovor hat er Angst, was möchte er erreichen? Wenn ich sofort explodiere und meinem Drang nachgebe – ihn zurechtweise –, bekomme ich diese Information nicht.
„Dieser Psychologe gestern, der hat mich einfach rausgeschmissen!“
„Psychiater“, verbessere ich.
„Der hat gesagt, er weiß schon, dass ich nur Stoff haben will, und er hört sich die ‚Scheiße‘ nicht an. ‚Die Scheiße‘, hat der gesagt. Was ich rede, ist Scheiße. Toller Psychologe.“
„Psychiater, Herr Celik. Sie haben mit dem Psychiater gesprochen. Das ist etwas völlig anderes als ein Psychologe. Anderer Studiengang.“
„GAR nicht hat der studiert. Beleidigung hat der studiert. Der hat mich ausgelacht!“ Hat er wahrscheinlich nicht. Aber er hat Herrn Celik das Gefühl gegeben. Und damit kann ich schon mal arbeiten.
„Beleidigen wollte der Herr Dr. Hausendorfer Sie wahrscheinlich nicht, aber so richtig ernst genommen haben Sie sich nicht gefühlt, merke ich.“
Zu mehr Loyalität mit dem Psychiater kann ich mich nicht hinreißen lassen. Der Hausendorfer ist nämlich ein unmöglicher Despot, der Junkies nicht ausstehen kann und dies deutlich kundtut. Ein alter, weißer Mann, wie er im Buche steht und fachlich nicht mal mittelmäßig. Mit seiner Empathiefähigkeit ist es nicht weit her. Mehrfach hat er öffentlich zum Thema Substitution postuliert: „Ich finanziere keinem Junkie seinen Rausch mit unseren Steuergeldern.“ Wo soll man da anfangen? Und wer soll da anfangen? Ich bin eine Frau. Und noch nicht mal Ärztin. Also einem fachlichen Diskurs mit dem Herrn Doktor nicht würdig. Vor einem Jahr sprach er mich in einer Besprechung mit „Sozialtante“ an. Er kassierte direkt eine Rüge vom Chef, jedoch fasst dieser Vorfall recht gut unser Arbeitsverhältnis zusammen. Unsere Kommunikationsebene ist, sagen wir mal, „dysfunktional“. Und auch außer mir gibt es kaum jemanden, der es schaffen könnte, diesen zynischen, alten Grobian mal zu einem etwas zeitgemäßeren Umgang mit seiner Klientel anzuhalten. Und so tun wir, was wir im Vollzug in so einem Fall immer tun: nichts. Wir warten auf die „biologische Lösung“, wie es so schön heißt – seine Pensionierung. Bis der Hausendorfer unsere heiligen Hallen mit seiner Anwesenheit verschont, werden allerdings noch ein paar Jahre vergehen. Und so lange fegen die anderen Mitarbeiter regelmäßig seine Scherben zusammen. Heute ich.
„Der hat mich kein Stück ernst genommen. Ich war nicht mal drei Minuten bei dem drin. Dann wollt’ er mir Tavor® geben, die will ich aber nicht. Und dann hat er mich rausgeworfen, weil er meinte, ich würde nicht mitarbeiten.“
„Zunächst mal, Herr Celik: Sie müssen gar nichts nehmen, das Sie nicht nehmen wollen.“
„Tavor® macht total schnell abhängig und hilft doch null gegen meine Schmerzen.“ Da hat er leider recht. Tavor® macht in diesem Fall so gar keinen Sinn. Aber der Hausendorfer kennt halt nur drei Medikamente. An dieser Stelle muss ich allerdings aufpassen, dass ich nicht in die Falle tappe und anfange, mit dem Abhängigen über seine Medikation zu diskutieren. Medis sind nicht meine Baustelle. Die Gefangenen wissen das. Sie versuchen uns aber dazu zu bringen, bei den Ärzten ein gutes Wort einzulegen. Lassen wir uns darauf ein, führt das nicht nur zur Verstimmung bei den Ärzten (verständlich, ich möchte ja umgekehrt auch nicht von den Ärzten vorgeschlagen bekommen, ob ich systemisch oder tiefenpsychologisch an ein Problem rangehe), sondern auch zu ineffizienten Spiralen in den therapeutischen Gesprächen. In etwa so:
„Was kann Ihnen denn helfen, das Problem besser auszuhalten?“
„Eine angepasste Medikation.“
„Wenn wir von den Substanzen mal weggehen – was in Ihrem Verhalten könnten Sie ändern, damit Sie mit der Situation leichter umgehen können?“
„Wenn ich den ganzen Tag Schmerzen habe, habe ich einfach keine Kraft, an mir zu arbeiten. Wenn nur meine Medikation angepasst würde, nur bis ich die Kraft finde, an mir zu arbeiten. Dann könnte ich aus eigenem Antrieb aus der Sucht herausfinden.“ Undsoweiterundsoweiter …
Ich positioniere mich also so klar wie möglich: „Herr Celik, ich habe absolut keinen Einfluss auf Ihre Medikation. Ich habe Psychologie studiert und nicht Medizin. Ich werde auch nicht mit den Ärzten über Ihre Medikation sprechen. Wir können jetzt gemeinsam überlegen, was Sie selbst machen können, um den Schmerz besser zu ertragen. Ich kann aber nicht machen, dass Ihr Schmerz objektiv weniger wird.“ Herr Celik weint: „Ich hab’ ständig Schmerzen. Den ganzen Tag. Ich halte das nicht aus.“ Ich erkläre in meinen eigenen Worten, dass Schmerz eine „kleine Drecksau“ sei, die umso größer wird, je mehr Aufmerksamkeit man ihr schenkt, und dann überlegen wir zusammen, zu welchen Gelegenheiten die „Drecksau“ sich größer und zu welchen sie sich kleiner anfühlt.
Herr Celik macht bereits alles richtig: Er lenkt sich ab, hat eine Arbeit als Hausarbeiter bekommen, bewegt sich so viel es geht, beschäftigt seinen Kopf bis kurz vor dem Schlafengehen, betet abends, um zur Ruhe zu kommen und knüpft Kontakte zu Mitgefangenen, die ihm guttun. Wie wir so sprechen, wird Herr Celik ruhiger. Die Theatralik weicht einem Dialog. Effektiv habe ich ihm in der letzten halben Stunde nichts Neues erzählt. Seine Cannabisblüten bekommt er immer noch nicht und der Psychiater wird ihm auch beim nächsten Mal nicht zuhören. Aber etwas hat sich verändert. Herr Celik wirkt, als habe er etwas gefunden, das er schon lange gesucht hat. Er wirkt gelöst. Und er packt es in treffende Worte: „Sie haben mir eigentlich gar nicht weitergeholfen. Aber Sie haben mir zugehört. Sie haben mich ernst genommen. Es geht mir jetzt besser. Danke!“
Und manchmal ist einfach das mein Job. Den Menschen aushalten. Ihn nicht verurteilen. Ihm seine Wut zugestehen. Und hinter dem manipulativen, ständig jammernden Junkie den verletzten Menschen mit seinen berechtigten Bedürfnissen zu sehen.
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