Marihuana zu rauchen, ist für viele Jugendliche keine große Sache – bis es eben doch eine wird. Für Mohammed beginnt mit dem ersten Joint ein Abstieg in Sucht und Psychose.
Mit folgendem Satz wird Konsum oft so lange verharmlost, bis die Katastrophe sichtbar wird: „Aber es ist doch nur Gras“. Gerade bei jungen Menschen hält sich die Vorstellung hartnäckig, dass Cannabis im Vergleich zu anderen Substanzen harmlos, kontrollierbar und vor allem irgendwie ganz natürlich sei. Doch dieses Narrativ blendet aus, dass Cannabis nicht gleich Cannabis ist – und dass Wirkung, Risiko und vor allem die psychiatrischen Folgen ganz erheblich schwanken können.
Mit 12 war es das erste Mal für Mohammed. Auf dem Hof hinter der Schule wurde ihm damals von seinen Freunden ein Joint in die Hand gedrückt. „Ach, jetzt stell dich nicht so an, ist nur Gras, machen eh alle. Und du willst doch auch dazugehören!“ Aber aus einem Joint auf dem Schulhof wurde schnell eine Gewohnheit, jeden Tag was zum Runterkommen. Entspannt am Abend und immer lässig mit und vor den Freunden. Die Konsummenge stieg – der THC-Gehalt im verwendeten Cannabis ebenfalls. Die Grenzen zwischen Rausch, Flashbacks und beginnenden psychotischen Symptomen verwischten zunehmend: Er hörte „Geräusche wie Stimmen durch die Wand“ und fühlte sich in der Schule von einem Mitschüler komisch beobachtet. Jedes Mal schob er es auf den Stress und das Lernen. „Wenn ich den Abschluss habe, dann ist das weg.“
Mohammed beendete die Schule so gerade, seine Ausbildung brach er schon im ersten Lehrjahr ab. „Die sind doch alle gegen mich, der Ausbilder will mich einfach fertig machen.“ Noch klang das eher nach gekränktem Stolz, nicht nach psychotischem Erleben. Sein Freundeskreis schrumpfte immer weiter. Seine Eltern beschrieben ihn als „dauernd gereizt, misstrauisch und kaum noch zugänglich“. Sein Hausarzt sprach ihn mehrfach auf den Konsum an, diagnostizierte eine „depressive Episode mit Angst“, verschrieb zunächst ein SSRI, empfahl dann Psychotherapie. Abstinenz? Fehlanzeige! Mohammed brauchte das nicht, er war sich sicher, die absolute Kontrolle zu haben. „Mit dem Kiffen kann ich einfach aufhören, rauche ich halt keinen Joint mehr, das stört mich doch nicht!“ – ein Satz, der sich durch sein Leben ziehen sollte.
Der erste Kollaps kam mit 19. Nach mehreren durchkifften Nächten, wenig Schlaf und massiven familiären Konflikten sah er plötzlich „Botschaften“ in Autokennzeichen und fühlte sich von Fernsehnachrichten attackiert. Seine Mutter brachte ihn in die Notaufnahme, weil er in der Küche mit einem Messer stand, um sich selbst zu verteidigen. Im Aufnahmegespräch wirkte er stark angespannt, inhaltlich desorganisiert, mit ausgeprägten Wahnideen. Er hörte Stimmen, die ihn beleidigten, und war überzeugt davon, dass die Polizei mithört. Die Diagnose damals: akute vorübergehende psychotische Störung bei Cannabisabhängigkeit.
Es folgte ein kurzer stationärer Aufenthalt, Neuroleptika, psychoedukative Angebote – und die dringende Empfehlung: Abstinenz. Nach der Entlassung von Station schaffte er es, auch einen Monat lang nicht zu rauchen. Dann begann der Teufelskreis wieder von vorne. Mit jedem erneuten Rückfall traten die psychotischen Symptome rascher und intensiver auf: Misstrauen gegenüber den Nachbarn, Schlaflosigkeit, diffuse Wahnideen und zunehmend auch Aggressivität in Konfliktsituationen. Die Eltern berichteten, er sei wie ausgewechselt und nicht bei Sinnen. Hinzu kamen mehrere abgebrochene Maßnahmen des Jobcenters und immer mehr Streitigkeiten mit seinem Umfeld.
Mohammed zog sich mehr und mehr in sein Zimmer zurück, verbrachte die Nächte im Internet und seine Tage im Cannabisnebel. Der Wendepunkt erfolgte nicht spektakulär, sondern in einer langen Reihe von kleinen Eskalationen: Lärmbeschwerden der Nachbarn, Polizeieinsätze wegen lauter Musik, beleidigende Ausbrüche im Treppenhaus, Drohungen, jemand sei „vom Geheimdienst“.
Mehrmals wurde er vom Ordnungsamt und Polizei in der psychiatrischen Abteilung vorgestellt und immer wieder kurzzeitig stationär aufgenommen. Doch nach dem Klinikaufenthalt und tausend Versprechen, nie wieder Drogen zu nehmen, kehrte Mohammed wieder in dieselbe Umgebung zurück – mit Cannabis als seinem letzten verbliebenen Freund.
Eines Abends schließlich eskalierte die Situation vollends. Mohammed war überzeugt, dass der Nachbar ihn abhörte, um ihn wieder bei der Polizei anzuzeigen. „Cannabis ist hier in Deutschland legal, da kann ich kiffen, so viel ich will!“ Im intoxikierten Zustand stand er vor der Wohnungstür des Nachbarn, bewaffnet mit einem Küchenmesser. Es kam zu einem Handgemenge, bei dem der Nachbar schwer verletzt wurde. Die Polizeibeamten trafen Mohammed vor Ort an, stark psychotisch, desorganisiert und mit massiven Wahnideen.
In der ärztlichen Begutachtung während der Untersuchungshaft zeigte sich ein über Jahre bestehendes schizophrenes Erkrankungsbild auf dem Boden eines massiven Cannabiskonsums, mit mehrfachen stationären Behandlungen und fehlender Abstinenzmotivation. Zum Tatzeitpunkt lagen floride psychotische Symptome vor, die sein Realitätsurteil und seine Steuerungsfähigkeit deutlich beeinträchtigten. Das Gericht entschied sich für die Unterbringung im Maßregelvollzug gemäß dem forensisch-psychiatrischen Gutachten. Damit lag der Behandlungsschwerpunkt nicht mehr auf einer Strafe, sondern auf einer langfristigen Behandlung in einem hochstrukturierten, gesicherten Setting, verbunden mit dem Freiheitsentzug.
Ein junger Mann mit einem früh einsetzenden Cannabiskonsum, einer schleichenden Funktionsverschlechterung und einer wiederholten, aber nie konsequenten Behandlung. Die Kombination aus jungem Erkrankungsbeginn, hoher Konsumfrequenz und individueller Vulnerabilität erhöhte das Psychoserisiko deutlich – ein Muster, das in Studien (hier und hier) und Berichten seit Jahren beschrieben ist.
Ein vermeintlich harmloser Joint auf dem Schulhof stand am Beginn eines massiven Absturzes. Für mich bleibt neben der langfristigen Therapiefrage vor allem eine unbequeme Wahrheit: Die Warnsignale waren früh da, sie wurden benannt, dokumentiert und wieder und wieder mit allen Beteiligten ausführlich besprochen. Dennoch reichte das System am Ende nicht aus, um den Absturz zu verhindern. Die Frage, ob der Verlauf vermeidbar gewesen wäre, bleibt offen. Sicher ist nur: Ohne Cannabis wäre Mohammeds Leben sicherlich anders verlaufen.
Bildquelle: Louis Hansel, Unsplash