Schmerzen weggespritzt, Problem gelöst? Bei Beschwerden der Achillessehne greift diese Logik oft zu kurz. Warum ihr die Kortisoninfiltration kritisch hinterfragen solltet.
In älteren orthopädischen Lehrbüchern (z. B. Debrunner) wird als Behandlung entzündlicher Sehnen oder Sehnenscheiden empfohlen: „Strikte Ruhigstellung und lokale Infiltrationen von Kortison können manchmal die Symptome zum Verschwinden bringen.“ Auch Tilscher und Eder gehen auf diese Thematik ein und schreiben: „Wenn synoviale Reizzustände (Gelenkkapsel) oder Irritationen von Gleitstrukturen (Sehnenscheiden, Bursae) vorliegen, bringt die Beimischung von Kortison zum Lokalanästhetikum bessere Behandlungsergebnisse.“
Sind diese Therapieratschläge heute noch gültig? Befragt man das Internet zur Behandlung einer schmerzhaften Reizung der Achillessehne (Achillodynie), wird immer noch zu Kortison-Injektionen geraten, z. B. auf der Internetseite vom Sportambulatorium Wien, allerdings mit dem warnenden Hinweis auf das Risiko eines späteren Achillessehnenrisses, wenn man Kortison „zu knapp an die Sehne oder sogar in die Sehne spritzt“. Kortison verschlechtert die Durchblutungssituation der Sehne und mikroskopisch kleine Sehnenanteile sterben ab. Aufgrund der hohen Komplikationsrate lehnen manche Ärzte die Applikation von Kortison völlig ab.
Einerseits lindert Kortison Schmerzen und Entzündungen sehr schnell, es hemmt aber die körpereigene Kollagensynthese und Zellaktivität und damit auch die Reparaturprozesse. Die Sehne verliert an Elastizität, wird spröde und büßt an mechanischer Belastbarkeit ein. Prof. Sven Ostermeier von der Gelenk-Klinik Gundelfingen empfiehlt deshalb allgemeine Maßnahmen wie den Einsatz von nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR), z. B. Diclofenac oder Ibuprofen, sowie physikalische Therapie mit Kälte, Wärme oder TENS (transkutane elektrische Nervenstimulation).
Die schnelle Schmerzlinderung an einer Sehne nach Kortisoninjektion verleitet Patienten zur Überbelastung der Strukturen. Das geschwächte Gewebe hält dem Zug nicht stand, was zu Teil- oder Komplettrupturen führen kann, auch noch Monate nach einer Kortisoninjektion. Selbst wenn Spritzen nicht in eine Sehne, sondern nur in das Gleitgewebe gesetzt werden, diffundiert Kortison in die Sehne und schädigt sie. Sehr häufig ist die Achillessehne im Sinne einer Achillodynie betroffen. Dabei handelt es sich meist nicht um eine klassische Entzündung, sondern um degenerative Gewebeveränderungen. In diesem Fall ist die Anwendung von Kortison sowieso nicht indiziert.
Bei den meisten Patienten mit Achillodynie wirken mehrere ungünstige Faktoren gleichzeitig zusammen. Für Ärzte besteht die Herausforderung, mittels Anamnese und einfachen klinischen Untersuchungen die richtigen Diagnosen zu stellen und zunächst zu versuchen, die Ursachen der Achillodynie zu behandeln, bevor symptomatisch an ihr – meist für längere Zeit – herumgedoktert wird. Kortisoninjektionen in oder an eine Achillessehne gehören heutzutage nicht mehr zu den üblichen Therapieoptionen.
Im akuten Schmerzzustand sollten Maßnahmen der physikalischen Therapie angewendet werden, in Kombination mit Analgetika und vorübergehender Teilentlastung der Achillessehne durch einen Fersenkeil. Es sollte baldmöglichst mit einem exzentrischen Training begonnen werden. Bereits 1998 haben der schwedische Orthopäde Alfredson et al. eine Studie an 15 Freizeitsportlern mit chronischer Achillodynie im The American Journal of Sports Medicine veröffentlicht. Nach einem 12-wöchigen exzentrischen Trainingsprogramm konnten alle 15 Teilnehmer wieder schmerzfrei joggen.
Patienten führen 12 Wochen lang täglich morgens und abends zwei Dehnungs-Varianten mit sowohl gestrecktem als auch leicht gebeugtem Knie auf einer Treppenstufe durch: Mit beiden Vorfüßen auf die Treppenstufe stellen, mit dem gesunden Bein nach oben in den Ballenstand drücken, das Gewicht auf das betroffene Bein verlagern und die Ferse langsam und kontrolliert unter das Stufenniveau absenken (exzentrische Phase). Es werden jeweils 3 Sätze à 15 Wiederholungen sowohl mit gestrecktem Knie (trainiert M. gastrocnemius) als auch mit leicht gebeugtem Knie (trainiert M. soleus) durchgeführt. Dabei dürfen Dehnungsschmerzen auftreten. Gelingen die Übungen schmerzfrei, wird die Trainingsintensität durch Zusatzgewichte in einem Rucksack erhöht. Entscheidend ist eine konsequente und disziplinierte Ausführung. Patienten sind entsprechend anzuleiten und zu motivieren, ggf. anfangs unter physiotherapeutischer Kontrolle.
Quellen:
Alfredson et al.: Heavy-load eccentric calf muscle training for the treatment of chronic Achilles tendinosis. Am J Sports Med, 1998. doi: 10.1177/03635465980260030301
Debrunner: Orthopädie. Verlag Hans Huber, Bern/Stuttgart, 1985.
Ostermeier: Kortison, Kortisontherapie und ihre Nebenwirkungen. Orthopädische Gelenk-Klinik Gundelfingen, Stand 24.08.2025. Online
SPORTambulatorium Wien: Achillessehne. Stand 25.06.2026. Online
Tilscher et al.: Infiltrationstherapie. Hippokrates Verlag Stuttgart, 1991.
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