Millionen Menschen nehmen Calcium- und Vitamin-D-Präparate ein, um Knochenbrüchen und Stürzen vorzubeugen. Neue Erkentnisse stellen diese weit verbreitete Empfehlung nun grundlegend infrage.
Calcium und Vitamin D gelten seit langem als wichtige Bausteine der Osteoporose-Prophylaxe. Biologisch ist das plausibel: Calcium ist essenziell für den Knochenstoffwechsel, während Vitamin D die Calciumaufnahme fördert und darüber hinaus eine Rolle für Muskelkraft und Muskelfunktion spielt. Beobachtungsstudien hatten mehrfach gezeigt, dass niedrige Vitamin-D-Spiegel mit einer verminderten Knochendichte, Muskelschwäche, einer erhöhten Sturzneigung und einem höheren Frakturrisiko verbunden sind.
Wenig überraschend zählen Calcium und Vitamin D deshalb auch mit Abstand zu den am häufigsten eingenommenen Supplementen. Nur liefern Studien bei Personen ohne nachweisliches Defizit widersprüchliche Ergebnisse. Während ältere Arbeiten Hinweise auf einen Nutzen geliefert haben, konnten viele neuere Untersuchungen diese Ergebnisse nicht bestätigen. Genau deshalb hat ein kanadisches Forscherteam die bislang umfassendste Metaanalyse zu diesem Thema durchgeführt.
In die Analyse flossen randomisierte, kontrollierte Studien ein, in denen Erwachsene Calcium, Vitamin D oder eine Kombination beider Supplemente erhielten. Insgesamt wurden Daten von 153.902 Teilnehmern aus 69 Studien bewertet. Bei den Probanden handelte es sich überwiegend um Senioren mit einem mittleren Alter von 71 Jahren. In 87 Prozent der Studien lebten die Teilnehmer selbstständig; nur 28 Prozent der Studien untersuchten Hochrisikopopulationen, etwa Menschen in Alten- und Pflegeheimen.
Die Nachbeobachtungszeit betrug im Median zwei Jahre. Als Endpunkte untersuchten die Wissenschaftler sowohl Frakturen insgesamt als auch Hüft-, Wirbelkörper- und nicht-vertebrale Frakturen. Darüber hinaus wurden das Auftreten von Stürzen sowie die Gesamtzahl der Sturzereignisse analysiert.
Für die Calcium-Monotherapie standen Daten von 9.067 Teilnehmern aus elf Studien zur Verfügung. Bei ihnen wurde das Risiko für Frakturen jeglicher Art durch die Supplementierung nicht statistisch signifikant verringert. Die relative Risikoreduktion (RR) betrug lediglich 9 Prozent (RR 0,91). Die Autoren bewerteten die Evidenzqualität als moderat.
Auch bei weiteren Endpunkten ergab sich kein überzeugender Nutzen. Für nicht-vertebrale Frakturen lag das relative Risiko bei 0,95, für Wirbelkörperfrakturen bei 0,82. Selbst das Risiko, zu stürzen, blieb durch Supplemente nahezu unverändert (RR 0,91). Auffällig war, dass sich bei Hüftfrakturen numerisch sogar ein erhöhtes Risiko unter Kalziumsupplementierung zeigte (RR 1,63). Aufgrund der begrenzten Datenlage und der schlechten Datenqualität in diesem Bereich stufen die Autoren ihr Ergebnis jedoch als wenig plausibel ein.
Noch klarer fiel das Ergebnis für Vitamin D aus. Insgesamt wurden 46 Studien mit 96.296 Teilnehmern ausgewertet. Für die meisten Endpunkte stuften die Autoren die Evidenzqualität als hoch ein. Beim primären Endpunkt, dem Risiko für Frakturen insgesamt, zeigte sich praktisch kein Unterschied zwischen Vitamin D und Teilnehmern der Kontrollgruppe. Das relative Risiko lag exakt bei 1. Auch bei Hüftfrakturen (RR 1,13), nicht-vertebralen Frakturen (RR 1,01) und Wirbelkörperfrakturen (RR 1,04) fanden sich keine relevanten Unterschiede gegenüber Placebo oder keiner Behandlung.
Ebenso wenig überzeugend waren die Ergebnisse bei den Stürzen. Das Risiko lag unter Vitamin D versus Placebo bei 1,01 und war damit praktisch unverändert. Auch die Gesamtzahl der Stürze wurde durch die Supplementierung nicht beeinflusst. Selbst in zahlreichen Subgruppenanalysen fanden die Autoren keine Hinweise darauf, dass bestimmte Dosierungen, unterschiedliche Ausgangs-Vitamin-D-Spiegel oder spezielle Patientengruppen stärker von einer Supplementierung profitieren könnten.
Etwas differenzierter fällt die Bewertung der Kombination aus Calcium und Vitamin D aus. Hier standen Daten aus 16 Studien mit insgesamt mehr als 51.000 Teilnehmern zur Verfügung. Tatsächlich fanden die Autoren bei mehreren Endpunkten statistisch signifikante Vorteile: Das Risiko für Frakturen insgesamt war um 9 Prozent niedriger (RR 0,91), das Risiko für Hüftfrakturen um 16 Prozent (RR 0,84) und das Risiko für nicht-vertebrale Frakturen um 13 Prozent (RR 0,87). Bei genauerer Betrachtung relativieren sich diese Ergebnisse jedoch. Entscheidend sind die absoluten Risikoreduktionen: Sie betrugen lediglich einen Prozentpunkt für Frakturen insgesamt, 0,3 Prozentpunkte für Hüftfrakturen und 1,6 Prozentpunkte für nicht-vertebrale Frakturen.
Daraus ergeben sich Number-needed-to-treat-Werte von etwa 100 für Frakturen insgesamt, 333 für Hüftfrakturen und 63 für nicht-vertebrale Frakturen. Nach den vorab definierten Kriterien der Autoren erreichten diese Effekte die Schwelle einer klinisch bedeutsamen Verbesserung nicht. Auch beim Sturzrisiko fanden die Autoren nur einen schwachen Effekt. Zwar war das Risiko numerisch um 8 Prozent reduziert (RR 0,92), die absolute Differenz blieb jedoch gering und bewegte sich an der Grenze zur statistischen Signifikanz.
Bei der Analyse stießen die Autoren auf einen recht überraschenden methodischen Aspekt: Ein erheblicher Teil des historisch beobachteten Nutzens der Kombinationstherapie ließ sich auf eine einzelne Studie aus den frühen 1990er-Jahren zurückführen. Sie schloss ältere Frauen mit hohem Frakturrisiko ein. Gleichzeitig hatten die Teilnehmerinnen sehr niedrige Vitamin-D-Spiegel und eine geringe Kalziumaufnahme.
Als die Forscher diese Studie von ihren Sensitivitätsanalysen ausschlossen, verloren mehrere Endpunkte ihre statistische Signifikanz. Nach Ansicht der Autoren spricht dies dafür, dass mögliche Vorteile vor allem auf sehr spezifische Hochrisikopopulationen beschränkt sein könnten und sich nicht auf die allgemeine Bevölkerung übertragen lassen.
Das Fazit ist entsprechend klar: Für die Mehrheit der Erwachsenen bieten Calcium- und Vitamin-D-Präparate keinen klinisch relevanten Schutz vor Frakturen oder Stürzen. Weder Calcium noch Vitamin D allein haben in der Analyse einen Nutzen gezeigt. Die Kombination beider Substanzen zeigte zwar statistisch signifikante Effekte, diese fielen jedoch so gering aus, dass sie nach Einschätzung der Autoren klinisch kaum relevant sind und möglicherweise vor allem auf einzelne Hochrisikogruppen zurückzuführen sind.
Aus Sicht der Studienautoren sollten Ärzte, Leitliniengremien und Gesundheitsbehörden ihre bisherigen Empfehlungen kritisch überprüfen. Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass die Ergebnisse nicht auf Patienten mit manifester Osteoporose unter medikamentöser Therapie, auf Menschen mit speziellen Knochenerkrankungen oder auf Patienten unter langfristiger Kortikosteroidtherapie übertragen werden können.
Insgesamt spricht die aktuelle Evidenz damit gegen eine routinemäßige Supplementierung von Calcium und Vitamin D zur allgemeinen Prävention von Frakturen und Stürzen. Für die ärztliche Praxis bedeutet dies, dass entsprechende Präparate künftig gezielter und individueller eingesetzt werden sollten – insbesondere bei Patienten ohne nachgewiesenen Mangel und ohne erhöhtes Frakturrisiko.
Quellen
Massé et al.: Calcium, vitamin D, or combined supplementation to prevent fractures and falls: Systematic review and meta-analysis. BMJ, 2026. Doi: 10.1136/bmj-2025-088050.
Williamson: Calcium, vitamin D, or combined supplementation to prevent fractures and falls. BMJ, 2026. Doi: 10.1136/bmj.s913.
Bildquelle: Joshua Hoehne, Unsplash