Viele Patienten kommen mit schwachsinnigen Forderungen zu mir in die Praxis. Ich schmettere diese Wünsche regelmäßig ab – mit Recht.
Wir leben in einer Zeit der Polarisierung und der Meinung – „gut vs. schlecht“, „ja vs. nein“, häufig mit der Begründung, das „fühlt sich nicht richtig an“. Ich bin da innerlich sehr zwiegespalten. Einerseits sehe ich Medizin schon primär als Wissenschaft, andererseits habe ich auch gelernt, mein Bauchgefühl mit einzubeziehen. Aber eben als ein Werkzeug unter vielen, nicht als wichtigsten Einfluss. Warum ich auch Medikamente in vielerlei Hinsicht als „Werkzeuge“ sehe, möchte ich hier mal erklären. Zwei Beispiele aus der täglichen medikamentösen Therapie, in der Polarisierung und Meinung sowie Gefühle eine Rolle spielen: Antibiotika und Cortison.
Manche Patienten fordern grundsätzlich Antibiotika von mir. Wir wissen zwar (wissenschaftlich belegt), dass die meisten Atemwegsinfekte viral bedingt sind und keine antibiotische Therapie benötigen – den Patienten ist das aber egal. Weil sie glauben, davon schneller fit zu werden, weil es doch noch nicht weg ist nach 2–3 Tagen, weil es ihrem Partner auch geholfen hat, usw. usf. … Das erfordert gerade in der Infektsaison, wenn ein heftiger Zeitdruck herrscht, immer wieder Zeit für Erklärungen und ggf. auch Diskussionen. Wobei ich fairerweise sagen muss, dass es über die letzten Jahre deutlich besser geworden ist in unserer Praxis. Und diese Diskussionen insgesamt seltener werden (nur leider äußern sich die Patienten heutzutage im Tonfall manchmal heftiger, was aber ein anderes Thema ist).
Was mir aber inzwischen auch begegnet, sind Patienten, die trotz klarer Indikation kein Antibiotikum nehmen möchten. Oder nicht so lang, in keiner so hohen Dosierung, etc. Auch das wiederum ist ein Problem, denn in manchen Situationen BRAUCHEN wir sie halt. Eins meiner Kinder beispielsweise hatte eine Neugeborenensepsis und ich bin extrem froh, dass wir heutzutage Antibiotika haben, auch wenn ich im normalen Alltag versuche, sie möglichst wenig einzusetzen. Aber wir scheinen ein bisschen die Fähigkeit zu verlieren, diese Unterscheidung zu machen. Diese Diskussionen führe ich auch mit Patienten, aber es ist inzwischen manchmal erstaunlich schwierig. Noch heftiger ist das aber bei Cortison.
Kaum ein Medikament scheint bei Patienten so heftige Gefühle auszulösen wie Cortison. Die einen wollen es unbedingt haben – für Rückenschmerzen, Gelenkbeschwerden, Arthrose, was auch immer, die anderen unter keinen Umständen, auch wenn es die einzige Möglichkeit ist, ihre (meist autoimmune) Erkrankung aufzuhalten.
Ich weiß nicht, mit wie vielen Patienten ich schon rumdiskutiert habe, dass ich ihnen keine Spritze gegen ihre Rückenschmerzen gebe. Ja, als ich vor 15 Jahren in der Praxis angefangen habe, wurde das noch bei vielen (auch bei meinem früheren Chef) durchaus immer wieder gern gemacht, weil die Patienten unheimlich dankbar waren. Rückenschmerzen, Spritze, fertig. Da aber bislang nie jemand in wirklichen Studien zeigen konnte, dass diese Spritzen etwas bringen, sie aber gleichzeitig auch Risiken (z. B. Infektion/Abszess) bergen, wird bereits seit Jahren in den Versorgungsleitlinien davon abgeraten. Trotzdem hatte ich erst vor einigen Tagen wieder jemanden, der sehr pikiert war, dass ich ihm nichts spritzen würde („das habe ich vom Arzt doch früher immer bekommen“). Und ja, ich versuche dann immer, mir die Zeit für Erklärungen zu nehmen und meistens kann ich die Leute überzeugen. Die anderen suchen sich, fürchte ich, dann einfach jemand anderen.
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Und auch bei Arthrose ist es immer wieder ein Thema – es wirkt bei manchen kurzfristig schmerzlindernd, weshalb es von Orthopäden gern eingesetzt wird, aber scheint (zumindest bei intraartikulärer Injektion) den Progress eher zu fördern, weshalb ich es nicht verschreiben, geschweige denn spritzen möchte. Andererseits ist die Angst vor Cortison bei manchen Patienten schon extrem. Ich hatte mehrere Patientinnen (und ja, es sind zumindest gefühlt deutlich mehr Frauen als Männer), bei denen ich wirklich diskutieren musste, um sie überhaupt von einer Cortisontherapie zu überzeugen. Wobei es aufgrund der emotionalen „Aufladung“ dann manchmal von einem Extrem ins andere umschlägt: Gerade bei der Polymyalgia rheumatica (PMR) sind ja die Erfolge mit einer Cortisontherapie wirklich beeindruckend!
Ich hatte eine Patientin, die wohl die Haustreppe initial nur noch auf allen vieren raufgekrabbelt ist, bevor sie im Rahmen einer PMR zu mir in die Praxis kam und die innerhalb von drei Tagen wieder laufen konnte. Das fühlt sich sowohl für den Patienten als auch für den Behandler ja absolut genial an! Und dann muss aber laaaaaaaangsam ausgeschlichen werden. Denn Langzeit-Cortison (vor allem in höherer Dosierung) ist eine Katastrophe für Blutzucker, Blutdruck und Knochen (und ja, auch davon haben wir einige Beispiele in der Praxis). Aber die neu diagnostizierten PMR-Patienten haben Angst, dass es ihnen wieder so schlecht geht, was ich ja auch völlig verstehen kann. Auch da ist wieder viel Überzeugungsarbeit nötig…
Letztlich geht es (wie immer) ganz viel um Kommunikation (und die damit verbundene Zeit). Ich versuche den Patienten immer viel zu erklären, damit sie sich in diesen emotionalen Situationen nicht allein gelassen fühlen. Das gelingt bei Weitem nicht immer, aber häufig kann man die Patienten dann auch emotional „abholen“, wie das heutzutage immer so schön heißt.
Antibiotika kann man gut mit Schraubenziehern vergleichen. Es gibt unterschiedliche Größen und vorne unterschiedliche Köpfe, die halt nicht auf jede Schraube passen, deswegen muss ich immer das richtige Antibiotikum auswählen, das auf die Schraube (den jeweiligen Keim) passt. Aber wenn da keine Schraube ist, sondern alles verklebt (Virusinfekt vs. bakterieller Infekt), hilft auch der beste Schraubenzieher nichts.
Bei Cortison benutzen viele Patienten den Ausspruch „Das ist ja so ein großer Hammer“ von sich aus – auch da hake ich gern ein und sage halt, dass ich manchmal so einen Hammer brauche, aber halt nicht immer und nicht dauerhaft und dass niemand gerne in seinem Werkzeugkasten NUR einen „großen Hammer“ hätte. Denn mit dem großen Hammer entsteht auch Kollateralschaden.
Deswegen bleibt für mich immer der Appell im Rahmen von Weiterbildung und studentischer Ausbildung. Medikamente sind (unter anderem) unsere Werkzeuge – es geht nicht darum, welches Medikament man „mag“ oder „nicht mag“, sondern darum, das Passende für die aktuelle Situation zu finden (denn genau das bedeutet ja die berühmte „Indikation“, die man für jede medizinische Maßnahme haben muss).
Dazu passend mal ein Spruch von Goethe:„Ein Mann, der recht zu wirken denkt, muß auf das beste Werkzeug halten.“– Johann Wolfgang von Goethe
Bildquelle: Hugo Delauney, Unsplash