Das Wasser glitzert, die Sonne scheint – Kos ist herrlich. Wenn man nicht gerade mit einem Abszess vom Flüchtlingsboot kommt und dringend Hilfe braucht. Ein Einblick in meine Arbeit zwischen Tourismus und Notfallversorgung.
Ich bin ehrenamtlich bei MSI, Medical Solidarity International, tätig. Die deutsche NGO bietet aktuell vier Projekte in Griechenland, je eins in Bulgarien und Bosnien und zwei in Deutschland an.
Die Projekte unterscheiden sich in ihrer Arbeitsweise, je nach Standort. In Deutschland kann MSI Geflüchteten psychosoziale Unterstützung in zehn verschieden Sprachen anbieten. Allen Projekten gemein ist jedoch das Angebot medizinischer Grundversorgung für Menschen auf der Flucht.
Ich begleite gerade G. zum Röntgen für den Zahnarzt. Er ist 23 Jahre alt und kommt aus dem Südsudan. Vor neun Monaten hat er sich als Geflüchteter auf den Weg nach Europa gemacht, auf der Suche nach Perspektiven, der Möglichkeit irgendwann zu studieren und vor allem nach Sicherheit. Er spricht sehr gutes Englisch, das er sich in Uganda selbst beigebracht hat. Dort hat er vor seiner Flucht schon ein paar Monate gelebt. Er ist sehr offen und erzählt mir ein paar Details seiner Flucht. Unter anderem von dem zwei bis drei Monate langen Fußmarsch durch die Wüste des Tschad und Libyens.
„Wenn du einmal in Libyen angekommen bist, dann gibt es nur noch das Boot nach Europa. Keiner kehrt um und geht noch einmal zu Fuß durch die Wüste.“ Dann schaut er mich an und stellt mir die Frage: „Do you think you would have made it?“
„I don’t know. I really don’t know“, antworte ich und weiß nicht so recht und schaue bloß ins Leere.
Er lacht kurz, etwas belustigt über meine Verlegenheit, gleichzeitig mit einem Ausdruck von Trauer und Bedrücktheit. Er habe in Libyen „Glück“ gehabt und verhältnismäßig schnell einen Platz in einem Boot bekommen. Mit elf Booten seien sie eines Tages gestartet. Nicht alle davon seien angekommen.
Aus Angst vor einer Retraumatisierung frage ich nicht viel nach, sondern versuche, aktiv zuzuhören und lächle bestätigend. In meinem Kopf ist jedoch nur schwer vorstellbar, was er alles erlebt haben muss. Während er von einem monatelangen Fußmarsch durch die Wüste und der Überfahrt über das Mittelmeer erzählt, laufen wir durch die belebten Touristengassen von Kos-Stadt. Menschen sitzen in Restaurants, kaufen Souvenirs oder schlendern entspannt durch die Straßen. Der Kontrast zwischen seiner Geschichte und der Umgebung, in der wir dieses Gespräch führen, könnte kaum größer sein. Seine Frage lässt mich jedoch seit dem Gespräch nicht mehr los.
Ich habe nie wirklich darüber nachdenken müssen, ob ich in Sicherheit bin. Mir wird immer wieder bewusst, wie weit meine Lebensrealität und die der Geflüchteten auseinanderliegen. Auf die Frage meiner Mutter, wie es mir mit all dem geht und wie ich damit umgehe, ist meine Antwort mal wieder „Ich weiß es nicht“. Vielleicht, weil viele Widersprüche gleichzeitig existieren. Natürlich genießen auch wir unsere Zeit auf Kos. An den Wochenenden machen wir Ausflüge auf benachbarte Inseln oder gehen gemeinsam ins Restaurant. Gleichzeitig begegne ich unter der Woche Menschen, die alles zurücklassen mussten und deren Alltag von Unsicherheit geprägt ist. Dieser Kontrast begleitet mich jeden Tag.
Was bleibt, ist das Bewusstsein dafür, wie unterschiedlich unsere Ausgangsbedingungen sind. Während ich mich freiwillig entschieden habe, für einige Monate nach Kos zu kommen, haben die Menschen, denen ich hier begegne, keine Wahl.
Neben den Geschichten von Flucht und Verlust begegnen mir hier aber auch Menschen mit Träumen, Plänen und einer bemerkenswerten Widerstandskraft. Einer von ihnen ist L. (24). Er begrüßt uns mit Handschlag und setzt sich zu uns. Er ist schon seit Monaten auf Kos. Weil er von Schleppern gezwungen wurde, das Boot zu steuern, wurde er zunächst selbst als Schleuser verurteilt und musste ein Strafverfahren durchlaufen, bevor er schließlich sein Asylinterview führen konnte und als Flüchtling anerkannt wurde. Heute Abend wird er die Fähre nach Athen nehmen.
Credit: Maite Nagel
Er ist ein bekanntes Gesicht bei uns, hat oft freiwillig übersetzt und kommt gerne zum Plaudern vorbei. Wir sprechen erst über seine weitere Reise und darüber, was seine Ziele sind. In Griechenland will er nicht bleiben. Athen ist ein vorübergehender Stopp, um einen Job zu finden und etwas Geld zu sammeln. Auf Kos konnte er keine Arbeit finden, auch deshalb zieht er weiter. In Athen verspricht er sich mehr Optionen. Er möchte irgendwann studieren. Engineering oder irgendetwas mit Mathematik, das war sein bestes und liebstes Fach in der Schule. Stolz zeigt er uns seine Abschlussergebnisse. Wir reden aber auch über Fußball, die Weltmeisterschaft, die USA und über die Frisur des Bundeskanzlers.
Während wir so zusammensitzen, fühlt es sich wie ein Gespräch unter Freunden an. Auch solche Begegnungen gehören zu meinem Alltag auf Kos. Sie finden in unserem Health Space statt – einem Ort, der weit mehr ist als nur eine medizinische Anlaufstelle.
Ich bin in dem MSI-Projekt auf Kos im kleinen Dorf namens Pili. Hier gibt es ein Closed Controlled Access Center mit Kapazitäten von bis zu 3.000 Schlafplätzen. Aktuell leben dort etwa 700 Menschen, wobei wir dies nur schätzen können. In unregelmäßigen Abständen gibt es immer wieder Transfers von Kreta nach Kos. Wann und wie viele Personen ankommen, erfahren wir nicht. So ist es auch kaum vorhersehbar, ob wir uns auf eine Vielzahl an Patienten vorbereiten müssen oder nicht.
Die Geflüchteten leben dort unter teils prekären Bedingungen und bekommen bei ihrer Ankunft manchmal nur eine Bettdecke. Basishygieneartikel wie Zahnbürsten, Zahnpasta oder Seife sind nicht immer vorrätig. Schlechte hygienische Verhältnisse, die wiederum Krankheiten begünstigen, sind also absehbar. Wenn das Budget es zulässt oder Sachspenden wie Zahnhygieneartikel ankommen, verteilen wir sie an Patienten. Im Mai haben wir „nur“ 249 Patienten gesehen, im Februar waren es noch über 600. Atemwegsinfekte, Allergien, Magenbeschwerden, Bauchschmerzen, Hauterkrankungen wie Scabies und Zahnschmerzen stehen an der Tagesordnung. Auch stark infizierte Wunden sind keine Seltenheit.
MSI hat sich auf Kos über die Jahre ein gutes Netzwerk zu Zahnärzten, Röntgenpraxen und der Camp-Ärztin aufgebaut, sodass wir die Patienten gezielt weiterschicken können, sofern dies nötig ist. Denn das Gesundheitssystem in Griechenland ist auch für viele Griechen sehr teuer und schlecht zugänglich – verständlich also, dass es für Geflüchtete noch schwieriger ist.
Unser Health Space ist aber noch viel mehr als nur ein Ort für medizinische Hilfe. Er ist auch ein Ort für etwas Ruhe, einen Tee, ein Gespräch, zum Freunde treffen oder die Möglichkeit, Wäsche zu waschen.
Wie viele andere NGOs ist auch MSI auf Spendengelder angewiesen. Die Budgets, die für Medikamente oder Utensilien ausgegeben werden können, sind begrenzt. Wann und wie viele Volunteers zur Verfügung stehen, ist oft nur kurzfristig planbar. Auch die Menge an Patienten ist variabel; von drei bis über 30 Personen am Tag ist hier alles möglich.
Zum Glück lassen sich viele Beschwerden mit einfachen Mitteln lindern oder zumindest übergangsweise behandeln. Besonders deutlich werden die Grenzen unserer Möglichkeiten dort, wo medizinische Hilfe nicht nur Zeit und Personal, sondern auch finanzielle Mittel erfordert. Ein Beispiel sind die Ressourcen beim Budget für Patienten mit Zahnproblemen. 200 Euro sind das im Monat. Davon können nur Zahnextraktionen und Röntgenbilder bezahlt werden. 50 Euro gehen für ein Röntgenbild drauf und weitere 50 Euro für das Ziehen des Zahns. Insgesamt also gerade einmal zwei Patienten im Monat, denen wir helfen können.
Wer schon einmal Zahnschmerzen hatte, weiß, wie schmerzhaft und belastend das sein kann. Und Schmerzen durch besorgniserregenden Zahnstatus begegnen uns täglich. Die einzige Möglichkeit, die wir oft haben: Schmerzmedikamente und selbst gepackte Päckchen mit Salz zum Gurgeln und Nelken zum Kauen, um den Schmerz zumindest etwas zu lindern. In solchen Momenten wird mir immer wieder bewusst, wie selbstverständlich Diagnostik und Therapie in Deutschland sind. Weiterführende Untersuchungen wie Bluttests, Ultraschall oder CT gehören dort zur normalen medizinischen Versorgung – hier ist gar nicht dran zu denken.
Die persönlichen Begegnungen und medizinischen Schwierigkeiten stehen nicht allein für sich. Sie sind eine Realität, die sich auch in Zahlen und politischen Entwicklungen widerspiegelt. Im Jahr 2026 haben laut der Internationalen Organisation für Migration im zentralen Mittelmeerraum bereits 765 Menschen ihr Leben verloren. Die Dunkelziffer wird weitaus höher sein. Im Vergleich zum Jahr 2025 ein deutlicher Anstieg und die höchste Opferzahl seit 2014.
Allein im Ägäischen Meer sind laut Aegean Boat Report 71 Boote im Mai zwischen Griechenland und der Türkei den Weg übers Meer angetreten. Nur 20 haben das griechische Festland erreicht. 51 wurden von der türkischen Küstenwache gestoppt oder unterlagen sogenannten Pushbacks der griechischen Küstenwache. Pushbacks bezeichnen die illegale Praxis, bei der ein Staat Menschen aktiv daran hindert, sein Gebiet zu betreten, oder sie gewaltsam über Grenzen bzw. in die Gewässer anderer Staaten zurückdrängt. Seit März 2020 wird von vermehrten Pushbacks durch die griechische Küstenwache berichtet. Geflüchtete berichten, teils misshandelt und ausgeraubt worden zu sein, bevor sie über Land oder See zurückgedrängt wurden. Diese Entwicklung lässt sich aber nicht nur in Griechenland sehen, sondern im gesamten Mittelmeer.
Vor Kurzem wurde die Sea-Watch 5 von der libyschen Küstenwache beschossen, nachdem sie Menschen in Seenot aufgenommen hatte. Zudem habe die libysche Küstenwache gedroht, das Rettungsschiff zu entern und in libysche Küstengewässer zu drängen.
Trotz dieser großen Herausforderungen zeigt mir die Arbeit bei MSI jeden Tag, dass selbst mit begrenzten Mitteln viel bewirkt werden kann. Eine meiner Mitvolunteers hat geschrieben: „Flucht, Menschenwürde und Menschenrechte sind keine lokalen Themen. Wenn Menschenrechte verletzt und Schutzsuchenden grundlegende Versorgung verwehrt wird, sollte uns das alle betreffen – unabhängig von Grenzen und Herkunft.“
Do I think I would have made it? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich nie gezwungen war, es zu versuchen – und dass ich von Glück sprechen kann, wenn ich es nie sein werde.
Bildquelle: Oleg Ivanov, Unsplash