Je länger ich meine Patienten begleite, desto eher fallen mir Veränderungen auf. Wie sich das Leben meines liebeskranken Patienten wieder normalisierte – und was ein Energydrink damit zu tun hat.
Ein Text von Sprechzimmer 4
Manche Patienten verschwinden aus meinem Sprechzimmer, ohne dass ich sie jemals wiedersehe. Oft frage ich mich dann, was aus ihnen geworden ist. Ob es ihnen besser geht. Ob sie ihren Weg gefunden haben. Mein Patient mit dem Liebeskummer und dem ADHS blieb noch einige Monate.
Etwa alle zwei Wochen saß er mir gegenüber. Nicht immer pünktlich – auch wenn ich es bei jedem Termin aufs Neue thematisierte. Irgendwann wurde daraus ein Running Gag zwischen uns. Bereits bei unserem dritten Gespräch beschlossen wir, seine ADHS-Medikation wieder aufzunehmen. Nach unauffälligem EKG und unauffälligen Laborwerten begannen wir mit einer langsamen Eindosierung von Medikinet. Während dieser Phase sah ich ihn regelmäßig. Etwa alle zwei Wochen kam er zu mir, damit wir besprechen konnten, wie er die Medikation vertrug, ob Nebenwirkungen auftraten und ob sich in seinem Alltag etwas veränderte.
Während der regelmäßigen Termine ertappte ich mich immer wieder dabei, auf die kleinen Dinge zu achten. Dinge, die in keinem Laborwert auftauchen und in keiner Leitlinie stehen. In diesem Fall war es die Red-Bull-Dose, die irgendwann nicht mehr auf meinem Schreibtisch stand.
Er berichtete, dass er zu Hause Projekte abgeschlossen habe, die seit Jahren unfertig herumlagen. Es habe ihn beinahe erschreckt, wie leicht ihm plötzlich die letzten Schritte fielen. Ausgerechnet die letzten Schritte waren zuvor immer die schwierigsten gewesen. Auch beruflich veränderte sich etwas. Die Konflikte wurden weniger. Die emotionalen Ausraster verschwanden. Er schrie nicht mehr herum. Er warf kein Werkzeug mehr durch die Werkstatt. Seine Vorgesetzten fragten ihn sogar, was er verändert habe.
Nachdem wir mehrfach über seinen Red-Bull-Konsum gesprochen hatten, sprach ich ihn auf ein weiteres Laster an. Schon bei unserem ersten Gespräch war mir aufgefallen, dass er nach kaltem Zigarettenrauch roch. Seit seiner Jugend rauchte er etwa eine Schachtel Zigaretten täglich. Als ich ihn darauf ansprach, winkte er zunächst ab. Mit dem Rauchen aufzuhören könne er sich überhaupt nicht vorstellen.
Einige Termine später berichtete er dann eher beiläufig von einem Rauchentwöhnungsprogramm seines Arbeitgebers. Sein Chef habe ihm vorgeschlagen, daran teilzunehmen. Er selbst habe die Idee zunächst kategorisch abgelehnt. Ich fragte ihn, ob er sich vorstellen könne, noch einmal darüber nachzudenken. Ob dieses Angebot vielleicht weniger eine Aufforderung als vielmehr eine Möglichkeit sein könnte. Zu meiner Überraschung verneinte er diesmal nicht sofort. Er wolle es sich noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Auch das erschien mir bemerkenswert.
Über die Frau sprachen wir noch zwei weitere Termine lang. Dann nicht mehr. Mit etwas zeitlichem Abstand berichtete er deutlich geordneter von dieser Beziehung. Viele Details, die in den ersten Gesprächen unter seiner Verzweiflung und Wut verborgen geblieben waren, wurden nun sichtbarer.Er erzählte, dass diese Frau selbst sehr schlechte Erfahrungen in früheren Beziehungen gemacht hatte. Sie war von einem Ex-Partner verletzt worden und begegnete neuen Männern deshalb mit viel Vorsicht und Misstrauen.
Außerdem hatte sie wohl mehrfach deutlich gemacht, dass sie keine feste Beziehung suchte. Gemeinsam versuchten wir zu verstehen, weshalb ihn diese Zurückweisung trotzdem so massiv getroffen hatte. Je mehr wir darüber sprachen, desto deutlicher wurde, dass seine Reaktion vermutlich nicht allein durch die Situation selbst erklärbar war. Sicherlich spielte dabei auch die bei ADHS häufig beobachtete Rejection Sensitivity eine Rolle – also die ausgeprägte emotionale Empfindlichkeit gegenüber tatsächlicher oder auch nur empfundener Zurückweisung. Was für andere Menschen eine schmerzhafte Enttäuschung gewesen wäre, entwickelte sich bei ihm zu einer Krise, die sein gesamtes Denken und Fühlen für Wochen dominierte.
Irgendwann wurde das Thema kleiner. Nicht, weil sie zurückkam.Nicht, weil sich alles aufklärte. Sondern weil sein Leben langsam wieder größer wurde als diese Geschichte. Nach einigen Monaten gelang es mir schließlich, ihn bei einer Psychiaterin unterzubringen. Dort wurde die Diagnose erneut bestätigt und die weitere medikamentöse Behandlung übernommen. Und ich? Ich wurde wieder das, was ich ursprünglich gewesen war: Seine Hausärztin. Die Gespräche wurden kürzer. Die Krisen wurden kleiner. Die Frau spielte irgendwann keine Rolle mehr. Und genau das war vermutlich das beste Zeichen.
Wenn ich heute an ihn denke, denke ich nicht an die Frau, die ihn zu mir geführt hat. Ich denke daran, dass ich ihn ein Stück seines Weges begleiten durfte. Daran, wie aus Verzweiflung langsam wieder Handlungsspielraum wurde. Daran, wie aus schlaflosen Nächten wieder Projekte wurden, die er zu Ende brachte. Daran, wie die Red-Bull-Dose von meinem Schreibtisch verschwand. Und daran, dass er mir genug vertraut hat, diesen Weg gemeinsam mit mir zu gehen.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich die Hausarztmedizin so liebe. Trotzdem laufe ich vor jedem neuen Patienten wieder mit demselben Gefühl ins Wartezimmer. Mit Neugier darauf, wer mich gleich in mein Sprechzimmer 4 begleiten wird. Und mit großem Respekt davor, was er oder sie mitbringen könnte.Bildquelle: Midjourney