Acetazolamid kann die Schwere einer Schlafapnoe deutlich verringern. Wie dieser Effekt zustande kommt – und was daran überraschend ist.
Die obstruktive Schlafapnoe (OSA) zählt zu den häufigsten schlafbezogenen Atmungsstörungen. Dabei kollabieren die oberen Atemwege während des Schlafs wiederholt, sodass die Atmung zeitweise aussetzt oder deutlich eingeschränkt wird. Patienten leiden an Tagesmüdigkeit und Konzentrationsstörungen, ihr Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist mittelfristig erhöht.
Als Standardtherapie gilt die CPAP-Maske (Continuous Positive Airway Pressure), um die Atemwege offen zu halten. Ergänzend können eine Gewichtsreduktion, eine veränderte Schlafposition oder andere Maßnahmen helfen. Allerdings fällt vielen Betroffenen die CPAP-Therapie schwer; so manche Maske bleibt im Schrank. Deshalb suchen Wissenschaftler seit Jahren nach Alternativen. Forschungsergebnisse zur REM-dominierten Schlafapnoe wecken neue Hoffnung.
Während des REM-Schlafs verschärft sich die Problematik einer Schlafapnoe. In dieser Schlafphase sind die Atemaussetzer oft länger und die Sauerstoffabfälle ausgeprägter als im Non-REM-Schlaf. Einige Forscher vermuten, dass dies erklären könnte, warum Herzinfarkte und Schlaganfälle gehäuft in den frühen Morgenstunden auftreten – also zu einer Zeit, in der REM-Schlaf besonders häufig auftritt.
Von einer REM-dominierten Schlafapnoe sprechen Experten, wenn der Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI) im REM-Schlaf mindestens doppelt so hoch ist wie während der übrigen Schlafphasen. Diese Form der Erkrankung tritt überdurchschnittlich häufig bei Frauen und bei jüngeren Menschen auf.
Ausgangspunkt einer neuen Untersuchung war eine frühere Beobachtung: Bei REM-Schlafapnoe scheint ein vorübergehender Rückgang des zentralen Atemantriebs eine entscheidende Rolle zu spielen. Dieser führt nicht nur zu einer verminderten Aktivierung des Zwerchfells, sondern auch zu einer Abschwächung der Aktivität des Musculus genioglossus – eines wichtigen Zungenmuskels, der die oberen Atemwege offen hält.
Acetazolamid erschien den Forschern deshalb als vielversprechender pharmakologischer Kandidat. Der Carboanhydrase-Hemmer wird seit Jahren in unterschiedlichen Indikationen eingesetzt. Er ist dafür bekannt, die Atmung zu stimulieren. Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass das Medikament den Schweregrad einer Schlafapnoe insgesamt senken kann. Ob es jedoch gezielt den REM-typischen Verlust des Atemantriebs verhindert, war bislang ungeklärt.
Für ihre Untersuchung rekrutierten die Forscher elf Erwachsene mit REM-dominanter OSA – eine recht kleine Kohorte. Im Zuge eines randomisierten, doppelblinden Cross-over-Design erhielten die Teilnehmer jeweils drei Nächte lang entweder Acetazolamid oder Placebo. Nach einer Auswaschphase wechselten sie zur jeweils anderen Behandlung. Besonders aufwändig war die physiologische Untersuchung: Neben einer vollständigen Polysomnographie wurden die elektrische Aktivität des Zwerchfells und des Musculus genioglossus direkt gemessen. Dadurch konnten die Forscher nicht nur klinische Endpunkte wie AHI und Hypoxielast analysieren, sondern auch die zugrundeliegenden Mechanismen untersuchen.
Ihre Ergebnisse: Unter Acetazolamid sank der gesamte Apnoe-Hypopnoe-Index um 35,5 Prozent gegenüber Placebo. Gleichzeitig verringerte sich die Hypoxielast – ein Maß für Dauer und Ausmaß der Sauerstoffabfälle – um 35,9 Prozent. Beide primären Endpunkte wurden hochsignifikant erreicht. Auch die mittlere Sauerstoffsättigung verbesserte sich. Darüber hinaus beobachteten die Forscher eine Senkung des morgendlichen systolischen Blutdrucks um rund 10 mmHg. Schwerwiegende Nebenwirkungen traten nicht auf. Die angegebenen Beschwerden wie Müdigkeit, Kopfschmerzen oder leichte gastrointestinale Symptome waren selten und überwiegend mild ausgeprägt.
Die eigentliche Überraschung zeigte sich jedoch bei der Analyse der physiologischen Mechanismen: Eigentlich hatten die Wissenschaftler erwartet, dass Acetazolamid den während des REM-Schlafs typischen Einbruch des Atemantriebs abschwächen würde. Genau dies trat jedoch nicht ein. Trotz der klinischen Verbesserung blieb der ventilatorische Antrieb praktisch unverändert. Weder bei niedrigen noch bei mittleren oder hohen Aktivierungsniveaus fanden sich relevante Unterschiede gegenüber Placebo. Damit wurde die ursprüngliche Hypothese widerlegt.
Stattdessen zeigte sich ein anderer Effekt: Acetazolamid verringerte die Kollapsneigung der oberen Atemwege und verbesserte deren funktionelle Stabilität deutlich. Gleichzeitig nahm die Reaktionsfähigkeit des Musculus genioglossus auf Atemreize zu. Vereinfacht gesagt konnten die oberen Atemwege unter Acetazolamid besser offen gehalten werden, obwohl der eigentliche Atemantrieb nicht zunahm. Die Verbesserungen waren vor allem im tonischen REM-Schlaf stark ausgeprägt. Im phasischen REM-Schlaf, der durch schnelle Augenbewegungen und besonders starke Muskelerschlaffung gekennzeichnet ist, fielen die Effekte schwächer aus. Dennoch konnte auch dort die Ventilation verbessert werden.
Die Autoren vermuten, dass Acetazolamid möglicherweise die Aktivität der oberen Atemwegsmuskulatur selektiv fördert oder den Atemwegswiderstand auf andere Weise reduziert. Der genaue Mechanismus muss noch untersucht werden.
Welchen Mehrwert hat die Studie? Zum einen bestätigt sie, dass Acetazolamid die Schwere einer REM-dominierten Schlafapnoe wirksam verringern kann. Zum anderen deutet sie darauf hin, dass der Effekt nicht auf einer Stabilisierung des zentralen Atemantriebs beruht, sondern vor allem auf einer Verbesserung der Funktion der oberen Atemwege.
Sollten größere Studien die Ergebnisse bestätigen, könnten sich daraus neue, auf die individuellen Krankheitsmechanismen abgestimmte Therapieansätze ergeben. Denkbar wären Behandlungen, die sowohl den Atemantrieb als auch die Stabilität der oberen Atemwege beeinflussen. Vor allem für Patienten mit REM-dominanter OSA, die eine CPAP-Therapie nicht ausreichend tolerieren oder ablehnen, könnten solche maßgeschneiderten Strategien künftig eine wichtige Alternative darstellen.
Quelle
Messineo et al.: Acetazolamide to prevent ventilatory drive withdrawal in REM sleep apnoea: A randomised controlled trial. Thorax, 2026. doi: 10.1136/thorax-2025-223922.
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