Es ist eine dieser Nächte, die einem keiner glaubt: 3 Pflegekräfte für 16 Intensivpatienten. Und die Leitung kommentiert nur das Chaos auf Station. Soll ich mich ernsthaft fürs Lebenretten rechtfertigen?
Ein Text von Christian Fuchs
Man glaubt es nicht, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Es war eine dieser Nächte. Ich wachte auf, lange bevor der Wecker klingelte. Irgendetwas fühlte sich falsch an. Eine innere Unruhe. Als würde mein Körper schon wissen, was kommt. Die Nacht davor war die Hölle gewesen. Nur gerannt. Nur funktioniert. Als ich zur Nachtschicht auf die Intensivstation kam, sah ich es sofort im Gesicht des Spätdienstes. Diese Stille. Diese Müdigkeit. Dieser Blick, der mehr sagt als tausend Worte. Da wusste ich: Das wird beschissen.
Übergabe. 16 schwerkranke Patienten. Und wir? Zu dritt. „Was ist passiert?“, fragte jemand. Drei Krankmeldungen. Gleichzeitig. Kurz vor Dienstbeginn. Man konnte es niemandem übelnehmen. Die Nächte davor waren kaum besser gewesen. Jeder von uns war längst über der Belastungsgrenze.
Wir gingen jede Möglichkeit durch. PDL? Nicht erreichbar. Kollegen anrufen? Wurde versucht. Niemand konnte kommen. Verlegungen? Ärztlich nicht gewünscht. Dann kam die Anweisung von der Geschäftsführung: Macht eine Notversorgung. Triage. Zu dritt. Für 16 schwerkranke Intensivpatienten.
Sportlich, würde man zynisch sagen.
Zum Glück hatte der Spätdienst noch vieles vorbereitet. Medikamente gestellt, Materialien bereitgelegt. Sie wussten wohl auch schon, wie diese Nacht enden würde. Und dann begann das Rennen. Wir liefen. Ohne Pause, ohne Essen, ohne Trinken. Monitoralarme. Infusionen. Beatmung. Reanimation. Wir versorgten, stabilisierten, kämpften – und hofften einfach nur, dass in dieser Nacht niemand stirbt. Minuten wurden zu Stunden. Schritte zu Kilometern. Als der Frühdienst kam, waren wir nur noch Schatten unserer selbst. Erschöpft. Leer. Am Ende. Die Station sah aus wie ein Schlachtfeld. Überall Material, leere Ampullen, offene Verpackungen. Zum Aufräumen war keine Zeit gewesen. Denn in dieser Nacht ging es um etwas anderes. Um Leben.
Dann betrat die Stationsleitung die Intensivstation. Und plötzlich hallte lautes Gebrüll durch den Flur: „Wie sieht es denn hier aus?!“ Wir versuchten, zu erklären, was passiert war. Wie diese Nacht wirklich gewesen war. Doch niemand wollte es hören. Kein Interesse. Kein Verständnis. Am Ende fiel nur ein Satz: „Ihr seid selbst schuld, das ist Organisationsverschulden.“
Und in diesem Moment wurde uns klar: Manchmal kämpfst du die ganze Nacht um Menschenleben … und am Morgen musst du dich dafür rechtfertigen, dass du es getan hast.
An alle Pflegekräfte da draußen: Ihr seid nicht das Problem dieses Systems. Ihr seid der Grund, warum es überhaupt noch funktioniert. Und vielleicht ist es Zeit, dass endlich jemand zuhört. Für uns. Für die Patienten. Für eine Pflege mit Würde.
Den Beitrag von Christian Fuchs, Fachkrankenpfleger für Intensivpflege und Anästhesie, findet ihr auch hier.Bildquelle: Midjourney