Wo früher Ratlosigkeit herrschte, therapieren wir jetzt mit JAK-Inhibitoren. Trotzdem fragt jeder zweite Patient nach Biotin. Was sich bei der Alopecia areata wirklich verändert hat – und was weiterhin Wunschdenken bleibt.
Die Alopecia areata (AA) hat in den vergangenen Jahren einen bemerkenswerten Wandel erlebt – weg vom therapeutischen Nihilismus, hin zu gezielten immunmodulatorischen Strategien. Während wir noch 2023 vor allem über erste Studiendaten und neue Wirkstoffkandidaten diskutierten, stehen heute mehrere zugelassene JAK-Inhibitoren zur Verfügung. Gleichzeitig liefert die aktuelle S3-Leitlinie eine evidenzbasierte Orientierung für Diagnostik und Therapie.
Für mich als niedergelassene Dermatologin ist das die eigentliche Neuerung: Nicht nur die therapeutischen Möglichkeiten haben zugenommen, sondern auch die Sicherheit, mit der wir Patienten beraten und behandeln können.
Die AA ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das immunologische Privileg des Haarfollikels verloren geht. T-Zellen greifen die Haarmatrix an, vermittelt über Interferon-γ und IL-15. Die beteiligte JAK-STAT-Signalkaskade liefert die biologische Grundlage für den Einsatz von JAK-Inhibitoren. Neuere Daten zeigen darüber hinaus, dass neben der klassischen Th1/IFN-Achse weitere Mediatoren wie IL-9, IL-23 und IL-32 an der Pathogenese beteiligt sein könnten.
Die AA kann in jedem Lebensalter auftreten und zeichnet sich durch einen oft unvorhersehbaren Verlauf aus. Typisch sind scharf begrenzte, nicht vernarbende Alopezieherde, die sich innerhalb weniger Wochen ausbreiten können. Das Spektrum reicht von der klassischen Alopecia areata circumscripta über die Alopecia totalis bis hin zur Alopecia universalis. Häufige Rezidive sind charakteristisch. Prognostisch ungünstig sind ein früher Erkrankungsbeginn, lange Krankheitsdauer, ausgedehnter Haarverlust, Nagelbeteiligung sowie begleitende atopische Erkrankungen. Spontanremissionen kommen insbesondere bei begrenzten Verläufen vor, bei Alopecia totalis oder universalis dagegen deutlich seltener.
Die Diagnose lässt sich meist klinisch stellen. Typisch sind sogenannte Ausrufezeichenhaare am Rand aktiver Herde. Trichoskopisch finden sich häufig „yellow dots“, „black dots“ oder dystrophe Haare. Eine Kopfhautbiopsie ist nur in unklaren Fällen erforderlich. Da AA gehäuft mit Autoimmunerkrankungen und Atopie assoziiert ist, sollte die Anamnese gezielt darauf eingehen. Besonders relevant sind Schilddrüsenerkrankungen, atopische Erkrankungen und Diabetes mellitus Typ 1. Die aktuelle Leitlinie empfiehlt jedoch keine umfangreiche Labordiagnostik ohne klinischen Verdacht.
Die aktuelle S3-Leitlinie strukturiert das Vorgehen konsequent nach Schweregrad.
Bei einem Haarverlust von weniger als 50 % bleiben hochpotente topische Kortikosteroide sowie intraläsionale Kortikosteroidinjektionen die Therapie der ersten Wahl. Topisches Minoxidil kann unterstützend eingesetzt werden. Wichtig: „Watch and Wait“ ist bei einzelnen, kurz bestehenden Herden eine legitime Option. Gerade bei Kindern und bei begrenzter Erkrankung sind Spontanremissionen keine Seltenheit.
Hier hat sich die Therapielandschaft grundlegend verändert. Während früher systemische Kortikosteroide oder Off-Label-Therapien mit Methotrexat, Azathioprin oder Ciclosporin eingesetzt wurden, stehen heute erstmals zugelassene zielgerichtete Therapien zur Verfügung.
Wirkstoff
Zulassung
Baricitinib (Olumiant®)
FDA 2022, EMA 2022
Ritlecitinib (Litfulo®)
FDA 2023, EMA 2023
Deuruxolitinib (Leqselvi®)
FDA 2024, MHRA 2026
Die Erwartungen an diese Therapien sollten dennoch realistisch bleiben. In den Zulassungsstudien erreichten etwa 30–40 % der Patienten mit schwerer AA innerhalb von sechs Monaten einen SALT-Score ≤ 20 und damit eine Kopfbehaarung von mindestens 80 %. JAK-Inhibitoren sind damit ein echter Fortschritt, aber kein Allheilmittel.
Vor Therapiebeginn sollten ein Screening auf Tuberkulose und Hepatitis, die Kontrolle des Impfstatus sowie Basislaboruntersuchungen erfolgen.
Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählen:
Besondere Vorsicht ist bei Patienten mit kardiovaskulären Risikofaktoren oder malignen Vorerkrankungen, bei Patienten über 65 sowie bei Rauchern und Schwangeren geboten. Regelmäßige Laborkontrollen bleiben obligat.
Kaum ein Thema begegnet uns in der Sprechstunde häufiger als die Frage nach Nahrungsergänzungsmitteln. Unter den Patienten kursieren so einige Mythen. Die Antwort der Leitlinie fällt eindeutig aus: Für Biotin, Zink oder Vitamin D ohne nachgewiesenen Mangel existiert keine belastbare Evidenz für einen klinisch relevanten Nutzen bei Alopecia areata. Auch für Akupunktur, Aromatherapie oder andere alternativmedizinische Verfahren fehlen überzeugende Daten. Die hohe Rate spontaner Remissionen erklärt vermutlich, warum zahlreiche alternative Behandlungskonzepte subjektiv als wirksam wahrgenommen werden. Die vermeintlichen Erfolge solcher Verfahren sind häufig eher den natürlichen Schwankungen der Erkrankung als einem tatsächlichen Therapieeffekt zuzuschreiben.
Die Leitlinie formuliert deshalb einen wichtigen Grundsatz: Keine Therapie ohne Evidenz. Gerade bei einer Erkrankung mit hoher emotionaler Belastung sollten wir Patienten vor kostspieligen und wissenschaftlich nicht belegten Maßnahmen schützen.
AA ist medizinisch zwar meist mild, für viele Betroffene jedoch hoch belastend. Angststörungen, depressive Symptome und sozialer Rückzug treten deutlich häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Die neue Leitlinie betont daher ausdrücklich die Bedeutung psychosozialer Unterstützung. Dazu gehören das aktive Ansprechen psychischer Belastungen, die Vermittlung psychologischer Hilfe, die Beratung zu Perücken und Camouflage-Techniken sowie eine gemeinsame Festlegung realistischer Therapieziele.
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Bildquelle: Theresa Brand, Unsplash