HINGESCHAUT | Quartalsbeginn heißt für Pflegeheimmitarbeiter Karten sammeln, einlesen und zurückbringen. Zeit, die eigentlich an anderer Stelle benötigt wird – Fachkräftemangel sei Dank. Wie kann das sein?
Im Rahmen unserer Aktion „Mach gesund, was dich gesund macht“ sammeln wir konkrete Kritik an Missständen im Gesundheitssystem. Zum Thema Bürokratie und Telematikinfrastruktur erreichten uns kritische Rückmeldungen aus der Community – wir haben hingeschaut.
Die Botschaft aus der Community ist klar: Pflegeeinrichtungen sollten von der quartalsmäßigen Pflicht zum Einlesen der elektronischen Gesundheitskarte befreit werden. Denn die Bewohner können das meist nicht selbst – also sammeln Mitarbeitende die Karten ein, fahren in eine TI-angebundene Arztpraxis und stecken stundenlang Karten ins Lesegerät. Arbeitszeit, die in der Pflege dringend woanders gebraucht wird.
Wir wenden uns an die Gematik: Ist das Problem bekannt? Was ist geplant? Die Antwort kommt schnell. Ja, das Ausmaß sei bekannt. Aber: Die Quartalspflicht liegt nicht bei der Gematik, sie ist gesetzlich in § 291a SGB V verankert. Als Lösung wird die Digitale GesundheitsID ins Spiel gebracht – eine Smartphone-App, die ab 2027 freiwillig die eGK ersetzen soll. Und die Zahlen zur TI-Anbindung klingen vielversprechend: 83 % der Pflegeheime hätten die Zugangskarte bereits beantragt. 83 %? Das deckt sich nicht mit dem, was wir aus euren Kommentaren und Beiträgen kennen. Wir haken nach. Außerdem stellen wir die naheliegende Frage: Wie soll eine Smartphone-Lösung in der Pflege funktionieren? Wer nicht in der Lage ist, seine eGK selbst zum Arzt zu bringen und diese zu stecken, hat vermutlich auch Schwierigkeiten damit, eine digitale Identität einzurichten. Wer übernimmt das – und wie sieht der Roll-out aus?
Diesmal dauert es. Nach 14 Tagen ohne Antwort haken wir nach – und werden nochmal 2 Wochen vertröstet. Parallel dazu postet die Gematik auf LinkedIn fleißig über ePA und digitale Services als Lösung aller Bürokratieprobleme. Wir kommentieren, wollen die Sichtbarkeit nutzen. Eine halbe Stunde später landet die Antwort in unserem Postfach.
Und die hat es in sich: Hinter den 83 % steckt eine deutlich nüchternere Realität. 60 % der Pflegeheime sind im Verzeichnisdienst der TI eingetragen. Nur 40 % haben eine KIM-Adresse – und sind damit überhaupt vollständig angebunden. Der Weg dorthin dauert im Schnitt drei Monate, manchmal über ein Jahr. Häufige Hürden: fehlende Angaben im Antrag, mangelnde Verfügbarkeit von IT-Dienstleistern. Und zum Roll-out der GesundheitsID in der Pflege? Gibt es noch keinen Plan.
Die Gematik kann das Gesetz nicht ändern – das ist fair. Aber einige Fragen bleiben offen:
60 % der Pflegeheime sind nicht vollständig an die TI angebunden. Der Fachkräftemangel ist allgegenwärtig – und trotzdem frisst das Kartenkarussell weiter Arbeitszeit. Bürokratie statt Fürsorge.
Ein Gedanke, der uns dabei nicht loslässt: Lösungen, die für Menschen mit Einschränkungen entwickelt werden, machen am Ende das Leben aller leichter – Bordsteinabsenkungen für Rollstuhlfahrer wurden zum Standard für Kinderwagen und Rollkoffer. Sprachassistenten, rutschfeste Böden, die Zoom-Funktion auf dem Handy – alles Accessibility-Innovationen, die längst im Alltag angekommen sind. Diesen Effekt könnte man proaktiv nutzen: Wer Pflege konsequent mitdenkt, entwickelt bessere Lösungen – für alle.
Wir beobachten, wie sich die TI-Anbindung entwickelt und haken weiter nach. Damit wir genug Wucht entwickeln, brauchen wir eure Hilfe:
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Bildquelle: Midjourney