Die ambulante Versorgung steht unter Druck, der Frust wächst. Am 10. Juni sollen Praxisschließungen ein Signal gegen das GKV-Sparpaket setzen. Doch so eindeutig ist die Stimmungslage nicht – das zeigen eure Antworten auf unsere Umfrage.
Morgen ist es soweit: Einerseits beginnt die zweitägige Gesundheitsministerkonferenz in Hannover, gleichzeitig wollen Praxen als Protest gegen die Umsetzung des GKV-Sparpakets ihre Türen geschlossen halten. Wir haben euch letzte Woche gefragt, ob ihr dabei seid und was ihr von der Aktion haltet. Hier kommen die Ergebnisse unserer Umfrage.
Die Umfrage wurde von 102 Personen abgeschlossen; mit 62,7 % hat eine deutliche Mehrheit von der Aktion gehört. Einige planen auch, an dem Protest in Form von Praxisschließungen teilzunehmen. Von den 76 Personen, die die Frage beantworteten, arbeiten 38,2 % in einer Praxis, die geschlossen bleiben wird. Bei 28,9 % wird die Praxis nicht schließen, und 32,9 % sind nicht in einer Praxis tätig. Das bedeutet, dass ein erheblicher Teil der Befragten tatsächlich an der Protestaktion teilnehmen wird.
Gründe für eine Protestaktion vonseiten der ambulanten Versorgung gibt es viele. Morgen bleiben also bei einigen Praxen die Türen – zumindest für Patienten – geschlossen. Dass die Praxisschließung für die Entscheider zunächst keinen konkreten Nachteil mit sich bringt, sorgt bei einigen jedoch für Missbilligung. So hält ein Teilnehmer die Aktion für sinnlos: „[...] die Patienten stehen am nächsten Tag auf der Matte, die Politik beeindruckt man damit sicher nicht“. Ein anderer schreibt: „Es ärgert eigentlich nur die Patienten, aber führt einigen vielleicht auch mal die Probleme vor Augen“. Ein weiterer Teilnehmer hält die Aktion für richtig, sieht jedoch den Unmut der Patienten und die zusätzliche Arbeit, die an einem anderen Tag nachgeholt werden muss: „[...] die Patienten müssen verschoben werden, das heißt wann anders muss es wieder reingearbeitet werden und die Patienten zeigen wenig Verständnis“.
Wortwolke mit Antworten auf die Frage: Was hältst du von Praxisschließungen als Protestmittel?
Über die Hälfte der Befragten hält die Praxisschließungen für richtig oder gut. 14 % äußern sich neutral oder ambivalent, 26 % lehnen die Aktion ab. Das häufigste Gegenargument ist dabei keine grundsätzliche Ablehnung des Protests, sondern die Skepsis, ob er politisch genügend Wirkung entfaltet. So ist er für den einen „ein Tropfen auf den heißen Stein“ und für den anderen trägt er „mit 1 Tag Dauer [...] eher symbolische[n] Charakter“. Verbunden ist dieses Empfinden mit der Sorge, dass die Aktion am Ende keine Veränderungen in der Politik bewirkt. Das zeigt auch diese Antwort: „Effektiv würde ich massenhaften Parteiaustritt von Ärzten aus der Partei der Gesundheitsministerin halten. Praxisschließungen hatten wir in [der] Vergangenheit und [die] haben nie etwas gebracht.“
Doch auch für die Teilnehmer, die den Protest befürworten, gibt es klare Argumente. Für die einen liegt der Vergleich mit anderen Berufsgruppen nahe und der Protest ist die „konsequente Antwort, welche andere Berufsgruppe lässt sich Lohnkürzungen in diesem Umfang gefallen? Würde gern im ähnlichen Setting die Reaktionen von z. B. Bahn, Müllabfuhr, ... sehen wollen“. Andere betonen, wie wichtig es sei, „ein Zeichen zu setzen, dass diese Sparreform auf dem Rücken der ambulanten Medizin ausgetragen wird“. Wieder andere erhoffen sich mehr Aufmerksamkeit für das Thema und wünschen sich, dass „dieses Mittel verstanden“ wird. Es ist allerdings auch auffällig, dass viele Pro-Stimmen nicht euphorisch, sondern resignativ-pragmatisch sind. Es ist weniger ein „das ist eine gute Idee“ als ein „es gibt keine bessere“ und ein „was bleibt uns denn anderes übrig“.
Vielleicht gerade weil es „5 nach 12“ ist, sollte der Protest nicht zu sehr zerredet, sondern einfach umgesetzt werden. Für manche Teilnehmer der Umfrage bleibt die Hoffnung, dass sich politisch zumindest etwas unter den Kollegen und Wählern tut: „So lange die Versorgung kritischer Patienten gewährleistet werden kann, absolut richtig. Vielleicht verstehen dann auch [die] letzten Hardliner-CDU-Wähler, dass es nicht so weitergehen kann.“ Auf die Frage, wie die Teilnahme an der Protestaktion eingeschätzt wird, antworteten 48 % mit der mittleren Antwortoption. Immerhin 13,3 % gehen davon aus, dass die Beteiligung mit einer Bewertung von 5 hoch ausfallen könnte.
Wir werden zwar nicht die Praxisschließungen begleiten, dafür aber den ver.di-Protest zur Gesundheitsministerkonferenz morgen in Hannover und eure Stimmen vor Ort einfangen.
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