Kein Labortest zeigt es, kein Röntgenbild bestätigt es – der Patient spürt es trotzdem: Long COVID. Doch wie belegt man ein Krankheitsbild, das im Labor unauffällig ist, und was steckt hinter Brain Fog, Angst und Erschöpfung?
Seit dem Ende des internationalen COVID-19-Gesundheitsnotstands im Mai 2023 sind gut 3 Jahre vergangen, doch die Spätfolgen belasten viele der Betroffenen weiterhin. Dabei sind die Langzeitsymptome nicht bloß körperlicher Art. Es sind vor allem auch stark belastende psychische Symptome, die oft schlimmer sind, als die körperlichen Einschränkungen. Eine aktuelle Studie hat nun diese neuropsychiatrischen Symptome genauer untersucht und dabei Erstaunliches festgestellt.
Im Jahr 2019 trat COVID-19, eine durch das Coronavirus SARS-CoV-2 ausgelöste Infektionskrankheit, erstmals auf. Die Erkrankung breitete sich rasch weltweit aus und führte zu einer Pandemie. Aufgrund seiner hauptsächlichen Wirkung auf das respiratorische System traten Symptome von leichtem Fieber und Husten bis hin zu schwerer Pneumonie und einem akuten Atemnotsyndrom auf. Nach mehr als 3 Jahren erklärte die WHO am 05. Mai 2023 den internationalen Gesundheitsnotstand für offiziell beendet. Nach schätzungsweise 20 Millionen Toten weltweit, konnte damit aber nicht wirklich aufgeatmet werden – es folgte Long COVID.
Als Long COVID wird allgemein das Fortbestehen von Symptomen über mindestens 3 Monate nach einer akuten COVID-19-Erkrankung definiert. Dabei kann Long COVID mehrere Organsysteme betreffen und infolge von Organschäden auch zu schweren und langanhaltenden Funktionseinschränkungen führen. Die Symptome reichen hierbei von Geruchsstörungen, Schwindel und Atembeschwerden bis hin zu Angst, Schlafstörungen und Gedächtnisproblemen.
Häufig wird in einem Atemzug mit Long COVID auch ME/CFS genannt. Dabei ist die Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom ein eigenständiges Krankheitsbild, das oft nach Infektionen auftreten kann, aber nicht zwingend nach SARS-CoV-2 auftreten muss. Typisch für ME/CFS können eine schwere Fatigue, kognitive Dysfunktion (sogenannter Brain Fog), Schlafstörungen oder auch Schmerzen sein. Long COVID und ME/CFS sind daher nicht identisch, überlappen sich im berichteten Beschwerdebild aber häufig (hier und hier).
Die heute am häufigsten verwendeten Diagnosekriterien werden vom National Institute for Health and Care excellence (NICE) und den Kanadischen Konsenskriterien (CCC) beschrieben. Ausgangskriterium ist eine vorausgegangene SARS-CoV-2-Infektion.
Beschwerdebeginn ab mehr als 12 Wochen nach SARS-CoV-2-Infektion (nach NICE). Symptome müssen mindestens 2 Monate anhalten und nicht durch eine andere Diagnose erklärt werden können (nach WHO).
Die Beschwerden können aus der akuten Infektion persistieren, nach anfänglicher Besserung neu auftreten oder im Verlauf fluktuieren und rezidivieren.
Post-Exertional Malaise (PEM)Typische Verschlechterung 12 bis 48 Stunden nach Belastung mit einer Dauer über Tage oder Wochen (nach CCC).
Ausschluss anderer UrsachenDie Beschwerden dürfen nicht besser durch andere Diagnosen erklärt werden, etwa Anämie, Schilddrüsenerkrankungen, kardiale oder pulmonale Erkrankungen, Schlafstörungen, Autoimmunerkrankungen, neurologische Erkrankungen, Medikamentennebenwirkungen oder primär psychiatrische Störungen.
Die heute am häufigsten verwendeten Diagnosekriterien werden vom National Institute for Health and Care excellence (NICE) und den Kanadischen Konsenskriterien (CCC) beschrieben. Hier sind auszugsweise die Symptome, die auf ein ME/CFS hindeuten können, aufgeführt.
Deutliche FunktionseinschränkungRelevante Reduktion des früheren beruflichen, schulischen, sozialen oder persönlichen Aktivitätsniveaus ab 3 Monaten Symptomdauer.
FatigueNeu aufgetretene, anhaltende oder wiederkehrende Fatigue, die nicht Folge anhaltender Überlastung ist, durch Ruhe nicht wesentlich besser wird und durch Aktivität deutlich verschlechtert werden kann.
Post-Exertional Malaise (PEM)Verzögerte und unverhältnismäßige Symptomverschlechterung nach körperlicher, kognitiver, emotionaler oder orthostatischer Belastung, oft mit Erholungszeiten über Stunden, Tage oder Wochen; PEM gilt als zentrales diagnostisches Merkmal von ME/CFS.
Ausschluss anderer UrsachenDie Beschwerden dürfen nicht besser durch andere Erkrankungen erklärt werden, etwa unbehandelte Schilddrüsenerkrankungen, Anämie, Schlafapnoe, entzündliche, neurologische, kardiale, pulmonale, endokrine oder primär psychiatrische Erkrankunge
Die eingangs genannte Studie ist eine Übersichtsarbeit zu den verschiedenen Symptomen bei Long COVID. Es wurden 271 Publikationen aus den Jahren 2020 bis 2024 ausgewertet, in denen Beschwerden nach einer COVID-19-Infektion langfristig beschrieben wurden. Es zeigte sich, dass Long COVID dabei nicht nur Lunge oder Herz betrifft, sondern sehr häufig auch die Psyche. Beschrieben werden unter anderem Brain Fog, Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen, Angst, Depression, Reizbarkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, sowie selten auch psychotische Symptome. Das Paper diskutiert mögliche Ursachen der Symptomatik:
Darüber hinaus können bei den Erkrankten auch die psychosozialen Faktoren, wie die anhaltende Krankheitsunsicherheit, soziale Isolation und der erlebte Funktionsverlust symptomverstärkend wirken. Insgesamt spricht also vieles dafür, dass die von den Long-COVID-Patienten erlebten neuropsychiatrischen Beschwerden (wie Brain Fog, Fatigue oder Angst) aus einer komplexen Wechselwirkung zwischen Körper, Gehirn und Immunsystem entstehen.
Viele Betroffene sind nach der akuten Infektion körperlich zwar „über den Berg“, fühlen sich aber im Alltag nicht wiederhergestellt. Sie können sich schlechter konzentrieren, sind schneller erschöpft und entwickeln Angstsymptome. Diese Beschwerden können Arbeit, Studium und soziale Kontakte stark beeinträchtigen und die Lebensqualität erheblich vermindern.
Die Betroffenen kommen oft mit massiver Fatigue, Belastungsintoleranz und Schmerzen in die Praxis und bringen gleichzeitig ein unauffälliges Routinelabor mit. Bisher gibt es auch keinen Labortest für die neuropsychiatrischen Manifestationen von Long COVID. Das macht die Beschwerden der Patienten aber nicht weniger real. Es macht sie nur schwerer zu behandeln. Die Diagnostik beruht daher weiterhin auf sorgfältiger Anamnese, Symptomverlauf und Ausschluss anderer Ursachen.
Im Umgang mit Long-COVID-Patienten beginnt die Behandlung nicht mit dem nächsten Laborwert, sondern mit einem Satz, der in der Praxis erstaunlich therapeutisch sein kann: „Ich glaube Ihnen, dass Sie eingeschränkt sind.“ Brain Fog braucht keine moralischen Appelle, sondern Kompensationsstrategien. Eine Reizreduktion und klare Tagesstrukturen sind oft hilfreicher als die Aufforderung, sich „einfach besser zu konzentrieren“.
Vielleicht sollten wir uns als Behandler bei Long COVID-Patienten auch öfter fragen: Was ist Ihr schlimmstes Symptom? Nicht das Spektakulärste und nicht das am besten Messbarste. Sondern das, was Ihnen Ihre Lebensqualität am meisten wegnimmt? Denn manchmal ist es nicht der Geruchssinn. Manchmal ist es der Kopf.
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