Die globale Prävalenz für Multimorbidität bei Älteren beträgt 46 %.1 Das heißt, dass fast jeder zweite ältere Mensch mehr als eine chronische Erkrankung hat und damit einher geht auch eine höhere Wahrscheinlichkeit für Polypharmazie.2,3
Die Kombination aus mehreren chronischen Erkrankungen und Medikamenten ist assoziiert mit einem höheren Risiko für unerwünschte Nebenwirkungen, Wechselwirkungen, Stürzen und auch einer Unterversorgung mit Mikronährstoffen.2 Dieser Mangel kann sich über Monate aber auch Jahre hinweg entwickeln und lange unerkannt bleiben. Die Medikamente, bei denen es zu einem Mikronährstoffmangel kommen kann, sind dabei keine seltenen Medikamente, sondern oft gängige und häufig eingesetzte Arzneimittel.
So zeigen sich etwa unter kardiovaskulärer Medikation vor allem Defizite bei Vitamin B12 und Magnesium.2 Statine können wiederum negativ auf den Coenzym-Q10-Stoffwechsel wirken.2 Zusätzlich zeigen sich auch additive Effekte: Es gibt Hinweise darauf, dass das Risiko für beispielweise einen Magnesiummangel bei gleichzeitigem Einsatz von Protonpumpeninhibitoren und Diuretika weiter steigt.2
Bei Polypharmazie kann sich daher ein genauerer Blick auf die Mikronährstoff-Versorgung Ihrer Patienten lohnen. Im Weiteren haben wir einen genaueren Blick auf die meistverschriebenen Medikamente4 und die damit verbundenen möglichen Mikronährstoffmängel geworfen:
Der Arzneimittelverordnungsreport 2025 liefert unter anderem einen Überblick über die am häufigsten verschriebenen Medikamente.4
Zu den gängigen Medikamenten mit Einfluss auf den Mikronährstoffstatus zählen:
Wirkstoffe wie Pantoprazol und Omeprazol sind bei gastroösophagealer Refluxkrankheit, Ulkustherapie und Dyspepsie etabliert, beeinträchtigen jedoch die Resorption mehrerer Mikronährstoffe.7 Vitamin B12 wird durch Magensäure aus Nahrungsproteinen freigesetzt. Fällt diese weg, sinkt die Verfügbarkeit.7 Nicht-Häm-Eisen benötigt ein saures Milieu für die Reduktion von Fe³⁺ zu Fe²⁺; Calcium und Magnesium weisen eine pH-abhängige Löslichkeit auf.7,8 Auch die intestinale Vitamin-C-Absorption ist pH-sensitiv.9 Bei Langzeittherapie summieren sich diese Effekte klinisch relevant.10
Glukokortikoide senken die intestinale Calciumresorption, erhöhen die renale Calciumausscheidung und hemmen direkt die Osteoblastenaktivität.11 Parallel beeinträchtigen sie den Metabolismus und die peripheren Effekte von Vitamin D, was die Calciumverwertung zusätzlich beeinträchtigt.12 Eine glukokortikoid-induzierte Osteoporose zählt zu den häufigsten Formen der sekundären Osteoporose und ist ein bekanntes, dosisabhängiges Risiko der Langzeittherapie.11 Die Supplementierung mit Calcium und Vitamin D sollte bei entsprechender Therapiedauer standardmäßig mitgedacht werden.11
Unter Metformin-Therapie ist ein Vitamin-B12-Mangel ein in der Praxis unterschätztes Risiko. Grund dafür ist wahrscheinlich, dass Metformin die calciumabhängige Bindung des Intrinsic-Factor-B12-Komplexes an ileale Rezeptoren hemmt und so die Vitamin-B12-Resorption reduziert.13 Eine Meta-Analyse zeigt: die Gabe von Metformin ist mit einem knapp dreifach erhöhten Risiko für einen Vitamin‑B12‑Mangel assoziiert.14 Klinisch relevant ist dabei, dass ein Mangel eine periphere Neuropathie verursachen kann14 – ein Befund, der leicht als diabetische Neuropathie fehlinterpretiert wird. Regelmäßige Kontrollen des Vitamin-B12-Status und eine gezielte Supplementierung bei Langzeittherapie sind daher klinisch sinnvoll.15
Die in diesem Beitrag besprochenen Medikamente gehören zu den meistverordneten Wirkstoffen überhaupt – und genau das macht das Thema so klinisch relevant. Mikronährstoffdepletion unter Dauermedikation ist kein Randphänomen, sondern ein systematisches Risiko, das sich schleichend entwickelt und lange unerkannt bleiben kann.
Besonders im Blick behalten sollten Sie dabei Ihre Patienten unter Langzeittherapie, ältere Menschen mit Multimorbidität sowie Patienten unter Polypharmazie.
Der erste Schritt ist Bewusstsein: Wer die Interaktionspotenziale kennt, kann gezielt hinschauen – durch anamnestische Einschätzung, durch Laborkontrollen, wo sinnvoll, und durch eine proaktive Supplementierungsstrategie dort, wo der Bedarf belegt ist. Mikronährstoffversorgung ist kein Zusatz zur Therapie – sie ist Teil davon.
Referenzen: