Bengal- oder doch Hauskatze? Die Abstammungsfrage war nur der Anfang – denn DNA-Tests können inzwischen viel mehr. Was ich im Selbstversuch über Nierenzysten, Herzerkrankungen und Medikamentenrisiken meines Katers erfahren habe.
Wer einen Hund besitzt, kennt DNA-Tests vielleicht bereits aus der Werbung. Bei Katzen sind solche Untersuchungen bislang deutlich weniger verbreitet. Doch auch hier wächst das Interesse. In sozialen Medien berichten immer mehr Tierhalter von genetischen Analysen ihrer Vierbeiner und präsentieren überraschende Ergebnisse zu Abstammung, Gesundheitsrisiken oder besonderen Eigenschaften. Doch was können diese Tests tatsächlich leisten – und welchen praktischen Nutzen haben sie?
Genau diese Frage hat mich dazu bewogen, das Erbgut meines Katers Cinnamon analysieren zu lassen (Kosten: ca. 150 Euro). Das Ergebnis fiel deutlich umfangreicher aus, als ich erwartet hatte. Statt eines einfachen Rassetests erhielt ich einen mehr als 30 Seiten umfassenden genetischen Bericht mit Informationen zur Abstammung, Blutgruppe, Medikamentenverträglichkeit, Fellbeschaffenheit und zahlreichen erblich bedingten Erkrankungen. Grundlage war eine Analyse von mehr als 350 genetischen Varianten, über 70 bekannten Krankheitsmutationen sowie zahlreichen Merkmalen, die Aussehen und Verhalten beeinflussen können.
Der Test selbst ist unkompliziert. Mithilfe eines Wattestäbchens wurde ein Abstrich aus der Mundschleimhaut entnommen. Kater Cinnamon lässt den Abstrich über sich ergehen. Credit: Michael van den HeuvelAus den dabei gewonnenen Zellen isolierte das Labor die DNA und analysierte sie anschließend auf bekannte genetische Merkmale. Nach knapp sieben Wochen lagen die Ergebnisse vor – etwas länger als erwartet. Im Prinzip funktioniert die Methode ähnlich wie genetische Tests beim Menschen. Wissenschaftler suchen gezielt nach bekannten Veränderungen einzelner Gene, die mit bestimmten Krankheiten, körperlichen Merkmalen oder typischen Eigenschaften einzelner Katzenrassen in Verbindung stehen.
Natürlich kann und soll ein solcher Test keine tierärztliche Untersuchung ersetzen. Auch der Bericht weist ausdrücklich darauf hin, dass genetische Analysen lediglich Wahrscheinlichkeiten liefern. Eine Katze kann trotz unauffälliger Gene erkranken, während genetische Risikovarianten nicht zwangsläufig zu Symptomen führen müssen. Ob eine Krankheit tatsächlich auftritt, hängt immer vom Zusammenspiel zwischen genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren ab.
Besonders gespannt war ich auf die Abstammungsanalyse. Das Ergebnis zeigt, anders als von mir erwartet, dass Cinnamon genetisch vollständig der sogenannten Horizon-Gruppe zugeordnet wird:Screenshot: Michael van den Heuvel
Innerhalb dieser Gruppe weist sein Erbgut die größte Ähnlichkeit mit dem Referenzprofil von Bengalkatzen auf. Die Übereinstimmung lag bei 91 Prozent, die übrigen neun Prozent entfielen auf andere Katzenrassen derselben Abstammungsgruppe. Das bedeutet allerdings nicht, dass Cinnamon zu 91 Prozent eine Bengalkatze ist. Vielmehr ähnelt sein genetisches Profil den in der Datenbank hinterlegten Bengalkatzen-Profilen stärker als denen anderer Rassen.
Anders als bei Hunden ist die Zuordnung zu bestimmten Rassen genetisch deutlich schwieriger. Das liegt unter anderem daran, dass die meisten Katzen weltweit keine klassischen Rassekatzen sind. Schätzungen zufolge gehören rund 95 Prozent der Katzen keiner definierten Zuchtrasse an, sondern stammen aus einer vielfältigen Population von Hauskatzen mit gemischtem genetischem Hintergrund.
Hinzu kommt, dass viele heute bekannte Katzenrassen vergleichsweise jung sind und erst in den vergangenen Jahrzehnten durch gezielte Zuchtprogramme entstanden. Die genetischen Unterschiede zwischen einzelnen Rassen sind daher häufig weniger ausgeprägt als bei Hunden, deren Zuchtgeschichte teilweise mehrere Jahrhunderte zurückreicht. Zudem basiert jede Abstammungsanalyse auf den Referenzdatenbanken des jeweiligen Anbieters. Welche Tiere dort als typische Vertreter einer Rasse hinterlegt sind und wie umfangreich diese Datenbanken ausfallen, kann sich von Labor zu Labor unterscheiden.
Noch spannender als die Rassebestimmung war für mich der Gesundheitsbericht. Schließlich entwickeln Katzen häufig Erkrankungen, die lange Zeit unbemerkt bleiben und oft erst entdeckt werden, wenn bereits Organschäden entstanden sind.
Das Labor untersuchte die Probe auf zahlreiche bekannte genetische Risikofaktoren. Dazu gehörten unter anderem Erkrankungen der Nieren und Harnwege, Herzerkrankungen, Augenerkrankungen, Stoffwechselstörungen, Erkrankungen des Immunsystems sowie genetische Veränderungen, die den Bewegungsapparat betreffen.
Screenshot: Michael van den Heuvel
Das erfreuliche Ergebnis: Für keine der untersuchten Krankheitsvarianten wurde bei Cinnamon eine genetische Belastung festgestellt. In sämtlichen Kategorien wurde er als Nicht-Träger eingestuft. Zwar erfasst der Test ausschließlich Mutationen, die bislang wissenschaftlich beschrieben wurden. Dennoch liefert das Ergebnis wertvolle Hinweise für die gesundheitliche Vorsorge.
Ein Beispiel ist das sogenannte PKD1-Gen. Veränderungen in diesem Gen können eine polyzystische Nierenerkrankung auslösen. Diese kann im schlimmsten Fall zu Nierenversagen führen. Besonders häufig tritt die Erkrankung bei Perserkatzen und verwandten Rassen auf. Bei Cinnamon wurde die entsprechende Mutation nicht nachgewiesen.
Von großer Bedeutung sind außerdem mehrere Gene, die mit der hypertrophen Kardiomyopathie (HCM) in Verbindung stehen – der häufigsten Herzerkrankung bei Katzen. Untersucht wurden unter anderem Varianten in den Genen MYBPC3, ALMS1 und MYH7. Sie enthalten die Bauanleitungen für Eiweiße, die für Aufbau und Funktion des Herzmuskels unverzichtbar sind. Auch hier ergaben sich bei Cinnamon keine Hinweise auf bekannte Risikovarianten.
Ein weiteres untersuchtes Gen war ABCB1. Es steuert die Bildung eines Transportproteins, das Arzneistoffe aus den Körperzellen herausbefördert. Funktioniert dieser Mechanismus nicht richtig, können bestimmte Medikamente im Körper verbleiben und unerwünschte oder sogar gefährliche Nebenwirkungen verursachen. Die Analyse zeigte, dass Cinnamon kein erhöhtes Risiko für die derzeit bekannten ABCB1-assoziierten Medikamentenunverträglichkeiten hat.
Zum genetischen Screening gehörten außerdem mehrere Gene, die das Sehvermögen beeinflussen. Dazu zählen KIF3B, CEP290, AIPL1 und CRX. Veränderungen in diesen Genen können verschiedene Formen der progressiven Retinaatrophie verursachen. Dabei handelt es sich um eine langsam fortschreitende Erkrankung der Netzhaut, bei der die lichtempfindlichen Sinneszellen des Auges nach und nach zugrunde gehen. Die Folge kann eine zunehmende Sehschwäche bis hin zur Erblindung sein. Auch hier wurden bei Cinnamon keine bekannten krankheitsrelevanten Varianten gefunden.
Darüber hinaus analysierte das Labor das CMAH-Gen, das für die Blutgruppe verantwortlich ist. Es bestimmt die Struktur bestimmter Zuckerbausteine auf der Oberfläche roter Blutkörperchen und entscheidet damit darüber, ob eine Katze die Blutgruppe A, B oder AB besitzt. Das Ergebnis war eindeutig: Cinnamon hat Blutgruppe A.
Mein ursprüngliches Interesse galt vor allem der Frage, welche Rassen möglicherweise noch in Cinnamon stecken. Am Ende erwies sich jedoch die Gesundheitsanalyse als der deutlich wertvollere Teil des Berichts. Die Erkenntnis, dass keine der untersuchten Krankheitsvarianten nachgewiesen wurde, bietet natürlich keine Garantie für lebenslange Gesundheit. Sie hilft aber, mögliche Risiken besser einzuordnen.
Vor allem zeigt der Test, wie weit die Genetik inzwischen ist. Was noch vor wenigen Jahren spezialisierten Forschungslaboren vorbehalten war, steht heute für ein überschaubares Budget auch Tierhaltern zur Verfügung. Wer wissen möchte, welche Geschichte im Erbgut seiner Katze verborgen liegt und welche gesundheitlichen Risiken möglicherweise bestehen, kann heute Antworten erhalten, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wären.
Bildquelle: Luiza Braun, Unsplash