KOMMENTAR | Weibliche Sexualität geht Hand in Hand mit Scham – das beginnt schon bei der Sprache. Aber für was muss sich Frau eigentlich schämen? Zeit, die Dinge beim Namen zu nennen.
Schamgegend, Schamhügel, Schamhaare, Schamlippen – als müsste sich das weibliche Genitale für irgendetwas schämen. Mit all diesen Begriffen sind wir aufgeklärt und großgeworden, benutzen sie im beruflichen Alltag und denken uns nichts dabei. Das ist erst einmal kein Problem und es soll auch nicht um eine ideologische Sprachpolitik gehen. Aber was wäre, wenn wir anfangen, umzudenken und neue schamlose Worte für den wunderbaren weiblichen Körper finden, um sie unseren Patienten hemmungslos zu präsentieren? Es geht nicht um eine Dringlichkeit – denn, ja, wir haben im medizinischen Alltag ganz andere Probleme zu bewältigen. Es geht vielmehr darum, manchmal im Kleinen das Große zu sehen und uns von überholten Dingen zu befreien.
Namen sind mehr als Schall und Rauch. Deshalb sollte der weibliche Intimbereich zu einem schamlosen Ort werden – jenseits der jahrhundertelangen Tabuisierung von allem, was mit weiblicher Sexualität zusammenhängt. „Scham“ hat sich aus dem Althochdeutschen „scama“ entwickelt, welches Verbergen und Peinlichkeit suggeriert. Andere Körperteile beschreiben das, was sie sind, nämlich Augen, Ohren, Arme und Beine. Dessen hat sich eine wissenschaftliche Sitzung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) bei einem Kongress 2024 angenommen, ohne einen allgemeinen Konsens zu erzielen.
Gynäkologen sind nicht per se Frauenversteher, aber vielleicht ein bisschen näher dran. Einige haben sich zusammengefunden, um das heikle Thema erneut gemeinsam zu betrachten. Im Ergebnis sind es Vorschläge, wie die weibliche Anatomie zeitgemäßer benannt werden könnte. Übereinstimmung herrschte darin, alle Scham fallen zu lassen:
Die Klitoris, ein neurovaskuläres Organ aus Klitoriseichel und unsichtbarem Schwellkörperkomplex wird im umgangssprachlichen „Kitzler“ seiner Hochsensibilität nicht gerecht. Und warum sollten wir nicht eine Vagina, die viel mehr als ein Aufnahmeorgan gleich einer Schwertscheide ist – nämlich Geburtskanal und Wegbereiter für die Menstruation – nicht lieber nur als solche bezeichnen. Den Vaginalsaum oder das Hymen „Jungfernhäutchen“ zu nennen ist riskant. Strukturell ist die Variationsbreite individuell groß, außerdem gibt es neben dem ersten sexuellen Akt noch andere Wege, wie der elastische, zirkuläre Saum seine ursprüngliche Form verlieren könnte. Beweisen lässt sich damit nichts und Rekonstruktionen sind daher fragwürdig. Einigkeit bestand darin, Begrifflichkeiten des Gebärens zu erhalten, wie Gebärmutter samt Gebärmutterhals oder Gebärmutterschleimhaut.
Für Frauenärzte macht es wenig Sinn, nur über Vulva und Vagina mit Patientinnen zu sprechen, die sich auf einem völlig anderen Sprachniveau befinden. Doch wir – und damit sind alle eingeschlossen, die Frauen medizinisch versorgen – möchten sie dort abholen, wo sie sind und nicht verwirren oder mit Fachjargon zutexten. Andererseits prägen Worte unser Denken. Wir können Mädchen und jungen Frauen andere Begriffe vorstellen, die frei sind von negativer Scham über ihren Körper. Wer zum eigenen Körper und der eigenen Sexualität ja sagen kann, hat auch eher den Mut zu einem Nein, wo es angebracht ist. Oftmals lassen sich die umgangssprachlichen Begriffe im gemeinsamen Gespräch ersetzen und einüben. Auch der internationale Trend geht weg von der Alltagssprache zu mehr neutralen Fachbegriffen, die fern von Moral und Tabuisierung seriös beschreiben, was wertfrei zu betrachten gilt.
Man sollte nicht übertreiben und Sprache, die es schon so lange gibt, von heute auf morgen umkrempeln wollen. Manch einer hat sich an den schamvollen Begriffen auch bisher nicht gestört, was kein Grund fürs Schämen ist. Vielleicht dürfen wir uns aber zum allmählichen Umdenken und Dazulernen und Neuaustarieren entwickeln und dabei eine Lust darauf, Neues zu kreieren, empfinden. Und es muss auch nicht bei Vulva und Klitoris bleiben, denn vielleicht fällt uns noch etwas Besseres ein.
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